Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 4 (1875)
- Issue
- Nr. 22. (15.11.1875)
- Date
- 1875-11-15
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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MW ^iicrnlutlilatl. @ie»chlung aller äubri- Juden betreffenden lien Erscheinungen aus riete derPbilasopdie.Ee-;ihnaftraphie.Lfiealogie, lia, Exegese, Homiletik, urgik, Pädagogik. J •0 e r a 11 ö g c 9 c b •; 11 von Rabbiner Dr. Moritz )kakiner Magdeburg, IS. November I87S Bücher der einschlägigen tileratur, welche der Red de» ״Jüd. rileralurdlalt" in Magdeburg! oder der ״Israel. Wochenschr." in Stettin 1 sugesandt werden, finden in diesem Platte eingebende Besprechung. Nr. 22. Erscheint, iv e i m a 1 nionatlich. Preis pro Jahrgang 4 Mark. Für die Abonnenten der ״Israelitischen Wochenschrill" ldie jährl. DMark kostet! gratis. Zn bezieben durch alle Buchhandlungen; in Leipzig durch Robert Friese 4. Jahrgang. Die Karaiten in der Krim. Es ist unzweifelhaft, daß sich in Armenien und in den j transkaukasischen Ländern, sowie im Osten des kaukasischen > Gebirges schon lange vor der Zerstörung Jerusalems Juden niedergelassen hatten, und es wird von vielen Anzeichen unterstützt, daß diese mit ihren wieder zurückgekehrten Landsleuten in Palästina in fortwährender Verbindung standen. Wenn nun die Juden Armeniens und des kaukasischen Isthmus schon lange vor Entstehung des Christenthums von ihrem früheren Vaterlande fern gewesen waren, so mußten naturgemäß die Bande, die schon vorher allmälig locker geworden sein mögen, nach der Zerstörung Jerusalems ganz und gar zerreißen, und es scheint iu der That in der späteren Zeit alle Verbindung aufgehört zu haben. Die armenischen und kaukasischen Juden erhielten sich die Lehre Mose's um so reiner, als sie zum großen Theil ungestört ihrem von! Vater auf den Sohn vererbten Kultus huldigen konnten. Ganz anders aber verhält es sich mit denen, die in Palästina zurückgeblieben und später vertrieben oder von selbst geflüchtet waren, denn bei ihrer allenthalben sehr untergeordneten Stellung nahmen sie von andern Völkern, unter denen sie lebten, wenn auch oft nur durch die Verhältnisse bestimmt, manches in ihren Kultus auf. Ueber die Einführung des Talmud entstand unter den kaukasischen Juden ein heftiger Streit; diejenigen, welche ihrem Glauben treu blieben, waren gezwungen auszuwandern, und begaben sich nach der Krim. Nach diesem kann man die Karai'ten keineswegs als eine jüdische Sekte ansehen, die sich von der Mutterkirche getrennt hat. Klein an Zahl, vielleicht in Allem nicht über 12,000 Köpfe zählend, aber stark durch ein inneres Lebensprinzip, beharren die Karai'ten bei ihrer Lehre, ihrer Sitte und ihrer eigenthttmlichen Lebensweise mit einer bewunderungswürdigen Unerschütterlichkeit. Ihre Dauerhastigkest hat sich bewährt durch eine über ein Jahrtausend bestehende Geschichte, durch Ueberwindung großer Hindernisse in den ersten Jahrhunderten ihres Daseins, durch eine sich gleichbleibende innere Haltung und durch möglichst klare Auffassung ihres Prinzips. Dem äußeren Drucke verdanken die Karai'ten in dieser Beziehung sehr wenig, denn seit vielen Jahrhunderten genießen sie eine ganz ungestörte Freiheit; dem inneren Drucke noch weniger, denn von geistlicher Gewalt ist bei ihnen nicht die Rede; der Unwissenheit und deni FanatismuS darf man nicht zu viel beimefleu, denn sie suchten, so gut wie die Gelehrten unter den übrigen Juden, stets fremde! Wissenschaften zu erwerben, soweit ihnen solche aus arabischen j Quellen zuflossen; kurz, bei ihnen zeigt sich deutlicher als I irgendwo die Gewalt des inneren Prinzips. Was die Satzungen der Karätten anbelangt, so glauben sie an die unbedingte Einheit Gottes, wie Moses sie gelehrt, an ein ewiges Leben, an die Auferstehung der Todten, an die Freiheit des menschlichen Willens, dem durch die Offenbarung der rechte Weg zur Seligkeit gezeigt ist. Sie verwerfen alle rabbinischen Traditionen, indem sie behaupten, daß nur das mosaische Gesetz die.einzige, bleibende Quelle alles religiösen Lebens und aller juridischen Entscheidungen bilden müffe. Sie haben zwar nachmals nicht umhin gekonnt, sich ein anderes traditionelles Gebäude aufzuführen, aber dem Grundsätze, daß es jedem ihrer Meister freistehe, die heilige Schrift ohne Rücksicht auf das Ansehen ftüherer Erklärer, durch eine eigene, neue Exegese zu beleuchten, sind sie doch treu geblieben. Von jeher ging ihr Streben nicht auf Reichthum und äußeren Glanz, desto mehr befleißigten sie sich eines sittlichreligiösen Lebenswandels. Handwerke, Ackerbau und Handel mit Lebensmitteln waren fast die ausschließlichen Erwerbszweige, die sie sich erwählt. Die Geschichte der Karätten ist nur sehr dürftig an Thatfachen. Die Begründung chres Widerspruches gegen die Rabbiner, bald im Allgemeinen, bald im Einzelnen, ist der fast ausschließliche Zielpuntt ihrer literarischen Thätigkeit geblieben. So viele Bücher auch von ihnen verfaßt wurden, und eS sind deren niitunter sehr umfangreiche Werke dogmatischen, phllosophischen, historischen und grammatischen Inhalts (alle theils in arabischer Sprache, theils in einem arabisirenden Hebräisch geschrieben), alle haben dasselbe Hauptziel, daher ihre ganze Literatur fast nur das Jntereffe des Parteienkampfes, nicht aber das des selbstthätigen Geistes oder neuer Schöpfungen gewährt. Die Zunahnie der Zahl rabbinischer Juden in den Gegenden, wo die Karätten angesiedelt waren, that chnen großen Abbruch und war vielleicht eine Hauptursache ihrer Verminderung. In Folge des Verfalls ihrer Gemeinden trat auch ein Sinken ihrer Geistesthätigkeit ein, und ungeachtet ihrer steten Rückkehr zur heiligen Schrift sind doch die älteren Werke ihrer Lehrer dergestalt in Ansehen gestiegen, daß deren Gebot für heilig erachtet wird und die geringsten Angriffe gegen dieselben heftige Streitigkeiten unter ihnen erzeugten.