Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 4 (1875)
- Issue
- Nr. 21. (1.11.1875)
- Date
- 1875-11-21
- Page
- Seite 83 (sequence 3)
- Language
- German
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83 Indien kam, bewarb er sich merkwürdigerweise um die Freundschafl dieser Juden, und schickte sogar eine eigene Botschaft an ihre Glanbcnsgeiiosse!» in der Stadt Guzurate, um ihnen seinen Gruß (Salame) entbieten zu lasse». Außer diesen wenigen Nachkommen der zehn Stämme giebt es in Indien noch einige tausend spanische und arabische Juden. Erstere sind erst uni die Mitte des sechzehntel» Jahr- Hunderts daselbst eingewander., Letztere hingegen können über die Zeit ihrer Einwanderung in Indien nichts Genaues angeben. Aller Wahrscheinlichkeit nach jedoch hat dieselbe schon um das siebente Jahrhundert post begonnen, um welche Zeit der Islam in Arabien sich auszubreiten begann und die Inden daselbst ihres Glaubens wegen viel zu leiden hatte». Biele von ihnen wanderten daher nach Indien aus, »nährend die Zurückgebliebenen tributpflichtig und geknechtet wurden. Große jüdische Gemeindei» komnlen heute in Jndici», mit Ausnahme der Stadt Bombay, nicht mehr vor, und man kann ganze Länderstrecken daselbst durchwandern, ohne auch nur aus einen einzigen Juden zu stoßen. Im Ganzen genonimen dürsten im indo britischen Reiche, das zweihundert undvierzig Millionen Einwohner da», ungefähr zehntausend Israeliten wohnen. I» den Königreichen ־t irma. Siam und Cambodga, dann auch im Kaiserreiche Anam und aus der Halbinsel Malacca haben nie Inden gelebt und leben auch heute nicht. Zwar existirt in der zu Frankreich gehörenden hinterindischen Stadt Saigon eine winzig kleine jüdische Gemeinde; dieselbe datirt jedoch ans allcrneuester Zeit und ist französischen Ursprunges. Wenden wir uns nun zu den Juden im Himmlischen Reiche. In China ist bis jetzt mir eine einzige jüdische Gemeinde bekannt, nämlich die zu Kai-fong-su am Ho-ang ho in der Provinz Ho-nam. (Arabischen Geographen zufolge soll es auch in M nam, das im Süden des Reiches der Mitte liegt und eine gemischte Bevölkerung von Chinese» uird Mahomedauern Hai, Juden geben; sichere Nachrichten jedoch fehlen noch darüber.) Die Juden in Kai-song-sti nun. deren Anzahl seit zivei Jahrhunderten bedeutend abgcnommen hat — es soll jetzt dort kaum noch zivöls jüdische Familien geben — erzählen, ihre Voreltern »väien unter der Dynastie Han nach China gekomlncn. Diese Dynastie nun ist die sünste unter den zwciundzwanzig Dynastien, welche bis aus den heutigen Dag in China geherrscht haben, und gelangte 206 vor Chlistus aus den Thron. Doch bezieht sich diese Zeitangabe nur aus ihre Riederlassung in der Stadt Kai soug fu, während sie nach China schon ein Jahrhundert früher gekommen z>» sein behaupten, unb zwar uugesähr um die Zeit, als Alexander der Große das Reich des DariuS zertrümmerte und die Kriegssackel beinahe bis an die Grenzen des heutigen China trug. Ihre Sprache ist heute das chinesische, das sie aber niit altpersiichen Worten vermerlgt - eine Folge des früheren Aufenthaltes ihrer Voreitern in Persien — sprechen. Auch ihre Tracht ist die chinefische, und fehlt dabei natürlich auch der lange Zopf nicht. Früher besaßen sie auch eine herrlich gelegene Synagoge, die aber seil einigen Jahren schon ein Trümmerhaufen ist, da es der Gemeinde an den nöthigen Mitteln zur Reiwvirung derselben gäirzlich fehlt. Nicht ohne Interesse ist die Schilderung dieses ehemaligen jüdisch-chinesischen Gotteshauses. Dasselbe lag mit der Richtung gegen Westen hi», wo die heilige Stadt Jerusalem liegt. Auf ihrer Außenseite stand mit chinesischen Lettern geschrieben, daß sie ״Ti-au-van" (dem Herr» des Weltalls), der zugleich der ״Betze" (Schöpfer aller Dinge) ist'Heivtiht sei. Sitze gab cs in dieser Synagoge keine — auch in den Synagogen Arabiens kennt man die Sitze nicht, und als vor einigen Jahren der in London Leadenhall-Street, gegenüber von ״S. Teacon's News Rooms" etablirte jüdische Bankier David Sajsoon über den Sabbatl) in Aden weilte, befahl er, aus seine Kosten die dortige Synagoge mit Bänken "zu versehe»», die aber der Cultusvorstcher, der erblindete Bankier Rabbi Musa Kohen, statt in die Synagoge hinter einen Schuppen stellen ließ, >vo sie noch heute stehen sollen — dagegen befand sich in der Mitte derselben ein erhöhtes Betpull, auf dem jeden Sabbath die Thora verlesen wurde. Dieses Betpult war auch geziert mit einer großen broncenen Tafel: ״Van-su-i-pai" (die Tafel der zehntausend Jahre) genannt, aus der der Nams des eben regierenden Kaisers mit vergoldeten chinesischen Lettern geschrieben stand. Neben der Synagoge befand sich ein kleines Gemach zum Aufbewahren der Räucherpsannen und des Quan (Pentateuch), und wurde!» daselbst oft a!»ch die ,Mnglin" (Kenner des Gesetzes) bewirthet, und zwar stets aus Gemeind«- kosten. Jede der daselbst ausbewahrten Räucherpsannen trug einen biblischen Namen, als: Ablahama *) (Abraham), Jizchak, Moses, Aalon (Aaron) u. s. w. Rebe!» der Synagoge stand wieder das Schulgebäude der Gemeinde, in dem auch armen Gemeinde- »»itgliedern sreies Quartier gewährt wurde, und hielt man daselbst auch die ״King" (Thoras) aufbewahrt. Als Oberhaupt der Synagoge galt der ״Tschang-ki an" (Oberpriester), zu dessen Psiichten es auch gehörte, die Kinder im ״Jstalel Ki-au" (Gesetz Israels) oder Ki ki-au" (Judculehre) zu unterrichten. Außer dem Pentateuch ״Qua!»" besitzen die Juden Chinas ganz so wie ihre übrigen GlaubenSbrüder eine große Menge von ״Pa-i-tong" (Gebetbüchern), dann ״Pa-pi-en" (ErbauungSbüchen!) und ״Ti-en Ki-au" (göttlichen Schriftrollen). Auf die Frage eines anglicanischen Missionärs, ob ihnen auch der Nanie ״Jesus, Sohn der Maria", bekannt sei, antworteten sie, daß sie wohl einen ״Jesus, Sohn Sirach's", aber keine» ״Jesus, Sohn der Maria", kennen. Und auf die Frage des katholischen Misionärs P. Gozzani, ob sie auch Consucnls verehren, erwiderten sie, daß sie nicht nur ihn, sondern auch die anderen großen Männer Chinas verehre» und ihr Andenken theuer halten Was dagegen ihre eigenen große» Mänirer und Gelehrten betrifft, so halten sie dieselben nicht nur hoch in Ehren, sonder» räuchern ihnen auch und beten für ihre ewige Ruhe. Ein ähnlicher Brauch findet sich auch bei den übrigen Juden im Oriente, wo immer am Vorabende des Verjöhnungstages nicht nur für das Heil und lauge Leben des Landesbeherrschers (Sultans, Schah, Khedives, der Königin Victoria u. s. »».), sondern auch für die ewige Ruhe der verstorbenen Eltern und großen Gelehrten gebetet wird Bei Letzteren wird zugleich erwähnt ״der Verfasser des Buches so-und-so", und strebt daher jeder dortige Gelehrte danach, wenigstens ein Ata- Mlscript zu hinterlassen, auf daß bei de» Haschkabolh (Seelenmessen) gleich nach seinem Name!» auch der eines geistigen Kindes genannt werde. -Hebräische Traditionen in den hirronymianischen Schriften. Vom Herausgeber. «Fortsetzung aus Nr. 1.) 2) Bo» nicht zu unterschätzender Bedeutung für die Richtigstellung einer streitigen Lesearl in den hebräischen Quellen in die masioretische Bemerkung in den Quaestiones zu der schwierigen Stelle 1. B. Könige Kap. 5, 12 וידבר שלשת ׳אלפים משל וכי ße lautet: In pioverbiis enim versus nongenti et quindecim continentur, in quibus eliam continentur tria inilia j-ambolae. ״In den Proverbie!» befinden sich 015 Verse, welche drei ta»»send Parabeln enthalten." Man ist überrascht, bei Hieronymus eine solche massoretiiche Notiz zu finde», die, was die erste Hälfte anlangt, wörtlich mit der scheinbar aus späterer Zeit stammenden Masiora-Angabe zum Schluß des Provcrbienbuches סכום פםוקים שיל ם׳משילי תשע מאות וחמשה עשר übeeeinuimmt. und man wäre sichersich geneigt, aus dieser Stelle allein schon die Unächlheit der Quaestiones zu deduciren und dieselben in eine spätere Zeit hinabzurücken. Allein abgesehen davon, daß das Zählen der Verse einzelner biblischer Bücher schon im Talmud vorkommt, vgl. Tract. Kidduschin 60 a, woselbst aus einer Boraitha die Versanzahl des P e n t a l e u ch, der P s a l m e n und der C h r o n ik angegeben »verden, wird im Tract. Nedarim 67 b die Versob- *) Di« •3116011 Chinas kömion «benjoivcnig wi« di« Chinesen selbst das ״v" ausiprochen, und frtztn an dessen Llelle stets «in 1״"; z. B. ״Ablahama" (Abraham) ״Satah" (Sara) u. s. 1v.