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Das jüdische Literaturblatt · 1875-10-15 · Nr.20. (15.10.1875) · p. Seite 79

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Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
4 (1875)
Issue
Nr.20. (15.10.1875)
Date
1875-10-15
Page
Seite 79 (sequence 3)
Language
German
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79 aus Venedig und der Mantuaner Rabbiner Marco Mortara, die letzten drei aus der Bibliothek zu Bologna. Hr. N. ist nunmehr im Besitze sämmtlicher Stimmparthien und damit beschäftigt, das Ganze nach unserem heutigen Notensystem correct umzusetzen und das epochemachende Werk durch den Druck zu veröfsentlichen. Tcr Abonnemcntsprcis soll aus 35 Frcs. normirt werden. R e d a c t i o n. Bibel und Geologie. Bei der Beisetzung der Leiche des derühinten Geologen Sir Charles Lyell, in London, wurde vie Denkrede von dem freisinnigen Dechanten von Westminster, Reo. Stanley, über 1. Mosis 1, 2 gehalten. Sie war als eine Beleuchtung des Verhältnisses der wissenschaftlichen Forschungen über die Entstehung und Gestaltung der Erde zu den Worten des Alten Testamentes sehr bemerkenswerth, und verdient in diesem Blatte mitge:heilt zu werden: ״Die Worte der Schrift," so lautete die Rede in der Kürze, ״bedeuten mehr, als sich aus dem bloßen Wortlaut ergibt. Sie drücken den Uebergang vom Chaos der Unordnung in den Kosmos, die Ordnung, aus; die poetische, kindliche, bildliche, unwissenschaftliche Sprache der Bibel erfüllt uns mit dem Eindrücke, daß unter der Wirksamkeit Gottes, der wie ein Friedensengel über dem Kampf der Elemente schwebend dargestellt wird, in der sittlichen wie in der Körperwelt sich der Uebergang von Verwirrung zur Ordnung, von Nacht zu Licht vollzieht. Seit den! Austauchen der Geologie sind verschiedene Versuche gemacht worden, die Ergebnisse ihrer Forschungen niit dem Wortlaute der Heiligen Schrift in Uebereinstimmung zu bringen. Zwei Arten dieses Versuches sind endlich glücklich ein überwundener Standpunkt geworden, der eine: die Bibel wie eine ivissenschaftlichc Ab- Handlung zu betrachten, und der andere: die Wissenschaft zu verfälschen, um sie mit den angeblichen Forderungen der Bibellehre in Uebereinstimniung zu bringen, wie jenes von den siebzig Männern, dieses von den Jesuiten geschehen ist. Aber es gibt etwas Besseres als diese Versuche, nämlich die Erkenntniß, daß der Geist und Sinn sowohl wie die Darstellung der Bibel einer- und der Wisienschaft andererseits in Wirklichkeit sich gar nicht feindlich gegenüberstehen. Es kommt gar nicht darauf an, ob die Forschungen der Geologen und namentlich auch des Verstorbenen über das Alter und die allmälige, langsame Entstehung der Erde mit den Buchstaben der Bibel übereinstimmen. Im Gegenlheil: sie können es gar nicht, denn wenn es auch gar keine wissenschaftlichen Schlüsse gäbe, so wüßten wir doch aus unserer jetzigen Kenntniß der Art und des Ursprungs der frühesten biblischen Aufzeichnungen, daß sie prosaische, thatsächliche, buchstäbliche Beschreibungen des Weltansangs nicht waren und nicht sein konnten, da dieser ebenso wie das Weltende der menschlichen Auffassung gar nicht anders als durch Bilder und Gleichnisse zugänglich gemacht werden kann. Jeder, der sich mit dem Studium der Bibel einigermaßen eingehend beschäftigt hat, weiß, daß das erste und zweite Capitel des ersten Buchs Moses eine in allen Einzelheiten einander widerstreitende Erzählung von der Weltschöpfung enthalten, und das ist der unwiderleglichste Beweis für das bildliche Wesen der biblischen Schilderung. So wemg wie heutzutage auch ein vernünftiger Mensch, gestützt aus die Bibel, behauptet, daß die Erde unbeweglich ist, daß die Sonne buchstäblich ״wie ein Bräutigam aus ihrer Kammer hervorlritt," daß im Ansange der Schöpfung die Sterne mit vernehmlicher Stimme Gesänge anstimmten, so wenig sollte man noch irgendwo behaupteit, daß die Erde vor etwa 6000 Jahren innerhalb sechsmal 24 Stunden aus dem Nichts hervorgegangen sei. Aber wenn wir uns zu den» Geiste und Sinne der Bibel erheben, so finden wir, daß die Forschungen der Geologie die alten religiösen Wahrheiten mit neuen» Leben erfüllen und von jenen einen verklärenden Glanz empfangen. Wenn der Forscher sagt, daß die Schichten der Erde durch die fortwährende Thätigkeit von Wind und Wetter, von fluthendem Eise und rollenden Steinen gebildet wurden — nach einem und demselben ursprünglichen Gesetze, nicht von verschiedenen Mitteipunkten von Kräften aus — was ist das Anderes, als der Widerhall der Stimmen, die in grauer Vorzeit verkündeten, daß im Anfang Himmel und Erde geschaffen worden sei, nicht von tausend kämpfenden Göttern, sondern Einem obersten und unendlichen, und daß dieser allen Dingen ein Gesetz gab, das nicht verletzt werden darf? lind wir können die unendlichen Zeiträunw, von denen die Wisienschaft spricht, neben die Worte des Psalmensängers stellen: ״Tausend Jahre sind vor dir wie der Tag, der gestern vergangen ist und wie eine 'Nachtwache!" Größer und erhabener ist die Lehre der Wisienschaft als die Darstellung der Sage, die den Menschen gleichzeitig niit den Thteren, die dem Untergang geweiht sind, entstehen läßt Der wisienschaftliche Forscher hat den Vorhang des Tempcls zerrisien, und die langen Säulenhalle» des Hauses des Ewigen, das nicht mit Händen genmcht ist, sind den Augen der Menschheit enthüllt. Das Jagen nach der Wahrheit mit der Heiligkeit einer religiösen Pflicht zu umgeben, ist die nahe Versöhnung zwischen Religion und Wisienschaft." Randglossen zur heilige« Schrift. Von Rabbiner I. Stern in Buttenhausen. (Fortsetzung u. Schluß.) 29) Psalm 2, 8. Diese Ode bezieht sich, wie Hitzig richtig findet, aus Unterwerfung rebellischer Staaten unter Israel. Der Sohn Gottes ist der König von Israel nach 2. S. 7, 14. Jes. 89. 27—28. Das אני היום ילידתיזז heißt, wenn nicht das besungelie Factum mit dem Regierungsantritt des fraglichen Königs zusammensällt. ״Du bist mir wie ein neugeborener Sohn", Ausführung der Metapher in Steigerung des Verhältnisies der Sohnschaft. 30) 8. 1. Eigenthümlichkeit der hebr. Lyrik. Sie besingt einen Gegenstand lei» Factum, eine Naturerscheinung) so, daß die Behandlung desielben den eigentlichen Leib des Gedichtes bildet, während dieser zu Anfang und Ende entweder von ganzen Strophen, oder einigen Versen eingefaßt ist, welch«. Reflexionen darüber enthalten und dem Poem ein schönes Relief geben. Cf. z. B. Ps. 29. 31) 8, 3. Der Vers hat weder an sich einen natürlichen Sinn, noch paßt er in den Zusammenhang, in ein Lied über die Pracht des gestirnten Himmels. Ist er nicht ein hierher versprengter fragmentarischer Vers aus einem andern Psalm, so wage ich folgende Hypothese aufzustellen: Zunächst die Uedersetzung nach Hitzig: ״Aus dem Munde der Lallenden und Säuglinge hast du gegründet eine Wehr, von wegen beiner Widersacher, um abzuhalten den Feind und Rachgierigen". Ich halte es nicht für unmöglich, daß der Verfasser hiermit das schönste gigantische Sternbild des Orion meint, den 22'ל (cf. Amos und Hiob des. Hiob 38, 31), den die Alten für einen gottlosen Titanen hielten, der thöricht (כסיל) und vermessen mit seiner Keule gegen die Gottheit anstürmt. Die Wehr, die ihil abhalten soll, ist die Milchstraße, die in ihrer Stellung zu diesem Sternbild in der That so aussieht, als ob sie eine Mauer wäre, den Vermesiene» abzuhalten, daß er nicht in die Sphäre der Gottheit dringen kann. Denn ohne Zweifel haben die Alten die Sphäre hwter der Milchstraße, woselbst der Nordpol des Hinrmels mit dem Polarstern Lymosura, als den Sitz der Gottheit gedacht; da dieser Punkt unbeweglich ist. mährend der ganze Himmel sammt dem Sternen- Heer sich um ihn zu drehen scheinen. S. des. auch Ps. 48, 3. Jes. 14, 3. Daß der Ps. mit diesem Phänomen anhebt, ist nicht auffallend, da Milchstraße und Orion die auffallendsten Erscheinungen anl gestirnten Himmel sind. Die ersten Worte des Verses weiß ich freilich nicht zu erkläre» bei unserer Unkenntniß der astrognostischen Anschauungen der Hebräer; doch mögen sie auf eine hebräische Anschauung der Milchstraße sich

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