Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 4 (1875)
- Issue
- Nr.20. (15.10.1875)
- Date
- 1875-10-15
- Page
- Seite 78 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/5367336-5990816-5990960--0502-5367552- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
78 Ranges gewesen, der als Gesanglehrer im Dienste der Herzöge von Mantua angestellt gewesen war. Fromm, von einem edlen und großen Charakter, war er von den Christen wie von den Israeliten geehrt. Leon ist stolz, sich seinen Freund nennen und die Aufgabe lösen zu können, die er übernommen, d. h. die Correctur des Textes und das Anpassen der hebräischen Wörter, was vermuthen läßt, daß er selbst ein guter Musiker war. Cr spricht von den! liefen Eindruck, welchen diese Gesänge a ,f die Glaubenstreuen hervorbrachte uiit» proclamirt ihren Verfasser als den würdigen Nachfolger des Königs David: ״Wie der Psalmist wird er die Harfen und Freudengesänge unter dem Volke Israel ertönen lassen, das vom Drucke und dem Exil aus sremder Erde befreit worden ist." Das letzte Schriftstück ist ein שאלה תשיבה (kasuistische Conjultation) von 4 renommirten Rabbinen, welche peremtorisch seststellen, daß die Einführung der Vokalmusik in die Synagoge keineswegs im Widerspruch mit den talmudischen Vorschriften stehe, daß es im Gegentheil ein gutes, nützliches und verdienstvolles Werk sei, aus der Liturgie die gewöhulichen und trivialen Melodien zu verbannen und den Geschmack für wirklich-religiöse Musik zu läutern. Diese Response endet mit der Drohung des Bannes gegen diejenigen, welche es versuchen würden, sich dem rabbinischen Urtheil zu widersetzen und die Rassischen Schirim zu verunstalten. Man kann sich nicht genug darüger wundern, daß im 17 Jahrhundert, zu einer Zeit, wo die Vorurtheile, der Fanatismus und die Verfolgungen gegen die unglücklichen lleberreste des jüdischen Volkes noch in ihrer ganzen Kraft bestanden^ ein obskurer Israelit die Thüren des Ghetto von Mantua hat sprengen und durch sein Talent eine Stelle und einen Flamen unter den besten italienischen Musikern hat erobern können. Erinnern wir uns, daß am Ende des 16. Jahrhunderts die Inquisition sich in Italien den schrecklichsten Grausamkeiten gegen die Juden überließ, und daß im Mai 1556 die Bewohner von Ancona auf dem Scheiterhaufen 24 spanische oder portugiesische Marannos haben sterben sehen, deren einziges Verbrechen darin bestand, zu dem Glauben ihrer Väter, den man sie abzuschwören gezwungen hatte, zurückgekehrt zu sein. * *) Erinnen» wir uns, daß die päpstliche Censur zu dieser Zeit in tausenden von Exemplaren den Talmud und alle andern gläubigen Werke, die sie in den Schatten stellte, verbrennen ließ. Die italienischen Jsraelitei» waren unter diesem grausamen Regime beinahe in die Unmöglichkeit versetzt, den Fortschritten der Künste und Wissenschaften zu folgen und sahen sich auf das alleinige Studium des Talmuds beschränkt. Ich iviederhole es: man kann es nicht genug bewundern, daß de Rojsi es hat ermöglichen können, seine Samlung hebräischer Gesänge zu veröffentlichen. Gleich seinem berühmten Zeitgenossen, Palestrina, wollte auch de Rossi die religiöse Musik seiner 'Ration wieder auferwecken.**) Seine Sammlung besteht aus 28 Stücken, mit *) Der Dichter Jacob v. Fano hat di« Namen dieser 24 Märly» rer in emer rührmden Elegie unsterblich gemacht. * *) De Nossi war nicht der Erste, welcher sei Zerstörung des Tempels zu Jerusalem versuchte, einen geregelten Gesang in den Synagogendienst einzuführm- Die Voeal-Musik blühte im 12. Jahrhundert bei dm orientalischen Juden. Gerade zu dieser Zeit besuchten die berühmten Neisenden Benjamin von Tudela und Petach a aus Regensburg Egypten und Syrien. Petachia beschreibt die Art. in welcher man den 4, 6 und 8 Stimmen. Das ist ein unabweisbarer Beweis, daß er die Harmonie, den Conlrapunkl und die Fuge gründsich studirt hatte. Die zahlreichen Pausen, welche man in den getrennten Parthien findet, zeigen, daß der Compositeur sich des contrapunktischen Styls für den Stimmengang bedient hal. Dian wird ihn vielleicht tadeln, mehrere Riale dieselben Worte, und selbst den ')!amen Gottes, was in der Liturgie der Synagoge nicht erlaubt ist. wiederholt zu haben. Aber man wird ihn entschuldigen, wenn man bemerkt, daß er dieses Verfahren für den Beginn der isolirten Parthien in den 8stimmigen Psalnien einschlägt. Seine Größenbezeichnung ist die, welche im 16. Jahrhundert im Gebrauch war, das heißt: daß sie aus viereckigen Zeichen nnd verschobenen Vierecken ohne Taktstriche bestand. Die Kreuze vor der Note stehen dort, aber nicht das Quadrat 8, das man nicht kannte nnd durch das B-moll ersetzte. Die Stücke sind in den Tonarten 6 (Sol inajeur). C (Ut majeur), A (La rnineur), F (Fa majeur), und D (Re mineur). Vielleicht hat der Autor, indem er seine Musik nicht mit zu viel Kreuzen und 6-moll überladen hat, das Lesen seines Werkes erleichtern wollen? Der hebräische Text steht von der Linken zur Rechten, nicht in Sylben, sonder ganzen Wörtern, was allerdings für den Leser sehr unbequeni ist. Weder die National-Bibliothek, noch die des Pariser Conservatoriunls, ebensowenig als die Bibliothek in Brüssel, besitzen etwas Mehreres von den Compositionen Rossi's. Vergebens habe ich mich thätigen Nachsuchungen hingegeben, um die anderen Theile der Schirim unseres Autors zu finden; ich habe keine Spur davon gesehen. Ein Theil des Sopran, wenn man ihn entdeckte, könnte schon mit denen, welche man kennt, eine Idee von den nielodischen Formen dieser Sammlung geben, und man würde wahrscheinlich dahin gelangen, einen Vergleich zwischen dem Styl dieser Gesänge und dem der Madrigale llnd Motetten der flämischen, italienischen und französischen Schulen zur Zeit der Renaisiance anzustellen. Ich wende mich also, indem ich diese Notiz beende, an die Gefälligkeit der Liebhaber religiöser Musik, an die Gelehrten aller Länder und besonders an meine italienischen Glaubensgenosien, die vielleicht in ihren Händen die vollständige Sainmlung Rossi's haben, mit der Bitte, dieselben mir mitzutheilen, oder die mir fehlenden Parthien abzuschrsiben, ich würde sie gern in Partitur setzen und so ein für die niusikalische Kunst - ebensowohl, als für die Geschichte der modernen israelitischen Gesänge hochinteressantes Werk wieder Herstellen. Paris. Naumbourg. Der Aufruf des Herrn Naumbourg war. wie uns derselbe brieflich mittheilte, vom schönsten Erfolge gekrönt. Der Herr Baron Eduard v. Rothschild besorgte zwei der fehlenden Hefte Sabbathdienst in der metropolitanischen Synagoge zu Bagdad feierte. Er sagt, daß der Lhasa» und ein zahtreicher Chor von Männer« und Kindern >!1it einer vollkommnen Uebereistimmung (wahrscheinlich nach den Regeln der arabischen Musil, über welche man eine, z«ar ein wenig dunkle Auseinandersetzung bei dem berühmten Gao» Saadjah findet) Hymnen und Psalmen sangen. Einer der Vorsteher der Gemeinde, Abkömmling d«S Propheten Samuel, welcher all« musikalischen Traditionen seine» großen Vorfahrm besaß, stand bei der Tebah (Betpult) und überwachte ausinerksam die Sänger. Wenn einer der Choristen sich irrte, oder wenn der Ansatz gewisser Stimmen verfehlt war, genügte ein Zeichen mit sei» nen Fingern, von dm Sängern verstandm, um dies« zurückzuführen oder um unter ihnen die augenblicklich gestörte Ordnung aufrecht zu erhalten.