Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Literaturblatt · 1875-08-15 · Nr. 16. (15.8.1875) · p. Seite 62

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
4 (1875)
Issue
Nr. 16. (15.8.1875)
Date
1875-08-15
Page
Seite 62 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/5367336-5990816-5990957--0482-5367540
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

— 62 — Was nun aber hauptsächlich bak Schwein anbetrifft, so ist zwar für jetzt nicht nachgewiesen, daß gut gekochtes Schweinefleisch schädlich ist. Ob dieaber in der Folge nicht ebenfalls noch geschehen wird, kann bei der Unkenntniß über die Genese wlzähliger Leiden nicht füglich von der Hand gewiesen werden. So möchte ich also im Sinne Moses glauben, daß das Schwein dem gesunden Menschen als Nahrung widerstrebt, daß es gegen den normalen Jnstinct ist, dasselbe zu effen. 2) Zur obligatorischen Fleischschau Von Dr. Kornfeld, Kreisphysikns in Wohlan. Die nunmehr bald allgemein in Kraft tretende Verordnung, daß alle, auch privatim, geschlachteten Schweine aus Trichinen untersucht werden müssen, hat zu dem vorstehend abgedruckten Aufsatze eine eigenthümliche Illustration geliefert. Von der Nothwendigkeit, daß der Genuß des Schweinfleisches ohne die Untersuchung zu verbieten ist, sind wir zwar ebenso überzeugt, als wir es jetzt für zu ftüh erachten, bei dem Standpunfte der allgemeinen Bildung unseres Landvolkes namentlich das Schweinefleisch zu verbieten. Betrachten wir indeß den colossalen Apparat, der mit obiger Verordnung in die Praxis des täglichen Lebens eingeführt wird. Vergegenwärtigen wir uns, daß bei der relativen Teltrnheit der ärzlichen Behandlung auf dem Lande eine Controle über die Zuverlässigkeit der mikroskopischen Untersuchung sehr häustg fehlt, bedenken wir endlich den großen Eingriff in daS Privatleben, dem in analoger Weise kürzlich die allgemeine Jmpftiflicht vorangegangen ist, so werden wir uns billig immer wieder fragen müssen: Ist der jetzt von der Medicinalpolizei eingeschlagene Weg der richtige? CS kann gewiß nicht fraglich erscheinen, daß wir in Bezug aus Hygiene solidarische Interessen haben, daß wir uns nicht wegen abweichender Ansichten den sonst anerkannten Maaßregeln zum allgemeinen Schutze entziehen können. Wir müffen also, selbst im Bewußtsein gewiffer Bedenken, uns impfen laffen. Wie aber, wenn auch für Cholera, Masern, Scharlach, Diphtheritis rc. eine Impfung entdeckt würde? Sollen wir uns gegen alle diese Krankheiten einer, wenn auch kleineren Krankheit prophylactisch unterwerfen? Wenn wir, wie jetzt mikroskopisch nachweisbare Veränderungen in dem von Moses verbotenen Schweine, so einmal chemische in dem noch schärfer von demselben Gesetzgeber untersagten Blute auffänden, würde man dann überall Chemiker analog den Fleischschauern anstellen? Ich will diese unbestreitbaren Möglichkeiten nicht ausführen. Wie aber die Medicin danach strebt, nicht die Symptome zu curiren, sondern die Krankheit, so soll die Hygiene, die Gesetzgebung nicht für jedes Symptom einer schlechten Nahrungsweise, Aufenthaltes rc. ein Gegenmittel aufftellen, sondern rationelle, allgemeine, Jedem zugängliche Grundsätze zu finden suchen, wie sie (nnd dies zu zeigen ist der Zweck dieser Zeilen) eben jedem Denker in der mosaischen Gesetzgebung gegeben erscheint. Der große Unterschied, den Moses zwischen reinen und unreinen Thieren, zwischen Pflanzensreffern und den übrigen macht, ist Birchow jedenfalls nicht entgangen, als er in der ״Darstellung der Lehre von den Trichinen" S. 47 schrieb: Ich betrachte es zunächst als ausgemacht, daß als verdächtig nur die fleischfteffenden, die ״unreinen" Thiere anzusehen sind. Vielleicht haben wir nun in dem Vorkommen der Trichinen eine eclatante Probe auf die Richtigkeit der mosaischen Speisegesetze. Bekanntlich hat Moses auch Pferd, Kaninchen, Hasen verboten, und es wäre dann theils a priori (da z. B. Kaninchen chre eigenen Jungen freffen) wahrscheinlich, daß diese Thiere keine reinen Pflanzenfresser sind, theilS des Versuches dringend bedürftig, ob in der That die von Moses für die ״reinen" Säugethiere angegebenen Zeichen: Wiederkäuer plus gespaltenen Klauen auch die für Unübertragbarkeit der Trichinen sind. Leider steht einem Landarzte die Literatur nicht genügend zu Gebote, um zu wiffen, ob gelungene FütterungSversuche mit trichinösem Fleische an Schaafen, Ziegen, Kälbern rc. gemacht worden sind. Höchst wichtig wären solche Versuche aber namentlich auch für die Frage: Ob der Mensch Vegetarianer ist. Denn stände es fest, daß in Thieren, die von Natur für Pflanzenkost bestimmt sind, Trichinen weder Vorkommen, noch durch künstliche Fütterung so eingeschleppt werden können, daß sie in deren Muskeln aufgefunden werden, so erhielte die alte Streitfrage von der Bestimmung des Menschen zum Fleischeffen oder sich nur von Pflanzenkost zu nähren, eine einfache Lösung. Würde sich nun aber schließlich aus den Versuchen ergeben, daß die mosaischen Speisegesetze auf richtigen Principen beruhen, so wird dieses Resultat um so mehr dazu anfeuern müffen, jedes dieser Gesetze einer wiffenschastlichen Untersuchung zu unterwerfen. Wir sind mit dem Verfaffer des cstirten Auffatzes der Meinung, daß die obligatorische Untersuchung der Schweine auf Trichinen nur der erste Schritt zum völligen Verbot derselben ist. Würde man aber: ״hinzufügend, daß sie dann auch der erste Schritt zur Annahme der ganzen mosaischen Speisegesetzgebung sein sollte", es bedenklich finden, daß whc Gesetze annehmen sollen, von denen MoseS sagt: ״Thnt zu dem, was ich Euch gebiete, nichts hinzu, und nehmt nichts davon" (Buch V, Cap. I V, Vrs. 2), also gewiffermaaßen starre, unfehlbare, einer Verbefferung nicht fähige Gebote, so würden wir ebenfalls im Sinne obigen Auffatzes entgegnen: So lange der Mensch existiren wird, werden seine In״ stincte dieselben sein. Wenn also die Gesetze dieser Jnstincte gefunden sind, so müßten sie ebenso unveränderlich sein, wie die letzteren, wie alle Naturgesetze. 3) Welches Schlachrverfahren liefert das haltbarste Fleisch? Tiefe vom Thierfchutzvereine in Darmsiadr ausgestellte Frage hat Dr. Louis Büchner, der b kannte Verfaffer von ״Kraft und Stoff", folgendermaßen beantwortet: ״Von allen thieruchen Geweben oder Theilen ist bekanntlich das Blut dasjenige, welches am leichtesten und schnellsten zu Zersetzung und Uebergang in Fäulniß neigt. Ta nun ein faulender thieriiäier Theil oder Körper auch die mit ihn׳, in Verbindung stehenden oder gar von ihm durchdrungenen organijchen Theile mit in ׳einen Fänlnißprozcß hineinzieht. so ist's klar und selbstverständlich, daß und warum jede Schlacht׳ Methode, welche möglichst viel Blut im Innern des Fl«i!ches oder der Muskeln zurückläßt, auch die Haltbarkeit des Fleifches in der warmen Jahreszeit beeinträchtigt. Am wenigst e n ist dn ses der Fall bei dem Schlachtvcrfahren der Juden, welches eine rasche und möglichst ausbi.bige Verblutung deS Thieres herdeiführt. Das Fleisch stlbst entleert sich dabei des

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.