Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Literaturblatt · 1875-08-15 · Nr. 16. (15.8.1875) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
4 (1875)
Issue
Nr. 16. (15.8.1875)
Date
1875-08-15
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/5367336-5990816-5990957--0481-5367539
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

MW LitmtmblM. Zur Beleuchtung aller Judenthum u Juden betreffenden literarischen Erscheinungen auf den, Gebiete der PHUosopkie,Geschichte,Ethnographie,Kheolagie, Brientali«, Exegese, Homiletik, Liturgik, Pädagogik. I _/ Herausgegeben von Rabbiner vr. Moritz lahmer. Magdeburg, 13, August 1873. Bücher der einschlägigen Littratur, welche der Red de» ״Jüd. Kiteraturblatt" in Magdeburg (oder der,^»rael. Wochenschr." in Stettin)!ugesandt »erden, finden in diesem Platte »ingehende Besprechung. V_J Nr 16. Erscheint zweimal monatlich. Preis pro Jahrgang 4 Mark. Für die Abonnenten der ״Israelitischen Wochen schrift" (die jährl. 9 Mark kostet) g r a t i s. Zu beziehen durch all« Buchhandlungen; in Leipzig durch Robert Friese. 4. Jahrgang. Zur mosaischen Speisegesetzgebung.*) 1) Was sollen wir essen? Von vr. w«ä. M. Kornfeld in Posen. Die Entdeckung der Trichinen, von wie großer Wirkung sie auch gewesen ist, hat dennoch die Eine Folge nicht gehabt, welche eigentlich die natürlichste hätte sein müssen. Nach dem vielhundertjährigen Spott über die, denen das Schwein ״ein Gräuel" ist, mußte eines der vielen mosaischen hygieinischen Gesetze, welches erwiesenermaaßen denen, die es beobachtet hatten, wenigstens einem Theile derselben die Gesundhett, wo nicht das Leben bewahrt hatte, doch eigentlich dazu führen, diese Gesetze gründlich zu studiren. Vor nicht gar langer Zeit hat Birchow auf die Benutzung der Erde als Desinsiciens der Fäces bei den Juden in der Wüste aufmerksam gemacht. Was für eine Fülle von anregenden Beobachtungen sich in der Bibel als Vorschriften ftnbet! Die Gesetze über Reinigung bei ansteckenden Krankheiten, im geschlechtlichen Verkehr rc. will ich nur andeuten, und die Hoffnung aussprechen, daß die mos. Gesetze sich als reiche Fundgrube von practischen Winken, von Regeln darstellen wird, denen ebenfalls, wie der erwähnten, eine lange gute Beobachtung vorausgegangen ist. Vielleicht erzeugt dann die Wissenschast für Alle das gleiche Resultat in vielen Beziehungen, was der Glaube an das göttliche Verbot des Schweinefleisch- Effens für kritiklose gläubige Juden gehabt hat. Wie aus einem kleinen Theile der medicäischen Venus dem Kenner sich gleich der Geist der ganzen formenkundigen Hellenenwelt erschließt, so wird der wahrhafte Bibel-Gelehrte in Einem Gesetze Moses auch das Princip der ganzen Gesetzgebung festgehalten finden und darin Nachweisen können, — soweit allerdings die mangelhafte Kenntniß der hebräischen Sprache es erlaubt. Das Fundament nun des wunderbaren Baues der mos. Gesetzgebung ist ein sehr einfaches, wenn auch nirgends in der Bibel ausgesprochenes. Es ist dasselbe in den 10 Geboten, in der socialen mosaischen Verfassung, in seiner Hygieine. Um es gleich hier zu sagen: *) Zur richtigen Würdigung der beiden obigen Abhandlungen (sud. 1 u. 2) sei darauf aufmerksam gemacht, daß dieselben ursprünglich für Birchow's ״Archiv für pathologische Anatomie und Physiologie" geschrieben und in demselben auch -»erst veröffentlicht worden sind. — Zu vergl. mit Abh. 1t ist: JSr. Wochenschr. Jhrg. I. Nr. 37. (Red.) Die mosaischen Gesetze sind die Gesetze des normal« menschlicheil Jnstinctes. Auch die 10 Gebote verbiet« nur, was der gesunde Mensch (vielleicht auch ohne Gesetz) für Sünde halten würde. So will das Speisegesetz auch, nur präcisiren, was der nicht degenerirte Jnstinct verabscheuen würde. Es kann keiner Besprechung unterliegen, daß der Mmsch Jnstincte besitzt, unter anderen auch bezüglich seiner Nahrung; ebenso daß diese Jnstincte zum Theil bei ihm jetzt pervers geworden sind, z. B. bei den Chinesm, den Cannibalen, bei gewissen Gourmands; und endlich, daß die Wissenschaft die Aufgabe hat, die Gründe für die normalen Instinkte aufzufinden eventuell festzustellen: was ist normaler Jnstinct und was verdorbener? Der Prüfstein hierfür wird natürlich sein, was ist dem Menschenzu seiner Selbsterhaltung dienlich, was ist ihm schädlich? Die Fragen sind brennende. Täglich drängen sie sich uns auf, und bis jetzt hat es so sehr selbst an einer richtig« Fragestellung für diesen uns doch am allermeisten berührend« Zweig der Gesundheitspflege gefehtt, daß man die Küchenzettel der Chinesen, Lappländer rc. einfach mtt der Bemerkung abfertigte: de gustibus non est disputanduin. Wohl muß man im Interesse der Gesetzgebung darüber disputiren. Denn ob ein Einzelner einen schlechten Geschmack hat, und den Willen und die Mittel besiitzt, ihn zu-befriedigen, darüber ist mit ihm nur so lange nicht zu disputiren, als man nicht festgestellt hat, was ist ein gesunder Geschmack, und wo fängt dieser schlechte Geschmack an, verderblich auf die geistigen oder materiellen Güter der Mitmenschen einzuwirken? Um den Standpunkt der Literatur in dieser Beziehung zu kennzeichnen, will ich nur erwähnen, daß Pappenheim (Sanitätspolizei I. Bd S. 463. 2. Aufl.) es einfach für sehr erwünscht hält, den Widerwillen gegen die Fleischnahrung aus Thieren, welche gewöhnlich nicht genossen werden, sich vermindern zu sehen (Pferde, Esel, Ratten, Hunde). In der mos. Speisegesetzgebung fällt uns zuerst bezüglich der Säugethiere auf, daß alle Fleischfresser ausgeschlossen sind. Von den übrigbleibenden erwähne ich bez. des Pferdes noch die einfache Thatsche, daß die hippursäurehaltige Durchttänkung der Pferdeställe fast jedem unangenehm ist, während auf Kuhställe erst neuerdings von Waldenburg für Brustkranke wieder aufmerksam genlacht worden ist.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.