Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 4 (1875)
- Issue
- Nr. 15. (1.8.1875)
- Date
- 1875-08-01
- Page
- Seite 58 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/5367336-5990816-5990956--0477-5367536- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
58 (vgl. 3, 2, 4) nur kurz im Allgemeinen das Faktum der Sendüng an ein heidnisches Volk züm Zwecke der Büßpredigt angeführt und nichts weiter von ihrem Inhalte erwählst wird, denn für seinen Zweck war jenes allein zunächst bedeutsam. Ebenso genügt es für diesen, freilich nicht für eine hist. Relation vollkommen, die Veranlassung der Büßpredigt, die Berdorbenheit, nur mit einem allgemeinen Ausdrucke zu berühren. (Vergl. Jäger p. 5.) Dabei offenbart sich in manchen Zügen ein kerngesunder, allerdings ausschließlich dem Geschmacke 1ener Zeit entsprungener und entsprechender Humor, den man eben nicht mißverstehen darf. So z. B. zieht alles Vieh Trauergewänder an — eine Sitte einiger orientalischer Heidenvölker — und der Prophet im Bailche des Seeungeheuers dichtet ein Danklied für seine wunderbare Errettung, während er eigentlich erst noch recht in Gefahr ist, von dentselben verdaut zu werden. Eben>o ist im ganzen Benehmen des stüchtigen Propheten, der angeblich in ein ander Land vor Gott entstiehen will, ein stark hunwristischer Zug in volksthümlicher Art nicht zu verkennen. An sich ist dieser Fluchtversuch, zumal bei eiilem Propheten, mehr als komisch, geradezu unerklärlich. Sicher sollte dieser Zug den Mangel an williger Befolgung der Aufträge Gottes recht anschaulich und drastisch zur Darstellung bringen. Die Carrikatur polenzirt inimer die Schwäche, die sie geißeln will. Eine geradezu sarkastische Bemerkung enthält der letzte Vers des Buches, wo als Grund des Erbarmens Gottes über die Niilioiien schließlich auch ihre Dumniheit angegeben wird. ״Ich sollte mich Rinive's nicht erbarnien, das so viele Menschen, die nicht rechts von links zu unterscheiden wissen, enthält und so viel Vieh!" Der durch die Straspredigt des Propheten erzielte Erfolg scheint demnach nur ein momentaner und keineswegs durchgreifender gewesen zu sei». In der Thal, wenn die Riniviten auch das Vieh sasten unb an der Trauer theilnehmen lassen — eine rein asiatisch-heidnische Sitte, vergl. Brissonius de reg. Pers. principatu p 565 — so will der Dichter offenbar dainit zeigen, daß die Heiden, trotzdem sie sich dem Gotte Jona's zumenden, ihre alten Sitten doch nicht ablegen, sie vielmehr ini Dienste des neuen Cultus verwcrthen. Rach wie vor siild sie Heiden geblieben, nur ihre Bosheit üben sie nicht weiter. Große Feinheit verräth abernamentlich die Schilderung des Benehmcns der heidnischen Schiffer gegen Jona u. vlee versa. Dieser Punkt sefselt unsere Ausmerksamkeit aus einem besondern Grunde. Daß in unserm Buche grade der Contrast zwischen Jona u. den beiden heidnischen Parteien, dem Schiffervolk und den Riniviten (welche zusammen offenbar das gesamnrte Heidenlhum repräsentiren sollen) absichtlich hervorgehoben ist, haben bereits viele erkannt, aber durchweg die islarallele so gezogen, die Personen und ihr Benehmen so gegenüber- und dargestellt, daß dem Jona bitteres Unrecht geschehen. Es ist sozusagen eine histor. Rechtfertigung, die wir dem Helden unserer Erzählung schulden. Seine Schuld gesteht der Prophet offen und ohne Rückhalt, in der Roth hat er die wahre Größe und Allmacht Gottes, ״der das Meer und das Trockene geschaffen", kennen gelernt, dem er einst entfliehen zu tönnen geglaubt. Er spricht von ihm nicht ״übermüthig und kalt", wie Jäger gefunden, sondern im stolzen neuerstarkten Bewußtsein der Zugehörigkeit zum Gottesvolke antwortet er den Heiden aus ihre inquisitorischen Fragen. Durch fein auffällig sorgenloses Benehmen beim Hereinbrechen des Stürmer hat er Verdacht und Haß auf sich gelenkk, dem er sich nuu rettungslos verfallen sieht. In diesem seinem Schicksal erblickt er Gottes gerechte Strafe, willig geht er in den Tod, er fleht um keine Schonung; ohne zu niurrbn und zu klage» giebt er sein Leben hiit. Eine Heldrnthat von ergreifender und erschütlernder Tsiagik. Wenn mancher dieses edle, starke Benehmen Jona's als ״Trotz der Verzweiflung", ״Angst des Gewiffens", oder mit ähnlichen kleinlichen und verkleinernden Ausdrücken bezeichnen zu können glaubte, so war ja Verkennung das Loos Israels von je gewesen. Jona ist eben auch hierin Israel. Das Benehmen dagegen der Heiden auf dem Schiffe, die nicht Aniland nehmen, einen Menschen, wenn auch einen Israeliten, um's Leben zu bringen, ist wenig edel, und die Masse Protest. Theologen, die sie mit aller Gewalt mit einem Glorienschein umgeben wollen und auf ihr ״frommes" Verhalten im Gegeniatze zu der ״Fühllosigkeit" Jona's allerlei Lobgesänge anstimmen, haben in uns Reminiscenzen erweckt aus nicht gar weit hinter uns liegende Zeiten, du auch ״die froninlen, von ächter Religiösität durchdrungenen" Herrn der Inquisition und die ״gottessürchtigcn" Männer des Scheiterhaufens in gleicher Weise als heil. Märtyrer verherrlicht wu>den. Der Vergleich ist garnicht so unzutreffend, wie manche zu glauren sich anstellen würden. Der häßliche Aberglaube des Alterthums, der einen Schiffskameraden den Wellen übergiebt, um den Sturm zu beschwichtigen, ist um kein Haar besser als der Fanatismus des Mittelalters. Daß auch der letztere vermittels seiner Mordbrennereien dem Staate, der Kirche, ja der ganzen Menschheit in einem unbedingten Lebensintereffe zu bieiun glaubte, wird kaum bezweifelt werden. Die Ausrottung der Juden und Ketzer war sehr oft als prophylaktisches Mittet gegen drohende Seuchen und Pest in Anweiidung gebracht. Jona-Jsra.l aber sah es an als das, was es wirtlich war, eine Strafe Got.es, ertrug hie Leiden schweigend und heroisch, ohne zu murren, ״mit Fühllosigkeit", würde Jäger sagen! Wenn Beten Re.igiösität bedeutet, dann waren die heidn. Schiffer sehr religiös; damit waren sie sofort bei der Hand. ' Sie beteten — jeder zu seinem Gotte, es kain ihnen auch nicht darauf an, wenn es nöthig schien, einmal auch den Gott Jona's anzubeten. Ihre Handlungsweise, ihr . enehinen erscheint jedoch in ganz anderem Lichte. Worin hatte Jona sich ihnen gegenüber vergangen, daß sie feigen Verraih an ihm geübt? Getäuscht hat er sie nicht über den Grund seiner Reise; er sagte ihnen ausdrücklich, er wolle seinem Gotte entfliehen, wie das aus Vers 3 und 10 deutlich hervorgeht; über Täuschung und Hintergehen klagten sie auch nicht. Sie haben ihn aufgenommen, ״er gab seinen Lohn", Schutz und Gaslrecht ist ihm gewährt worden und durfte ihm nun in den Zeiten des Unglücks erst recht nicht entzogen werden. Brüderlich hätten sie das Unglück mit ihm tragen sollen, so lange er sich gegen sie nicht vergangen. Die Klage Jona's über die Treulosigkeit der Götzendiener, auf die kein Verlaß, 2, 9. 10;משמרים הכלי שוא חסדם יעזובו ist nur allzusehr gerechtfertigt. Allein Jona — war ein sünden beladener Ketzer, und das erklärt Alles! —Weriigstens kann sich Joiia nicht beklagen, daß ihm keine ordentliche Leichenrede gehalten worden. Der Großinquisitor hat ja auch beim Auto-da-fc eine feierliche Rede gehalten, fast des nämlichen Inhalts, daß seine Hände rein, da ja Gott selber es so gewollt, daß die Sünder verderben zu seiner