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Das jüdische Literaturblatt · 1875-03-18 · Nr. 6. (18.3.1875) · p. Seite 23

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Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
4 (1875)
Issue
Nr. 6. (18.3.1875)
Date
1875-03-18
Page
Seite 23 (sequence 3)
Language
German
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Religion der Philosophie preisgab. Creskas war es nun, der dem mittelalterlichen Philosophiren und dem daran sich hängenden philosophischen Dilettantismus den Todesstoß (?) versetzt, indem er ihnen den festgeglaubten Stützpunkt, durch den Angriff der Lehre des Aristoteles, unter den Füßen fortzog. Er wagte das bisher Unerhörte: nicht nur Folgerungen aus den aristotelischen Prinzipien, sondern diese Prinzipien selbst zu bekämpfen. Ein origineller, selbstständiger Denker, durchbrach er die geläufigen Schulsormeln, um auf ihren Trümmern ein neues, gedankentiefes System aufzurichten. Cr. schrieb im vollen Bewußtsein des Judenthums, seine Ueberzeugungeu wurzelten tief in seiner angestammten Religion und sein Bestreben setzte sich das Ziel ihr zu ihrem gebührenden Rechte zu verhelfen. Aber er that dies nicht, indem er die Religion mit der Philosophie dazu versöhnen suchte, wo ihre Gegensätze zu schroff sich gestalteten, er that dies auch nicht, indem er wie andere seiner Zeitgenoffen die Philosophie wie die gesammte Wiffenschaft verhöhnte und verketzerte, er that dies, indem er sie auf ihrem eigenen Gebiete aufsuchte und sie mit ihren eigenen Waffen schlug. Er unterwarf sich nicht sklavisch de» Lehren des Aristoteles, er ignorirte sie auch nicht in blinder Voreingenommenheit, aber er wies ihnen die richtigen Grenzen an, außerhalb deren sie nimmermehr eine Berechtigung haben. Cr. sprach den ebenso großen als wahren Gedanken aus, daß die unzulängliche menschliche Vernunft und mit ihr die Philosophie denn doch nicht alle Weltenräthsel lösen könne, daß es doch einen Punkt gebe, wo alles Sinnen und Grübeln vergeblich sei, und da beginne die höhere Manifestation des göttlichen Geistes, da beginnt der Glaube. Es kann hier nicht meine Aufgabe sein, die Leser dieses Bl. in die innern Hallen des Creskas'schen Riesengedankenbaue« zu führen, aber das Eine möchte ich noch erwähnen, daß es der weltumfassende Denker, daß es Spinoza gewesen, der sich an den Geistesstrahlen Cr. erwärmt, daß viele der erhabensten Gedanken, die Spinoza der staunenden Welt verkündet, im Keime bereits im Systeme Cr. liegen. Literaturbericht. Receufiouen. Minner, M. K. Die Theorien über Wesen und Ursprung der Tosephta, kritisch dargestellt zur Geschichte der Halachaliteratur während der ersten fünf Jahrhunderte der üblichen Zeitrechnung. Amsterdam Seyfard'sche Luchhandlung 1874. Ter fleißige und umsichtige Verfaffer legt uns hier eine kritische Beleuchtung der Theorien über die Tosephia, die seit Scherira bis heute über die Entstehung, Abfassung und Vervielsältigung dieses alten Halachawerkes ausgestellt worden sind. Die Tosephta ist der einzige Theil der allen Halachafammlangen, der eine gar nicht zu entschuldigende Vernachlässigung von Seiten der Talinudgelehrien bis in die neueste Zeit hinein erfahren hat. Wir besitzen aus der neusten Zeit zwei (von Weiß und Friedman«) in Wien veranstaltete correcte Ausgaden der Mechilla und eine (von Weiß) des Sisra, aber der Tosephta hat sich noch Keiner erbarmt, sie von ihren in ihr wimmelnden Fehlern durch Veranstaltung einer correcten Ausgäbe derselben zu befreien. Welche bedeutende Stellung der Tosephta in der historischen Halachaforschung zuerkannt werden muß, ist vielfach seit Frankels ״Darke Mischna" erkannt wordm aber noch Niemandem siel es ein, sie uns zugänglich zu machen. Die vorliegende tiefeingehende, umfaffende Arbeit des Verfaffers, des jetzigen Oberrabbiners vr. Dünner in Amsterdam, hat trefflich den Weg hierzu angebahnt und bietet uns eine gute Handhabe. Es wäre zu wünschen, wenn derselbe, der so eingehend mit der zur Tosephta gehörigen .valachaliteratur vertraut ist, sich an die Herausgabe der Tosephta machte. Es ist nicht immer ein Verdienst, neue Theorien aufzustellen, aber unbestreitbar wichtig wird es, die schon vorhandenen gehörig zu beleuchten und die Resultate derselben zu sichern. Herr Vr. Dünner hat dies nicht blos mit einem Forscherblick gethan, sondern er hat noch niehr geleistet, indem er uns die letzte Theorie, die des sei. vr. Frankel in ihrer ganzen Bedeulsamkeil dargestellt, aber auch nicht verfehlt, das Menschliche in derselbe», das nie fehlerfrei schaffen kann, aufzudecken. Der Verfasser sagt uns nichts von einer neuen Theorie, die er aufzustellen gedenkt, aber die ganze Anlage dieser Schrift scheint uns darauf binzudeute», die Sache nicht als abgeschloffen anzusehen. Möge er uns mit derselben die Tosephta in einer recht correcten Ausgabe mitdringen. — Gegenwärtige Schrift gibt uns eine Geschichte der Theorien über Wesen und Ursprung der Tojepbta, wie sie von Scherira, Maimuni, Meiri und in neuester Zeit von dem unsterblichen scl. Frankel ausgestellt worden, aber in einem Lichte, das genugsam einen Strahl über Wesen und Ursprung der Gesammtliteralur der alte» halachischen Sammlungen wirft. Wir glauben es dem Verfaffer, daß er die daraus sich ihm ergebenen Resultate nicht gesucht hat, sondern daß diese sich ihm als nothwendige Ergebnisse aufgedrängt haben. Von den Versuchen der über die Tosephta aufgestellten Theorien bleibt er bei der Frage stehen: ״Warum sollen wir für die Mischna eine einheitliche Schlußredaktion aus den drei Mischnasammlungen des R. Akiba, R. Mvir und R. Juda I. annehmen und ein ähnliches Verhältniß nicht für die Tosephta anerkennen?" Nicht uilerzvähnt lassen wir seine richtige Hervorhebung des Entwickelungsganges und Standpunktes des TalmudftudiumS in der Gegewart. S. 72 sagt er: ״Je mehr den Juden der reale nicht bedingungslos vaterläMsche Boden unter seinen Füßen schwand, desto mehr suchte er nach einem idealen. Aber an eine wissenschaftliche Lurcharbeüung der jüdischen Fundamentalliteratur, Bibel und Talmud, dachte man nicht. Die selbstständige Erforschung der heiligen Schrift überließ man den der biblischen Weltanschauung Fernstehenden. Und die Talmudliteratur? — Eine wissenschaftliche Behandlung derselben hielt man aus der einen Seite für unstatthaft, aus der andern für undankbar oder gar für unmöglich. Es dauerte daher sehr lange, ehe eine neue methodische und vollständige Theorie über Entstehungsmotive, Zweck und Verhältniß der Halachsammlungen zur Welt kam." Als auf einen Druckfehler niachen wir S. 14 in der letzten Zeile auf das Wort ״von" aufmerksam, wofür ״vor" zu setzen ist. Wir schließen mit den! Wunsche der weitsten Verbreitung dieser guten Arbeit und der baldigen Herausgabe einer korrekten Tosephta. vr. U. in 8. עיר הצדק Geschichte der Krakauer Rabbinate vom Anfänge des 16. Jahrhunderts bis auf die Gegenwart, als Beitrag zur Geschichte der Juden in Polen von I. M. Zunz. 1874. In Conlmission bei A. Faust, Buchhandlung in Krakau. Aus gedruckten und ungedruckten Werken, Responsen, Vorrede», Memorbüchern, hat der Verfasser in dieiem Werke mit anerkennungswerlhem Fleiße biographische Skizzen berühmter Männer der altberühulten Krakauer Gemeinde in einem recht gewandten gut stylisirten Hebräisch zusammengetragen. Wenn man bedenkt, für welchen Leserkreis dieses Werk benimmt ist, so niuß man gestehen. daß wohl nur die große Verehrung des Verfassers für die frommen, theilivese in Vergessenheit gerathenen Gelehrten, der Antrieb zu dieser mühevollen Arbeit gewesen sein kann.

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