Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 4 (1875)
- Issue
- Nr. 6. (18.3.1875)
- Date
- 1875-03-18
- Page
- Seite 22 (sequence 2)
- Language
- German
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22 des Judentbnms nlanifestirten. Man wollte nicht, wie sich ein zeitgenössischer Schriftsteller sarkastisch ausdrückt, umsonst in philosophischen Büchern geblättert haben, und so ging man von der Theorie znr Praxis über. Unter dem trügerischen Vorwände, es komme innrer nur auf die Gesinnung an, setzte man sich allmälig über manche religiöse Vorschriften hinweg, nahm es mit andern sehr leicht. Gegen manche rituelle Satzungen lehnte man sich offen auf, weil sie dem gcsellschastlichen Verkehr hinderlich erschienen, manche mußten weichen, weil sie als mit zu großen materiellen Opfern verbunden, betrachtet wurden. Mr Einstuß dieser religionsfeindlichen Bewegung, die ursprünglich nur die sozial höhergestelllen Volksmaflen ergriffen, begann sich schon auch auf die übrigen Volksschichten auszudehnen und hätte vielleicht unabsehbare Dimensionen angenommen, wenn nicht das blutige Geschichtsdrama des. Jahres 1391, in melcheni die ein volles Jahrhundert andauernden Verfolgungen ihren schrecklichen Anfang genommen, dieser Beweguug plötzlich jeden Spielraum geraubt hätte. Daß bedeutende Geister nicht willenlos von ihrer Zeitströiuung getragen werden, sondern entweder unbekümniert um die Vorgänge um sie herum ihren eigenen Weg einschlagen, oder gar die Kraft besitzen, die Strömung in ein neues Bett zu leiten, das zeigt uns ein Mann, der wie ein Fels, an dem die schäunrenbe Brandung machtlos sich bricht, mitten aus der geschilderten Strömung hervorragle, das zeigt uns Lhasai Creskas. Er lebte in einer Zeit des geistigen Verfalles, er wäre aber eine Zierde auch des classischen Zeitalters gewesen. Er reiht sich kühn den edelsten und beste» Geistern an, die das Judenthum in verschwenderischer Fülle erzeugte. Wie von den meisten großen Männern, die aas unserer Mitte hcrvorgegangcn, hat uns die Geschichte, gleichsam als wollte sie nur das Geniale, Ewige, Unvergängliche an ihnen offenbaren, das Menschliche, Alltägliche, Vergängliche dagegen verhüllen, auch von dein äußern Lebensgange Creska's nur Geringes aufbewahrt. Cresk., selber eine aristokratische Natur im eminente» Sinne des Wortes, stammte aus einer edlen, angesehenen Familie in Barcelona, die viele Angehörige von bedeutendem persönlichen Rufe zählte. Sein Großvater gleichen Namens genoß eine hohe talmudische Autorität und war wohl auch — wie ich oerniuthe — derselbe, der als Präsident einer Notablenversammlung der Juden Aragoniens, deren Zweck die innere Kräftigung des Judenthums gegenüber den heranziehenden äußeren Stürmen war, Vorstand. Das Geiburtsjahr unseres Cr. kennen wir nicht, wahrscheinlich erblickte er im 4. Dezennium des 14. Jahrhunderts in Barcelona das Licht der Welt. Hier saß er zu Füßen des milden N i s s i m b e» Reuden, der unter dem abgekürzten Namen Ran eine hervorragende Stelle in der talm. Literatur einnimmt und zu seiner Zeit die gefeierteste talmudische Autorität war. Hier entwickelte sich auch ein inniges Freundschastsverhältniß zwischen ihm und dem edlen Jsaac bcn Scheschel, dem bedeutendsten Talmudisten unter den Jüngern Nissims. Aber auch Er. war, trotz der umfaffenden philosophischen Studien, denen er abgelegen, nicht minder in den Labyrinthen des Talmud heimisch. Schon zu Lebzeiten des greisen Lehrers wurden aus weiter Ferne an ihn wie an Js. b. Scheschet Anfragen wichtiger Natur gerichtet, die es bezeugen, daß man seiner Entscheidung großen Werth beilegte. Cr. halte auch einen Jüngerkreis nm sich geschoart, unter denen der berühmteste Josef Albo wurde. Cr. pflog auch mit arago-' nischen Granden regen Verkehr und soll dem aragonischen Hose nahe gestanden haben. Auf Anregung mehrerer vornehaier Christen verfaßte er auch später eine polemische Ab- Handlung wider das Christenthum, worin er in ruhigem, leidenschaftslosem Tone von! philosophischen Standpunkte auS die Schwächen desselben darzulegen versuchte. Um das Jahr 1386 übersiedelte er nach Saragoffa, um hier an Stelle seines Freundes Js. b. Scheschet, der hier unter vielen Widerwärtigkeiten 8 Jahre das Ehrenamt eines Rabbiners versehen hatte, zu trete». Wenige Jahre daraus entlud sich über den Häuptern der spanischen Juden ein furchtbares Gewitter, das den Anfang der unbarniherzigsten Gemetzel bildete. Creskas selber schildert die Greueltharen des Jahres 1391, dem auch sein einziger, hoffnungsvoller Sohn zum Opfer fiel. Mit einem warm fühlende» Herzen für die Leiden seiner Glaubensbrüder suchte er in diesen trüben Tagen mit unermüdlichcr Kraft, mit hingebender Opferwilligkeit überall und immer, wo er nur konnte, ihr trauriges Schicksal zu lindern, war er hier ein unerschrockener Verth eikiger gegen ebenso schwere als ungerechte Beschuldigungen, dort ein Tröster der Gebeugten, eine Stütze der Schwachen und Hülflosen. Ehasdai Creskas' schriftstellerische Thäligkeii fällt iu die letzten Jahre seines Lebens. Er besaß nicht jene Schreibseligkeit, die den Eingebungen des Augenblicks gehorchend, nur Erzeugniffe, die ebenso schnell verschwinden wie sie entstanden, hervorbringt, er wollte ein monumentales, die Flucht der Zeiten überdauerndes Werk schaffen, dem er sein ganzes Leben weihen mußte. Creskas hatte den großen Plan gefaßt, »ach dem Vorbilde Maimuni'S, aber denselben zugleich verbeffernd und vollendend, das Gesammtwesen des Judenthums nach seinen beiden Seilen hin, der Lehre und dem Gesetze, darzustellen. Von allgemeinen, grundlegenden Prinzipien aus- X gehend wollte er bis zur Auseinandersetzung des Besonderen und Einzelnen gelangen. Der Tod hinderte ihn jedoch an der Ausführung seines ganzen Riesenplans, und wir besitzen voll ihm blos den einen Theil des beabsichtigten Gesammt- Werkes, d r das Judenthum nach deffen Lehre beleuchtet, immerhin aber genug, um seine außerordentliche Gedankentiefe und seinen scharfen, schneidenden Kritizisnius anstaunen zu können. Crestas wußte nur zu gut, daß um gegen die mit philosophischem Zierralh ausstaffirten Plattheiten, wie sie in seiner Zeit sich breit machten, erfolgreich ankämpfen zu können, das Nebel an der Wurzel angefaßt werden müffe. Das Mittelalter ist bas Zeitalter des unbedingten, unkritischen Autoritätsglaubens. Was Aristoteles in der Philosophie, Galenus in der Medizin gelehrt, das wagte Niemand anzuzweifein. Auch der große Denker Maimuui, ein Kind seiner Zeit, beugte sich dieser Autorität. Da für ihn jedoch eine noch höhere, göttliche Autorität, die der Bibel, existirte, so versuchte er die Lehren der Bibel, soweit sie in die Philosophie hinübergreisen, mit denen des Aristoteles in Einklang zu dringen. Daß ein solches Verfahren bei allem Geistesauswand auch seine Schwächen haben mußte, ist leicht einzusehen. Da einmal das Losungswort ausgegeben war, daß der Aristolelismus selbst der geoffenbarlen Religion gegenüber seine volle Berechtigung habe, so suchten die Nachfolger des Maimuni immernlehr den Sinn der Bibel zu verdrehen bis man endlich, wie wir gesehen, ganz offen und ungescheut die