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Das jüdische Literaturblatt · 1875-03-18 · Nr. 6. (18.3.1875) · p. [Seite]

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Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
4 (1875)
Issue
Nr. 6. (18.3.1875)
Date
1875-03-18
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Wische LitmturtlM. Zur Drleuchtu-ig aller Judenthum u. Juden betreffenden titrranschen Erscheinungen aus dem Gebiete derPhilas«Pt>ie,Geschichte,Ethnographie,Sheotogic, Arientatta, Exegese, Homiletik, Liturgik, Pädagogik. V_ J Herausgegeben von Rabbiner vr. Moritz Rahmer Magdeburg, 18. März 1873. -ucher der einschlägigen Literatur, welche der Ned. de» ״Jüd. Fiteraturdtatt" in Magdeburg (oder der,Israel. Vochenschr.- in Stettin);»gesandt werde», finden in diesem Platte eingehende Besprechung. HI». Erscheint zweimal monatlich. Preis pro Jahrgang 4 Mark. Für die Abonnenten der ״Israelitischen Wochen- Via. U. schrift" (die jährl. 9 Mark kostet) gratis. Zu beziehen durch all« Buchhandlungen; in Leipzig durch Robert Friese. 4. Jahrgang. Der philosophische Dilettantismus im Judenthum und feine Wirkungen. Vom Rabbiner vr. H. Jaulus in Breslau. (Schluß.) D«m Judenthum, das auf eine mehrtausendjährige Vergangenheit, in der es so manche Entwickelungsstadien durchlausen, zurückblickt, ist es nicht erspart geblieben, in die Annalen seiner reichen Geschichte Geistesströmungen zu verzeich׳ neu, deren charakteristisches Merkmal der philosophische Dielettantismus und die damit zusammeuhängende Verschiebung der Grenzen zwischen Theorie und Praxis gewesen. Da» Bild einer solchen Geistesströmung und gleichzeitig der Hinweis auf einen Mann, der innhalb dieser Ströniung stehend, ihr siegreich Widerstand zu leisten, den Muth und dir Kraft besaß, sei im Folgenden gegeben. Wir haben den Geistesblick nach dem Lande, welches dem seinem mütterlichen Boden entrissenen Judenthum eine zweite Heimath geworden, in welchem der verjüngte Geist des Judenthums die herrlichste» Triumphe gefeiert, aber auch im heißen Kampfe mit dem finstern Geiste kirchlicher Versolgungssucht die tiefste Demüthigung erlitten, zu lenken u. zwar — nach Spanien. Das goldene Zeitalter der jüd. Literatur, in welchem der weltumfassende Geist des Gabirol gedacht und gedichtet, das tiefinnige Gemüth Jehuda Halewy's die ergreifendsten Töne hevorgezaubert, der geniale Jbn Esra den kühnsten Gedankenstug genommen, der gewaltige Denker Maimuni den Ausbau des Judenthums unternnmmen, war längst dahin. Hierauf war eine Ermattung in der psudfinderischen literarischen Schöpfungskraft eingetreten. Das Zeitalter der Epigonen mit seinen Schwächen und Gebrechen, mit der Armseligkeit seines selbsteigenen Gedankengehalts, mit seiner altklugen, selbstgefälligen Vornehmthuerei beim völligen Mangel an Originalität war mit dem 14. Jahrhundert herangebroche». Von großen Männern wird behauptet, daß ihnen das deneidenswerthe Gut der Naivetät verliehen ist, was wohl nichts Anderes sagen will, als daß sie trotz der sturmerregten Gedankenfluth in ihrem Innern den frohen Einklang in ihrem Empfinden, Denken, Wollen und Handeln zu bewahren verstehen. Die Naivetät in diesem Sinne ist auch der Stempel großer Zeiten. Und wirklich besaß sie jene Zeit, in der der jüd. Geist die edelsten Früchte trug. ES war nicht etwa die Zeit des blinden, bedingungslosen Glaubens, keineswegs, erzeugte sie doch Männer, die beherzt.» Muthes den höchsten philosophischen Problemen in's Antlitz blickten. Aber darum ward die Eintracht mit sich selbst nicht gestört, daS Herz, die Stätte des Glaubens, blieb gesund. In dem ein Jahrhundert darauf folgenden Zeitalter des Epigonenthums schwand diese Naivetät. Die von Maimuni und anderen Hellen Köpfen eröffnet« Straße der rationellen Auffassung des Judenthums wurde nun eine breitgetretene Heerstraße, auf der sich viele Berufene und Unberufene in buntem Gewühl und Gewirr hcrumtummelten. Der philosopische Dilettantismus begann fein Treiben. DaS Denken ist zwar nicht contagiös, wohl aber der Schein des Denkens — daS Klügeln, das Raisonniren, namentlich in Glaubenssachen. Ein paar schnell aufgelesene Schlagwörter helfen da über alles Kopfzerbrechen hinweg. Was früher ein ernstes, unabweisliches Bedürfniß gewesen, sich mit der Philosophie auseinanderzusetzen, artete jetzt zu einer Coquetterie mit philosophisch klingenden Phrasen aus. Dem philosophischen Dilettanten genügte es nicht, der geoffenbarte» Religion nach dem Vorbilde Maimuni'S eine vernunftgemäße Basis zu geben, sie wollten die Vernunft, oder besser die Vernünfte als einzige Richterin über den Werth der Religion einsetzen, und waS ihrer seichten Vernünftelet widersprach, konnte auf ihre Anerkennung nicht rechnen. Die zeitliche Schöpfung der Welt, das willensfreie Walten GotteS in der Natur, die Göttlichkeit der Lehre, die bisher als Aardinalpunkte des Judenthums galten, wurden von ihnen als unvernünftig verworfen, woran nur die blöde Menge glauben könne. Auch der Glaube an die göttliche Vorsehung und die damit zusammenhängende Hoffnung auf Loh» und Strafe blieb von ihrem Skeptizismus nicht verschont. Der Aristotelismus, oder vielmehr was als solcher galt, sank zur Mode- Philosophie herab, und es steht schlecht um die Wahrheiten, wenn sie der Laune einer flüchtigen Move unterworfen sind. Diese Erscheinung wäre aber vielleicht doch nur von geringsügiger Bedeutung geblieben, läge es nicht inr Wesen de» Diletlantisnius, die leicht erworbene Weisheit möglichst schnell praktisch auszubeuten. Die Starkgeistigkeil, die man im 14. Jahrhundert in den vornehmen Kreisen der Juden Spanienmit überlegener Miene zur Schau trug, mußte auch zu Consequenzen führen, die den offenen Widerspruch mit dem Geiste

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