Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 4 (1875)
- Issue
- Nr. 3. (1.2.1875)
- Date
- 1875-02-01
- Page
- Seite 10 (sequence 2)
- Language
- German
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10 von ihm in dem ״Essai sur la R6gdndration des Juifs“ mit folgenden Worten: J’ai pour garant un komme bien informd et dont l'autoritä n'est pas saspecte, c’est M. le Doeteur de Gueldres, Juif, connu par soa long sdjonr ä Jerusalem, par ses voyages dans les trois pariies de l‘ancien inonde et par son poöuie anglais: les Israelites & la montagne d’Horeb. Gottschalk von Geldern, der zweite Sohn des Lazarus, wurde am 30. November 1726 in Düsseldorf geboren. Er war Doetor der Medecin und ziigleich Oberrabbiner der 7 jüdischen Gemeinden in den Herzogthnmern Jülich und Berg. Sein Ruf als Arzt und Menschenfreund war weithin bekannt. ״Er erschien, erzählt Carmoly, als Freund und Rathgeber in den Palästen der Großen und 'Reichen, als Retter und Helfer in den Hütten der Armen und Bedürftigen." Große Verdienste hatte er sich, als Haupt der Gemeinde, um die Juden in den Herzog! hümern erworben. Auch unter seinen Freunden besanden sich Viele, deren Gelehrsamkeit über die Mauern Düsseldorfs hinaus bekannt war. Ich nenne nur den Mathematiker Kalman Cohen und seinen Sohn Aron, den Arzt Meyer Cohen und den gelehrten Rabbiner Mordechai Halberstadt. Kalman Cohen war der einzige besoldete Rechenmeister der Curpsälzlschen-Bayerischcn Regierung. Sein Rechenbuch: ״Reue vollständige und gründliche Eröffnung der Univcrfalökonomischen Arithmetik, Düffeldorf 1758" wurde fast aus allen Schalen des Landes eingeführt. Aron Cohen war nicht weniger tüchtig in der Arithmetik und verwandten Wisscnfchaften. Sein Bllch ״Allgemeine Logarithmische Geld- und Wechsel - Arbitrage" wurde damals allgemein gesucht. Beide Cohens, Vater und Sohn, starben in derselben Woche im I. 1770. Gottschalk van Geldern nahm den verwaisten Enkel zu sich und gab ihm mit seinen eigenen Kindern, Joseph, Simon und Betty, eine sorgfältige Erziehung. Joseph van Geldern, geboren 1765, stndirte, nachdem er sich schon früher iu Düsseldorf in verschiedenen Fächern ausgezeichnet hatte, in Bonn, später in Heidelberg und promovirte als Doctor der Medecin und Philosophie in Duisburg, worauf er bald wegen feiner vorzüglichen Kenntniße zum Leibarzt des Kurfürsten Karl Theodor in München ernannt wurde. Er blieb dort nur kurze Zeit, weil er wegen einer Krankheit seines Vaters nach Düsseldorf zurückkehrte und dort praklizirte. Nur wenige Jahre wirkten Vater und Sohn zusaminen; in» Herbste 1705 starb Gottschalk und im Frühling des nächsten Jahres sein Sohn. Simon van Geldern, drei Jahre jünger als Joseph, st»»- dirte ebenfalls in Bonn und Heidelberg die Medicin und ließ sich als praktischer Arzt in Düsseldorf nieder, von ivo aus er weithin berühmt wurde. Er starb in» Jahre 1833, »var daher noch Zeuge des Ruhmes seines Neffen Heinrich Heine, des Sohnes seiner Schwester Bett»). Diese, die 'Mutter des Dichters, geboren am 27. Nov. 1771, »var der Liebling der ganzen Familie. Sic »var schön und liebevoll, gebildet und geistreich. Obgleich viele uin ihre Haird sich bewarben, wies sie Alle ab. Sie hatte den Vorsatz gefaßt, nie zu heiratben, und es schien auch ihr Ernst zu sein, de,»n sie näherte sich schon den 30, als sie noch bei ihrem Vorhaben beharrte. Da kam im December 1798 ein junger Kaufmann ans Altona, Samson Heine, mit Empfehlungsbriefen an die Familie van Geldern in Düsieldorf. Von Dr. Simon zu Tische geladen, lernte er Betty in ihrer häuslichen Wirksamkeit kennen und war entzückt über ihre Schönheit und von ihren Eigenschaften. Nichk lange darnach ward sie die Gattin des Samson Heine. Bereits nach einem Jahre wurde sie Mutter eines Sohnes» deir die Eltern Harry nannten, er selbst nanüte sich (seit seinem Uebertriit zum Christenthum) Heinrich, nt»d unter diesen Na»,»en kennt und verehrt ihn die ganze Welt als einen der ersten Dichter. Worüber Heinrich Heine auch imincrhin spottete, Eines blieb ihm heilig, seine Mutter. Die Liebe zu ihr war seine Religion. Treu hielt er zu dieser Liebe und treu hielt er zu ihr. Zwanzig Jahre später sang er in Paris von seiner Mutter in einem seiner schönsten Lieder: Die alte Frau hat mich so lieb. Und in den Briefen, vie sie schrieb. Sah' ich, wie ihre Hand gezittert, Wie tief das Mutterher; erschüttert. Die Mutter liegt 1»ir stets im Sinn, Zwölf lange Fahre flössen hin, Zwölf lange Fahre sind verflosien Seit ich sie nicht an's .Her; geschloffen. Deutschland hat ewigen Bestand, Es ist ein kerngesundes Land; Mit seinen Eichen, seinen Linden Werd' ich es immer iviederfindcn. Nach Deutschland lechzt' ich nicht so sehr. Wenn nicht die Mutter dorten wär'; Das Vaterland wirb nie verderben, Jedoch die alte Frau kann sterben. Des Dichters Besorgniß jedoch ward nicht so schnell verivirklichl. Wie er die Mutter ein Jahr darauf ״glücklich mrd heiter" »viedersah, »vie sic ihm anfwartete mit ״Fisch, gebratener Gans und Chinasäpfeln" und selbst solche vernünftige Fragen an ihn richtete, weiß Jeder ans den ״Wintermährch^n Deutschland." Noch inanches Jahr lebte die alte Frau; erst im September 1859 schloß sie die Angen, nachdem ihr Sohn ihr bereits im Februar 1856 ins Jenseits vorangegangen mar. Der Einfluß, den die Mntter auf vie Herzens- und Geistesbildung ihres Sohnes ausgeübt, muß nach Allem, waS von ihr berichtet wird, sehr bedeutend gewesen sein. Den ersten Elementarunterricht ertheilte sie selbst ihren Kindern. Heinrich Heine nennt sie eine Schülerin Ronsseaus, nnd sagt in seinen ״Reisebildern": ״Wenn ich ein berühmter Schriftstelle! werde, so hat das meiner Mutter genug Mühe gekostet." Ein Beispiel ihrer Erziehungsweise erzählt Maximilian Heine in ieinen ״Erinnerungen an Heinrich Heine", Berlin 1868. ״Unsere Mutter hatte von unserer ersten Jugend an uns daran gervöhnt, wenn »vir irgendwo zu Gaste waren, nicht Alles, was aus unfern Tellern lag, auszuessen. DaS, was übrig bleiben mußte, wurde der ״Nespect" genannt. Auch erlaubte sie »lie, »venn wir zu Kaffee eiugeladen waren, in den Zucker so einzugreifen, daß nicht wenigstens ein ansehnliches Siück zurückblieb. Einstmals hatten wir, meine Mutter und ihre sämnitlichen Kinder, an einem schönen Sommertage außerhalb der Stadt Kaffee getrunken. Als wir den Garten verließen, sah ich, daß ein großes Stück Zucker in der Dose zurückgeblieben sei Ich war ein Knabe von sieben Jahren, glaubte!»ich unbemerkt, und nahm hastig das Stück aus der Dose. Mein Bruder Heinrich hatte das gesehen, lief erschrocken zur Mutter und sagte ganz eilig: ״Mama,