Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Literaturblatt · 1874-01-01 · Nr. 15. (1874) · p. Seite 58

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
3 (1874)
Issue
Nr. 15. (1874)
Date
1874-01-01
Page
Seite 58 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
85% known words query
IRI
…/5367336-5990814-5990935--0390-5367472
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Vergleich mit den kathol. Kirchengrsängen, dem sogenannten pladt-cliant der Franzosen, ist übrrlxiupt rin nicht Dltcklicher wie LdrigrnS Hs. selbst an einer anderen Stelle der Vorrede tniltelbar;«gesteht. Wahrend riese durchaus »umelodiscb find und vor allen Tinge» gänzlich des Ryllnnns entbehre», sind dockt wohl die ältesten Geiauge des Tempels wenigstens rbylmtick, gewesen: düs last! sich ans dem dabei stattgehabten Gebrauche von Schlaginstrnineule» und der Berbindnng des Gesanges gewisser Psalmen mit Tanz oder tanzariigen Be-׳ wegungnt vermutben — Auch ans der Tonalität unsrer altc» traditionellen Gesänge lägt sich kein bestimmter Schlug für ihr Alter ziehen, denn Gesängen in gleicher uns jetzt besreindlich klingender Tonart begegnet matt bei vielen anderen Völker», zumal sind die National nnb Volkslieder der slavischeu Stamme und der Magnaten reich an Melodieen, welche in einer von den beiden modernen abweichender Tonart Enteist charaklensirt durch das Fehlen des Leinon», als halber Tonstuse zur Tonic.,) gesungen werden. Vs hält übrigens ״nr die Melodien des sogenannte» polnische» Ritus für Ä»>kö»»nlinge einer sehr alten Zeit, dagegen die allerdings gättzlich anders gearteten Weisen des poringiesischen Ritus für beeilt׳ singt durch fremde, christliche Elemente. So interessant dieser Gegenstand ist. io wütdc es dach weil über die in diesem Blatte uns gesteckten Grenze gehen, wollten wir noch weiter denselben vetfolgen. Sicher ist das Aller der fraglichett Gesänge ein hohes, und die Tradition wird unter den begabtereu Ehajaniin sich zeitweise zietniich rein gehalten naben, aber Ntemand durste wohl mit einiger Sicherheit den einzelnen Melodieen ein Gebnrisaltest attssteUeii tonnen. Und dag auch tnnsikalische Traditionen leicht verloren gehe», wo seht istliche Äuszeicktnungen als Anhaltspunkte iehlen, ist ja ganz selbstverständlich; selbst i» einigen, der von Herrn Ranntbourg mitgetheilten alten Melodien finden sich Wendnnge», die mtr wenigstens anders bekannt sind, — wobei ich selbstverständlich die Version des Antors, dessen Stantntbanin eine stattliche Reihe berühmter und verdienstvoller Chasanim aufweist, als die richtigere nicht in Frage stellte! — Die in dem folgenden Kapitel über die Anwendung von Harmonien in der altjüdischen Musik geäußerte» Meinungen sind, weil sie noch weniger ans dem Boden der Thatiacheu stehen, noch angreifbarer, als die über das Aller der Melodien ansgesprochenen. Vs. glaubt in der Thal, dag schon im Tempel den unsrtgen ähnliche Harntonien, d. h. mit Oclave, Terz und Sexte versehenen, erklungen seien, und meint, das menschliche Ohr wäre ja schon damals genau so gewesen, wie heute, und Unisono'» oder gar Disharmonien hätte man aus die Dauer nicht ausgchallen! Es ist wohl nicht nöthig, die Schwäche diejer Argumentation aufzndecken, wir erinnern nur an die während langer Zeit in der kalh. Kirchenmusik in Gebrauch gewesenen Antiphonien und ähnliche Stücke mit lauter Quarten-Quinten- oder Sekundenfolgen, die uns heute als das denkbar Barbarischste Vorkommen würden, an dte heutige Mnsik der Chinesen und anderer asiatischen Völker rc. rc. — Rach dem nun solgenden Kapitel über die Musik und Harmonie bei de» Griechen — eine Materie, die, streng genonimenotutnen, dort nicht hingehört — geht Vs. tu einer sehr klare» und gründlichen Weise zur Erklärung und musikalischen Ueberjetzung der ״Neginotli Tainiui“ nach Äschkenasischein Ritus über. Er giebt hier eine von dtr gebräuchlichen meist abweichende Erklärung der Bezeichnungen (Sarka, Sego), Munach etc) tndent er eine musikalische Deutung derselben versucht, also Vorschristeit darin findet, wie der Vortragende die Stimute bei jedem Zeichen tnodniire» solle. Es ist dies originell und, soviel ich benrtheileu kann, auch linguistisch mit Glück durchgesührl. Die Auszeichnung in Noten ist eine durchaus correkle und bei iveitent bessere, als die von früheren Aulorett gegebene. Interessant ist damit zu vergleichen die im Anhang gegebene Nolenschrist derselben Accente im sesardischein Ritus, einer ungleich unschönen und moitotonereu Recilirungsart. Zu demselben Anhänge ist auch die von der gewöhnliche» bekanittlich abweichende Recilirung der am lldnijahr und Jom—tippur vorgclesetmt Tkwra-Mschnitte gut nnrsikakisch nstirt. ÄeNr das Alter dieser??cjginoth Wird nichts Bestimmtes ,msgesagt: ich möchte sie jedoch jedenfalls für älter als die Melodie״ der ״Pijutiin" halte», schon der Bezeicbnnngrn halber, die ivirkliche ״Nettmen", die älteste bekannte Art musikalischer Notirnng, darstelle». Uebcr sehr viele hierhergehörige Einzelheiten, z B. über die entsprechenden Zeichen in der von einem karaitiiehen Rabbi im Jahre 1839 der historischen Ges.llschast in Odessa angebotenen, aus dem 9. Jahrhundert stammenden Copie eittes babylonische» vorntaioretischen Bibeltextes, must int Original das Nähere nachgesehen werden. Die Einleitung schließt ein Kapitel über die neuere Entwicklung des Synagogenges ings, worin schließlich auch der Vs., als Musiker von Geschmack, gegen die Orgel in der Synagoge platdirt, und bei besonderen G.legenheilen die Anwendung von Hat seit, zugleich als Erinnerung an Nebel und Kinnor, votschlügt. Endlich handelt ein Znsatz zur Einleitung von dein 1570 geborene» i:>,!1eni1chen 'Contponisteit und Chasan Salomo» de Rossi, dessen jüdische Eontposttioneu 1623 in Venedig gedruckt worden, aber jetzt bis ans Bruchstücke verichwnndeu sind, — eine besonders snr antiquarische Forscher sehr leicnsweribe Abhandlung*) Nun noch etiuge Worte über den reut mnsikaltschen Theil des Werkes. Er besteht außer den schon erwähnten verjchiedenen alten Melobieit und Recilirungstveisen, mit Attnsahme zweier Coinpositioncn von F.Hakevy(Psalm 115,33. 12—18 und 118 V 1—25)!mb I 20היי (einem der Amtsvoraänger des Vs. — Psalm 24 V 7—10 und ״Leßl olam bekol todaii“), nur ans eigenen Coiupotitionen des Autors. Von den alten Melodieen sind die meisten mehrstimmig zweckentsprechend gesetzt, theils für Solo und Chor, thei.s nur zum Zweck der Begleitung auf der Oegel oder dein Harnionlum. Bei einigen derselben ist der Zweck nicht recht et sichtlich, z. B. bei dem Ansange der ^8cl>emono lllsore an lk.08elt- Iiascltonoli “ Die einzelnen Compositiouen zeichnen sich nicht allein durch eineit recht reinen musikalischen Satz bei ziemlich leichter Anssührung, sondern auch meist durch den ihnen iitite-־ wohnenden Geist ans Sie sind, so wie es der Charakter des jedesmaligen Textes verlangt, cinsach, aber innig gehalten, vermeiden die unpassenden Wiederholungen und werden sicherlich bei guter Wiedergabe zur Weihe des Gottesdienstes beitragen. Einzelnes freilich ist auch uitbedeuteuo; — sonderbar erscheint mir der G-inoll ״Kadisch" für Solo und Chor (Nr. 25), in welchem der letztere die einzelnen Worte des Chasau wiederholt (also z. B. Vorb.: Jitgadal, Chor: Jitgadal, Vorb: wejitkaddasch, Chor: wejitkavdasch rc.), tvas doch dein Gebrauche ganz entgegen tst. Der Chor repräsentirt nur die Gemeinde und soll nicht etwa, wie früher der famose ״Singer" und ״Baß" mit dem Vorbeter zu einer Dreieinigkeit verschtnolzeu war, mit dem letzteren dieselben Funktionen haben. — Eine ausgedehnte und hübsch durchgetuhrte Composition ist der Lechali dodi; eine demselben voraugeyende ״Elegie" mit französischem Texte מRutli et Noemi“, eine Ar! Pastorale und recht ansprechend coinponirt, nimmt sich doch in seiner Jsolirtheit unter lauter jüdischen Texten und für den Gottesdienst bestimmten Gesängen sehr eigenthümlich aus, — wie denn überhaupt die Auswahl und Anordnung der Piecen eine sehr bunte, oder sagen wir lieber farbenreiche, ist. Welcher Art uitd welcher Stimmung aber auch die Cour- Positionen des Herrn Nantnbonrg sind, immer spricht aus ihnen ein bestimmter, individueller Geist, nirgends ist jklavische Nachahntung eines Kirchen- oder Motettenstils, überall vielmehr ein vrigi,toller Zug, der den Coiuposttionen ihr Gepräge giebt und sie sehr wohl für die Synagoge geeignet macht. Der geniale Tondichter hat sich von dem Geiste der trabitu onellen altjüdischen Weisen, die io wunderbar zum Herzen sprechen, inspiriren lassen und sontit eine Musik geschaffen, die, wenn die ntoderne Kunst nicht ebenso interconfessioncll wie international wäre, eine ״acht jüdische" genannt werdett ) Wir werden eine Uebersetznng derselbe» bringen. Red.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.