Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 3 (1874)
- Issue
- Nr. 15. (1874)
- Date
- 1874-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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MW ^iternlurblatt Zur Drlruchtung atltr Judenthun, « Inden detreffende» literarischen Erscheinungen auf dem Gedielr derphii«sophie,Geschichte, Etynographik.Sheoiiigik, Arientali«, Exegese, Homiletik, Liturgik, Pädagogik. V_ J Herausgegeben von Rabbiner 1)1׳. M. Rakmer in Magdeburg. Bücher der einschlägigen Literatur, welche der Red de, ״Jüd.?iteraturdtatt" in Magdeburg (oder der,Loraet. Wocheutchr." in Stettin);ugesandt werden, finden in diesem Platte eingehende Besprechung. V___- Nr. 15. Erscheint 1—2mal monatlich. Preis pro Jahrgang 1 Thlr. Für die Abonnenten der ״Israelitischen Wochenschrist" gratis. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen; in Leipzig durch Robert Friese. 3. Jahrgang. Zur synagogalen Mufik. Die dir. 3 des ״Jnd. Literatur-Bl." uon diesem Jahre brachte an ihrer Spitze einen inslrnirenden Artikel ״aber synagogale Musik imMittelalte 1", dem sich die nachfolgende Besprechung des unten angegebenen Werkes*) vom Obercantor Naninbonrg in Paris als Beitrag zur synan Musik in der G e g e il w a r t anschließen möge. Der Zweck dieses verdienstvollen Werkes des schon mit einer anderen Sanimlnng von Synagogengesängen (Seiniroth Israel) an die Oeffentlichkeit getretene» Antors ist ein doppelter. Einerseits wollte er, wie schon in dem ebenerwähnte» Werke znni praktischen Gebrauche sür den Gottesdienst in denjeuigeu Synagoge», die über einen, wenn auch schwachen, Chor versügen, Eomposit tonen, meist eigene Arbeit, liefern, andrerseits und hauptsächlich wollte er er dnrch Mittheilung der alten traditionellen Melodien (Nigunini), meist in einer dem heutigen musikalischen Geschmack entsprechenden Bearbeilung und Harinonisirung. die Kennlniß dieser Originalmelodie in weiteren Kreisen verbreite», den Sinn sür die vielen darin enthaltenen Schönheiten erwecken, und die Leiter der Synagogenchöre dadurch anspornen, sich in ihren sür den Cnltus bestimmten Compositionen an diese traditionellen Gesänge anzulehnen und erstere gleichsam mit ihrem Geiste zu besruchlen. Sicherlich eine schöne und große Ausgabe, die demjenigen unzweiselhaft als lobenswertli erscheinen ivird, der die oft geisl- und geschmacklosen, in vielen Synagogen heiinisch gewordenen Gesäuge mit den in Vergessenheit geralhenden traditionellen zu vergleichen im Stande i!l. Für uns Deutsche ist nun zwar die Notirnng jener alten Melodien nichts Neues; es exisliren mehrsache Ausgaben derselben, sowohl einsache Uebcrlragnngen in Notenschrisl, als auch Bearbeitungen einzelner sür verschiedene Instrumente, — sür Frankrei ch jedoch haben diese Mitlheilungen noch den besonderen Werlh der Neuheit, und auslerdem fehlt auch bei uns viel, daß die Bekanntschaft mit jenen Melodien eine allgemeine sei, so daß dieses Werk auch deutsche» musikalischen Kreisen empsohle» werden kann. Freilich ist nur eine verhällnißmäßig kleine Zahl von Origenalmelodien milgetheilt; wer mit dem Gegenstände vertraut ist, wird Vieles schinerzlich vermissen, daranter selbst Perlen ersten Ranges. Dagegen enlhäll die Saniuilung auch Einzelnes, ivas wohl überhaupt noch niemals veröffentlicht morden ist, nä!n- ^ich ",,,eine Btuchslücke aus den rilnellen Gesängen des Porlugiesischen Cnllns, der Orientalischen Inden, des Afrikanischen *) א^רד״ת Recueil de Cliants religieux et populaires des 18ra6iite8, des teinps les plus reculäs jusqu' a »08 jours etc. par. S. Naumbourg miuistre ofticiant du temple cousistori&l de Paris. Im öetbftvertage des Autors (8 nie B4ra11ger). Hoch 8 pag. 114. Vorangeht: Geschichte d. Mus. bei d. Hebräer». 46 S. <15 Frcs.). oder Marokkanischen Ritus, den ״ siignn" der ״Sefardim" beim Borleken der Thora re. Alles dies ist etivas psle inele in dem Werke enthalten, kann aber nicht verfehlen, das Jntereffe lebhaft zu erregen, und man bedauert fast, daß den eigenen moderneil Conipositionen des AiltorS, auf die ich noch zurückkomme, ans Kosten dieser ״Jucunabeln" so viel Platz eingcräuint worden ist. Gewissermaßen als Führer in diesen׳, nielodischeit Garten dient die aitssührliche 46 Seiten lange Einleitung, welche mir dtude kistenque cke la musique des Ilebreux bezeichnet ist, und auf die wir etivas näher eingehen wollen, da sie mancherlei Bemcrkensiverlhes enthält, aber auch zil einigen kritischen Bemerkungen Anlaß giebt. Nachdem der Bf. über die Musik unter den Richtern und den Königen gesprochen, den Gottesdienst in dem Tempel nach Stetten ans dem Tal- »lud und Maimonides kurz geschildert, die verschiedenen Formen der Instrumente und ihren Gebrauch, unter Benutzung, anderer Autoren utld »ach eigueil Cunjecluren, angegeben hat, wendet er sich zu den Titel» und Ueberschristen der Psalmen, deren Bedeutung er ebenfalls nach Jahn, Medelssohn, Gesenius, Ewald, Mnnck und eigenen Ailschauungeil zn erk>ären sucht, uild kommt danil zu der Frage nach dem Ursprung unserer jetzt noch erhaltenen Melodieen und ihrem Alter, wobei natürlich die höchst wichtige, aber äußerst schwer zu beanlivortende Frage, nach der Art der frühesten jüdisehen National»!»»!, also nach Tonart, Harmonie, Rythnins rc. zur Sprache kommt Aus einer gewiffeu Aehnlichkeit der alteil Kirchentonarteu, wie sie seil Gregor d. Är. in der katholischen Kirche gebräuchlich waren und zu»r Theil noch sind, die wiederum mit den Tonarten der alt-griechischen Mu!ik, (so viel oder wenig wir davon wisien!) zusammenhänge» sollen, mit den Tonarten, in ivelchen einige alte hebräische Melodien gesungen tverden, glaubt der Vs nämlich schließen zu dürsen, daß die ersteren aus den letzteren entstanden s.ien, oder doch daß die jüdischen Weisen ein höheres Aller, als die Gregorianischen Gesänge (6. Jahrhundert) für sich in Anspruch nehme» können. Ja, der Bf. unterschreibt den Ausspruch von Kdtis, der unsre traditionellen Gelänge und Rccilationen ״counne derivant de l’ancienne musique du temple de Jerusalem“ erachtet, und in den heutigen Synagogaltveisen ״die kostbare» Reste eine Kunlt" sieht, ״welche der Zerstreuilng der Juden uud der Bernichlnng ihrer politischen Existenz vorausging." Nun, bet aller Achtung vor dein ehrwürdigen Aller uns»er Melodien, halte ich diese Ex׳ pektoration doch sür etwas sehr gewagt, und oer Vs., geiviß ein ernster Kenner der synagogalen Poesie des Mitnlaliers, hätte schon durch die einzige Thaisache, daß die offenbar ültesten unsrer Melodien in den sogenannten Plj»"!u vorkomme», und diese eine Kleinigkeit später als die im Jerusalewer Tempel verrichleteil Gebete entstanden sind, von der Annähme eines s o hohen Alters zurückkontmen müffen. Der