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Das jüdische Literaturblatt · 1874-01-01 · Nr. 10. (1874) · p. Seite 39

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Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
3 (1874)
Issue
Nr. 10. (1874)
Date
1874-01-01
Page
Seite 39 (sequence 3)
Language
German
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39 Literaturbericht. Rekruftomu. A treatise on the use of the tenses in Hebrew. By 8. R. Driver, M. A. Oxford at the Clarendon Press. 1874 (XVII! u. 256 S.) Diese Monographie, der von dein Ölaronüvn?ress herausgegebenen Samnüung (!Serieo) von Editionen und Werken zum höheren Schulzebrauch angehörend. behandelt den «Gebrauch der Tempora i»1 Hebräischen — ein Capitel der Hebr. Graminalik und Syntax, welches zu den schwierigsten gezählt werden muß. Da» in der Grammatik der arischen Sprach« geschulte Sprachbewußtsein der Nichtscmiten zumal hat di« größte Mühe, sich im Gebrauche!er hebr. Zeitenzurechtzusinden. An die fixen drei Hauptzcitcn nebst ihren Acbenzciten gewöhnt, welch« sich in steter Eongruen; mit der zu bezeichnenden Zcitsolge befinden, treten wir auch an da» Hebräische mit der Voraussetzung heran, die strenge Scheidung der drei Zeitkreise, die entsprechenden Verbaldildungen für jede derselben und endlich d>e Ucbereinstmimung von Zeitverhältmß und der sie ausdrückcnden Form zu finden. Bald aber werden wir von der Unrichtigkeit dieser Boraussetzung überzeugt. Die Thatsache, daß «S im Hebräischen über- Haupt nur zwei Tempusbildungen gibt, muß uns zuerst von dem Analogifircn des Hebr. mit den sogen, classischen oder anderen arischen Sprachen abvr.ngen. Aber was soll der sich mit dieser Sprache Beschäftigend« erst sagen, wenn er sogar in der Anwendung der beiden Hauptzeiten eine Freiheit und scheinbare Willkürlichkeit entdeckt, die so weit geht, daß beide für dieselbe Zeitbestiminung, gehöre sie nun der Bergangcnheit, oder der Zukunft an, vicarirend gebraucht und abwechselnd einander angereiht werden: wenn das unscheinbare Waw im Stande ist, die Futur-Form in das rein historisch« Perfect zu verwandeln und umgekehrt der Perfectform eine zukünftige Bedeutung zu verleihen! Scheint da nicht jeder Zeitunterschied zwischen den beiden Tempusbüdungen verwischt zu sein, und muß man nicht daran .«rzweifeln, eine Ciassisicirung der Verbalblldungen unter dem Gesichtspunkte der Zeit überhaupt zu Stande zu bringen? Lolche Erwägungen, so mächtig sie sich auch dein, Studiren der hebr. Sprachwerke dem Beobachter ausdrängen müssen, haben d e ältesten Rational-Grammatiker nicht abgehalten, das Vorhandensein der S Hauptzeitcn im Hebr. auszustcllcn — die Bezeichnungen ■עכר •» עתיך finden sich schon zum Theil im Talmud — u. demgemäß auch die Perseet-, Futur- und Participialbüdungen als die entsprechenden Zeitangaben im hebr. Schristthum auszufassen. Widerspricht im Texte ein Tempus dem Zusammenhänge und Sinne, so wird eS als rhetorische oder poetische Freiheit (׳(צחות הלשון oder als Euphonie ausgelegt; für das Waw conversiv. aber wurde eine rein mechanische Erklärung, wie sie schon in der Bezeichnung gelegen, gegeben, die sich mit der Annahme einer Acnderung des Tempus durch die Vorsetzung des ו oder ן begnügte. So sehr erklärlich diese Annahmen bei allen Grammatikern, von Kimchi an, durch die Abhängigkeit von der Grammatik der klassischen Sprachen, unter der sie Alle steh.n, auch sein mögen, so können wir uns dennoch das Ungenügend« derselben nicht verhehlen. Erst der neueren graminatijchen Wissenschaft ist ein tieferes Eindringen in das Wesen der hebr. Tempusbüdungen gelungen, und unter allen obenan stehen auch hier wieder, wie aus vielen Gebieten der biblischen und semitischen Wissenschaft, Ewald's Forschungen, die neues Licht über diesen dunklen Gegenstand verbreiteten. Der Hebräer, dies muß vor allem festgehalten werden, saßt jede Thätigkeit uns Handlung entweder als eine bereits geschehene, vollendete, oder als unvollendete und werdende auf. Diese beiden Gegensätze bezeichnen nicht die Zeit, sondern den Modus der Handlung, und erst aus diesem ergiedt sich als ein Lecundäres der Gegensatz des Vergangenen und de» Werdenden als ein Zeit-Unterschied. Auj dieses Prmcip ist das Vorhandensein nur zweier Tempora und die Erkenntniß ihrer Bedeutung zurückzuführen Der Hebräer kennt daher nur ein Perfect, für Thätigtesten und Ereignisse, die bereits eingetreten sind, und ein Imperfect, für solch«, die erst im Entstehen uno nommcn sind, denen noch entgegengesehen wird. Diese Erklärung der zwei Grundzeiten die aber eher als Modi denn als Tempora aufzufaffen sind, löst die Widersprüche und Aäthsel, welche der willkürliche Gebrauch hebr. Zeitbildungen darbietet, auf, und läßt uns eine von aller Willkür freie Gesetzlichkeit im «Gebrauche derselben, ^als den sprachlichen Ausdruck streng logischer-Functionen erkennen. FreUich wird uns nicht jede syntactische Schwierigkeit aus dieser Grundauffassung klar, und wir müssen viele Freiheiten im Wechsel der Teinpora der Lebhaftigkeit und Beweglichkeit der hebr. Sprache, sowie der kühnen Suvjeclivilät und Phantasie der Sprechenden zuschreiben, die den Wechsel der Standpunkte, das Supponiren eines vorausgcsaglen Zukünftigen als eines bereits Eingetretenen als erlaubte» rhetorisches Mittel sich gestattet — dennoch aber ist schon mit dem Aufgeven der starren Tempus-Scheidung. wie »ran sie dem Hebr. aufzwang, und den» Erkennen des vorwiegenden Mooalbcgrisses dieser beiden Bildungen schon viel gethan und der Syntax ein weites Feld zu scharfsichtigen Beobachtungen geboten. War auch die Erkenntniß des Voluntativ (Eohortativ) und Iussiv's als des Ausdrucks für den bewegteren Willen dem Wesen nach , auch den alten Grammatikern, gelungen, so ist dagegen die modale und relative Kraft der Conjunction, die aus dem syntaktischen Gefüge heraus eine so bedeutende Veränderung aus die Verbalform hcrvorzubringen, u. eine solche Fülle von Zeit- und Modus-Färbungen zu erzeugen vermag, erst der neueren Forschung klar geworben, obwol auch hier di« Voraussetzungen des Grammatikers durch exegetisch« Schwierigkeiten oft gestört werden. Auf Hrn. Drivers Arbeit übergehend, müssen wir nun gestehen, daß derselbe sein Feld vollständig beherrscht. Die Vorarderten der deutschen Grammatiker hat er, wie er in der Vorrede dankend erwähnt, zwar gründlich benutzt — wundern muß uns die geringe Rücksicht auf jüd. Grammat ker um so inehr, als Hr. D. sich mft dem Studium derselben besaßt, — aber ein« solch« Bemühung, die einer kritischen Verwerthung der erworbenen Resultate gleichtommt, kann den Werth der Arbeit nur erhöhen, insbesondere, wenn sic zum Ausgangspunkte weiterer, eingehenderer, schärferer Forschungen, zum Ausbau und zur Verbesserung des Alten, ausgebeutet wird. Die Vollständigkeit der registrirten, formalen und syntaktischen Gebrauchsweisen der Verdalformcn, der Rcichthum an Belegstellen, die Richtigk it der Anordnung und Gruppirung der zusammengehörigen Fälle, die Berttautheit mit der Accentlehre und den Gesetze« de» Tonwechsels, die Kenntniß der verwandten semitischen Dialekte und die Belesenheit in der gesammten neueren sprachlichen Literatur in Berbindung mit einer, wo c» angeht, glänzenden Darstellung, laffen diese» Buch als eine werthvolle Förderung der hebr. Gramniatil erscheinen und zwingen uns zu dem Urtheil, daß es bis heute als die beste Arbeft über diese Partie gelten müsse. Bon den drei Appendices, die dem Werke angehängt sind, die über Umstandssätze, di« ursprüngliche Bedeutung des Jusfiv, und das Arabische als Erläuterung des Hebr., handeln, hat un» insbesondere das letztere inüressirt. In demselben wird die Frage nach der Priorität des Hebr. und Arabischen dahin entschieden, daß das Letztere dem Ursemitischen sowol in seinen grammatischen Büdungen als im vorhandenen Lprachgute näher steh«, als das Hebr., welches eben durch sein früheres Eintteten in die Literatur von der alten Ursprünglichkeit und Lautsülle viel eingebüßt. Der Beweis hiefür wird durch den Nachweis der lautlichen Integrität des Arab. in, Gegensatz« zur Assimilation und * dem häufigen Wegfall von Endungen im Hebr. (beim Artikel al, wofür hebr. das Dagesch, dem weibl. ,*ץ" 'm Substant. und Verb, für atü im Arab.: dem stummen ,-ן in ,ל״ף für j, dem weibl. ה für ה׳! dem im Hebr. ganz verloren gegangenen und nur noch im localen ה erhaltenen arab. Accusativ, sowie überhaupt in den im Hebr. nur rudimentär nachw isbaren Easusbildungen, der abgeschlisicnen Endung 3 p. pl. iinp. üna (wofür hebr. nur noch ון u. s. w.) vollständig erbracht. Wir können zum Schluffe nur wünschen, daß Hr. D-, der auch schon eine Ausgabe des Eommentars des Mose b. Scheschet geliefert, noch öfter auf dem Gebiete der hebr. Sprachwiffenschaft uns begegnen inög«. I. H. Ophui. Wolf, Dr. H. Die Geschichte Israels, für die israelitische Jugend bearbeitet. Vierte vermehr!« und verbesserte Auflage. Wien bei Wilhelm Brauiuüller. Es ist nicht blos die biblische Zeit, sondern die gesammte ״׳escbichte des jüdischen Volkes bis aus die Gegenwart, die in diesem Wölfischen G,schichtsbuch für die israelitische Jugend »ne viele!» Geschick bearbeitet ist: die biblische Zeit detaillirt, die nachdiblische übersichtlich zusammengefaßt und kurz aber scharf skizzirt. Das Buch hat in Oesterreich sich bereits ein Bürgerrecht erworben, es erscheint in verhältnihmäßig kurzer Zeit in vierter Auflage. Uns kommt es zum erstenmale zu Gesicht, und wir wundern uns, daß trotz der vorgenommenen Berbefferungen noch manches Unrichtige oder beffer Ungenaue darin stehen geblieben, und andrerseits mancher charakteristische Zug ausgelassen oder zu kurz angedeutet worden. So dürste unseres Erachtens vor der Strafvcrkündigung an Adain, Eva und der Schlange (S. 3) das göttliche erhör (die Antworteil der beiden ersteren, das Welzen der Schuld auf einen Andern) in einem Buche für die Jugend nicht fehlen. Auf derselben Seite ist nicht ganz genau Abel zuerst als Opfernder genannt. Der Schluß desselben Kapitels bricht zu jäh ab: Kajins Antwort aus die angekündigte Strafe fehlt. S. <> scheinen zu Beginn de» neuen Kapitels ״Noa beschäftigte sich nun und legte einen Weinberg an" — die Worte ״mit Ackerbau" ausgefallen zu sein. Gegen Schluß des vorhergehenden Stückes befindet sich auch eine sprachliche L-ärte: ״Die Ursachen, die die Sündfluth herbeigeführt hatten, waren, daß die Menschen, Gewaltthat, Mord und Todtschlag üblen." Ende L. 8. istdieUebersrtzung: ״denn wir sindBrüder" nicht genau. S. 14ist die Ueberschrist: Abraham will seinen Sohn Isak opfern — zweideutig. Die zur Begründung des Eingangssatzes der Red« Eliesers hinzugefügten Worte ״um jede Täuschung über seine Person zu vermeiden" sind geradezu komisch. Unter den vielfach an paffenden Stellen eingestreuten wörtlichen Uevcrsctzungen siel uns die der im Segen Jacobs S. 3*i vorkommenden Worte ״ אל תותרdarum überhebedich nicht" auf. Mose's ältester Sohn hieß ״Gerso n," nicht ״Gers on", wie es S. 40 heißt. S. 03 wird oas Omerzählen ein ״frommer Gebrauch" genannt. S. 238 stellt der Veri. oas Verhältnis» des dreijährigen Eyclus der Thoravorlcfimg zum einjährigen so dar, als ob der erslere die Regel, der andere die Ausnahme bildete, während es doch factisch umgekehrt war. Im Schlußcapitel des Anhanges hat es uns sehr Wunder genommen, in der Ausführung von bedeutenden Werken (auch lebender Autoren) aus dem Gebiete der jüd. Literatur Griitz' großes epochemachendes Geschichtswerk nicht g-nannt zu sehen. Gerade der Hinweis auf dieses Werk hätte zum Schluß des die jüd. beschichte behandelnden Schulbuches für die erwachsenere Jugend nicht fehlen dürfen. Wir wünschen dem sehr gut ausgestatteten Buche eine baldige neue, die hier gemachten kurzen Andeutungen berücksichtigende Auflage. R.

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