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Das jüdische Literaturblatt · 1874-01-01 · Nr. 8. (1874) · p. Seite 30

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Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
3 (1874)
Issue
Nr. 8. (1874)
Date
1874-01-01
Page
Seite 30 (sequence 2)
Language
German
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wenn beide Schalen sich das Gewickt halten, daungiebl die Gnade den Ausschlag, so daß er ausgenommen wird in die Pforte der Seligkeit; aber der Sünder, weil er die Erinnerung an den furchtbaren Tag leichtsinnig verschmäht hat, wird dem ewigen Verhängniß überliefert. Kalonymos ist kein tiefer Deuker, seine Beweisführung und Auseinandersetzung hat nicht die strenglogische Conseqnenz unbestreitbarer Sätze, aber sie gewährt uns die unabweisbare Ueberzengung, daß er durch ein Gemüth voll Innigkeit und gefühlvolle Wärme ausgezeichnet war. Dies bewährt sich glänzend in dem zu Ende des Werkes angeführten Ziviegespräche zwischen ihm und seiner Seele, die er als Urheberin der Sünde anklagt, da sie mit freiem Willen begabt, trotz ihrer Unkörperlichkeit durch ihre Entscheidung die Gliedmaßen in Bewegung setze; die Seele wälzt jedoch die Anschitldigung von sich, indeni sie behauptet, durchaus von seinen Bewegungen abhängig, ihm als Gehilfin beigesellt zu sein, die ihn mit sanften Worten znm Guten anzuhalten beniüht sei, während er in rauher Weise sie durch Treulosigkeit und Härte kränkt. Die Entscheidung trifft Gott selbst, indeni er Beide straft, da sie gleichmäßig den Antheil am begangenen Unrechte tragen müssen; damit sei der zu Anfang des Buches cingeleitete Streit zwischen deni Menschen und seiner Seele cndgillig geschlichtet. I» tiefer Bescheidenheit wiederholt K. die Vcrsichernng, daß es durchaus nicht seine Absicht sei, sich zum Sittenrichter der Zeitgeuofien aufzuwerfen, sondern daß er stets nnr sich und höchstens ihm Aehnliche und Nahestehende im Auge habe; daß er sich nicht über sein Volk erhebe» wolle, obwohl er in feiner Stellung Einfluß besitze. Er geht in seiner Bescheidenheit so weit, daß er sich zu Anfang bei jeden! Nedlicbdenkenden rechtfertigt und bittet, ihm nicht die Jugend *) als Fehler anzurechnen, wenn er gegen die tiefgehenden Schäden im Volke sein Wort erhebe, da dies nur geschehe, um sich stets die Denmlh vor Augen zu halte». Doch könne er nicht un!- hin, eben wcg-'n der schweren Zeitverhältnisse die Last seines Lebens und die Beschwerlichkeiten des Daseins lebhaft zu schildern. Da gebe es soviel bekannte und geheime Barsch!isten, die außer den 613 Gesetzen zu beobachten seien, so daß man nie genug aus seiner Hut sein könne, wenn man allen genügen wolle. Außerdem lägen ihm die mannigfachen Lehrgegenstände ob, die man sich anzueignen habe, zunächst die h. Lehre niit Coninientaren, Sifra, Sifre, Talmud und Gemara, dann noch die sieben externen Wissenschaften: Logik, Algebra, Geometrie und Astronomie, Physik und Metaphysik d h. die Lehre von der Gottheit und von den reinen Gebilden oder den zehn Sphären. (Fortsetzung folgt.) Gtyniologifcke Bemerkungen. I) Die Stelle נהרזת ימחאו כף Plalm 98, 8 übersetzen alle Exegeten: ״Die Flüfie klatschen in die Hände." Das Bild ist poetisch geschmacklos. Man hat aber die Größe und Schönheit des in den Versen 4—9 ausgesprochenen majestätischen und mahrhast poetische» Gedankens vollständig verkannt. Man muß auf die Steigerung achten. Vers 4 (פצהו) menschlicher Vocal-Gesang, Vers 4 (בנ1ר) sanfte Jnstrumcntalmusik, Vers 6 (חצצר1ת) rauschende Blechmusik und Tuba, Vers 7 (ירעם הים) höher gestergerler Naturlaut: Meeresbrausen, Vers 8 (נהר1ת ימחאו* כף) noch lauteres Tosen der großen Wasserfälle, welche Felsen anschlagen, zerbröckeln, (כף in Pausa—״ כףFelsen" vgl. Hiob 3V, 6 und Irrem. 4, 29), Vers 9 (יחד הרים ירננו) Brüllen der!8uleaiie! Alles dieses saßt der Dichter in diesem Psalm als Lobgesang zu Ehren Gottes zusammen. Erwägt inan außerdem noch, daß -״ נהיFluß", iin Plural נחרים hat, so *) Hiernach hätte Jf. dieses Buch in seiner Jugend geschrieben. Siehe oben. S. Red. wird man es gerechtfertigt finden, wenn ich für נהרוח die hier erforderliche Bedeutung von ״Katarakten, Wasserfällen" nehnw. ימחאו כף findet man nnr noch einmal, IesaiaS 55, 12, wo eS, wie der folgende Vers 13 an die Hand giebt, ebenfalls zu übersetzen ist: T'.e Bäume werden die (unfruchtbaren) Felsen sprengen." Jnowraclaw. Michael Levy. 2) In der Mischna Bechoroth 44 b werden verschiedene Interpretationen des biblischen Ansdruckes מרוח אשך (Levit. 21, 20) angeführt. So interpretirt unter Anderen R.'Jsmael כל (שנימחו) שנמו־חו אשכיו; N. Akiba כל שרוח באשכיו; R. Chanina b. A. כל שמראיו חשוכין♦ Die Gründe für die abweichenden Definitionen des R. Akiba und des R. Chanina werden in der Gemara in folgender Weise discntirt: קשיא ליה לר״ע האי ממרוח אשך מיבעי לי׳ וכוי לר״ח מיבעי לי׳ (nach der Lesart d-'s Ialkut האי רוח אשך (כאשך Zu dem ersten Paflus bemerkt Raschi erläuternd: דהא מ״ם דמרוח משמשח היא Edel's Erklärung hierzu (in seinen ״Novellen" z. St.) ist durchaus unbefriedigend, abgesehen davon. daß nach solcher das ממורח des Textes in ׳ממורח und המרוח bei Raschi in דממורח eine dirt werden müßte. Der Sinn dieser sprachlichen Bemerkung Raschi's stellt sich uns jedoch als ganz zwanglos und einfach dar. und macht jegliche Emendation unnöthig. Verfolgen wir zuvörderst die talmndische Discussion, so ersehen wir, daß R. Akiba dem das מדוח vom Zeitwort מרח ableitenden R. Ismael mit Recht den Einwurf macht: prägnant würde diese Wurzel im Nomen ממרוח hervortrcte». (Letzteres würde sich alsdann, adäquat seinen unmittelbaren Vorgängern גרב und ׳ילפת dem כי יחיה בו des Vorverjes (19.) anschließen.) Nach der Ansicht des R. Akiba bildet vielmehr מרוח ei» Adjectivum von רוח- (Vergl. Aben-Esra z St מרוח תואר נגזר מן רוח). Unwillkührlich drängt sich uns hierbei die Gegenfrage aus, wa- -rum denn R. JSmael nicht מרוח im Sinne eines Adjectiv. verbale von מרח aufgefaßt haben könnte? Dieser Frage sucht eben Raschi, nach meinem Dafürhalten, mit der angeführten Bemerkung zu begegnen, weil nach R. Akiba die Ableitung des Wortes מרוח von דוח mittelst des Bildungsbuchstaben מי׳ ם viel plausibeler erscheint, als die Annahme eines Adject. verb. von מרח*), vermuthiich deshalb, da sonst parallel Levit 22, 24 das in diesem Sinne dort gebrauchte Particip ׳מעוך auch hier am Platze gewesen wäre. So erklärt Rafchbam z. St. מרוח׳ מעוך בצים; und Onkelos hat an beiden Stellen מרים♦ Der berechtigte Zweifel gegen die Ableitung voמרח ״ könne daher nur durch die Wahl des Nomen's ממרוח behoben werden. R. Chanina b. A hingegen verwirft seinerseits die ihm unstatthaft dünkende Neubildung des Adject. מתח von רוח, indem, wenn Letzteres hier den Stanrm abgeben sollte, ja das Nomen רוח am Geeignetsten erschiene, oder, nach der Variante des Ialkut, noch überdies dem Worte אשך ein 10 ביcale vorgesetzt werden müßte. Schließlich verweise ich noch auf Bartinoro z. St., der ebenfalls die Divergenz der Meinungen der gen Mischnalehrer ausschlileßlich auf die Etymologie des biblischen Wortes מרוח zurück. Posen. Abr. Cohn. Literaturbericht. Receiisionen. Groß Dr. K- Aaüviver, R. Abraham b. David aus Posqueres. Sein Leben und seine Schriften. Ein literarhistorischer Versuch. 82 S. (Separatabdruck aus der Grätz'» schrn Monatsschrift.) ) Dann hätte aber Raschi seine Bemerkung nicht zur Frage R. Akiba's, sondern zu seiner Antwort machen müssen, da sie ja — nach obiger Auffassung — dessen Ansicht stützen will. Edel'S Erklärung (die I zweite) ist darum nicht ganz zu verwerfen. Red.

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