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Das jüdische Literaturblatt · 1874-01-01 · Nr. 7. (1874) · p. Seite 27

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Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
3 (1874)
Issue
Nr. 7. (1874)
Date
1874-01-01
Page
Seite 27 (sequence 3)
Language
German
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Mendl, welcher beschuldigt war, de» Pita und Andere im Judenlhum unterrichtet zu haben, flüchtete von Vydzow, wurde aber in Prag ertappt und in Untersuchung gezogen. Auch er ward verurthellt, aus der Stadt in einer Haut zum Richlplatze geschleift und da lebend verbrannt zu werden. — Alle Versuche, ihn zum Christenthume zu bekehren, blieben fruchtlos, und so wurde das Urtheil an ihm vollstreckt. Fern vom Richtplatze auf einem Hügel sollen seine Glaubensgenossen ihm das Geleite in seiner Sterbestunde gegeben und die ritualen Todtengebete verrichtet haben. Auch sollen sie durch den Henker einen Theil seines Körpers, — es soll der Daumen*) der rechten Hand gewesen sein — erlangt haben, den sie dann auf dem israelitischen Friedhofe rituell beerdigten. Aber trotz der Todesstrafen durch Verbrennen und Enthauptung, trotz Zuchthaus und Aufsicht sollen viele Einwohner der oben benannten Ortschaften Luzec, Netolic, Slibowitz, heimliche Anhänger Pita's bis ins 19. Jahrhundert geblieben, und viele von ihnen am jüdischen Versöhnungstage nach Neubydzow in die Synagoge gekommen sein, um durch 24stündiges Fasten und Gebete ihren Glauben zu bekennen. Ihr Gebet war ein stummes, aber die Thränen, die ihnen oft über die Wangen rollten, bezeugten, daß sie das Andenken ihrer hingerichteten Verwandten feiern. — Das erwähnte Bild wurde in den dreißiger Jahren aus der Rathhauskanzlei entfernt und besindet sich jetzt wahrscheinlich im böhmischen Museum lediglich zur geschichtlichen Erinnerung, denn als Kunstwerk hat es gar keinen Werth. Or. I. Lewy. Literaturbericht. Rekntsumr». ZÜL Hokdschmidt's kleine Erzählungen. Aus dem Dänischen von W. Reinhardt. Bremen, I. Kühtmann 1874. Unter den vsn W. Reinhardt in lesbares Deutsch übertragenen Erzählungen des berühmten und in seinem Vaterland« Dänemark längst zum btUebUn Bolksdichtrr gewordenen W. Goldschmidt befinden sich auch zwei jüdischen Inhalts und von jüdischer Färbung. Aus dem Leben der Juden in DänemarkMt nur die eine hervorgewachsen, die andere hätte vom Dichter nach BeltMn auf jeden Boden versetzt werden können, ward aber zusällig von ihm nach Deutschland versetzt. Die Vorzüge, die den Erzähler überall auszeichnen, treten ganz besonders in seinen jüdischen Erzählungen hervor, die mW einer gewissen sichtbaren Liebe ausgearbeitet sind. Der Hauptoorzug seiner Erzählungskunst ist die Lebendigkeit. Mit einem Blicke sür das Einzelne begabt, der das scheinbar Unwesentliche herauszuheben weiß, zeichnet der Dichter oft durch einige kurze, aber sehr bezeichnende Striche ein Bild, sei es einer Landschaft oder einer verwickclten und schwerentwirrbaren Seelensnminung, das mit der wünschenswerthesten Deutlichkeit und Anschaulichkeit uns vor die Seele tritt. Dieser feine Blick hat ihm ein reiches xspchslogisches Ber-r-achiungsmarcriat emgetragen, das ihn überall in den Stand setzt, seine Schilderung mit Lebenswahrheit zu durchtränken. Die bezeichnende Schärfe seiner Darstcllung würde einen Verstandesmenschen in ihm vermuthen lassen, aber er ist ein echter Dichter, voll des feinsten Verständnisses für Menschenweh und Menschengemüth, bei dem nur die Sprache des Herzens nicht überall geredet und zum gleißenden Flitterputz verw.mdct wird, aber oft unvrrmuthet hervorbncht, wie ein frischer Schößling aus knorrigem Holze, daß es einem dabei wohl ums Her; wird. So mischen sich in den oft einzigen Erzählungen dieses begabten Dichters zwei Eigenthümlichkeiten, die einander auszuhebcn scheinen, kräftiger Realismus und duftige Romantik. Der wahre Dichter ist eben wie das wahre Leben, und in ihm ist diese Mischung eben die Regel. ״Maaßer" ist der Name der einen Erzählung. Sie schildert die Freuden und Leiden eines über Nacht reich gewordenen armen Juden, der in der ersten Aufwallung seiner Dankbarkeit dem lieben Gott den Zehent von seiner unvermutheten Erbschaft versprochen hat, dann aber die Summe zu groß findet und gerne etwas von ihr abhandeln inüchte, sie endlich aber mit Freuden dennoch zahlt. Ihm zur Seite steht seine Schwester, die von der neuen Erhebung zumeist betroffen wird und deren Erkrankung auch den bestürzten Bruder antreidt, sein Versprechen schleunigst einzulösen. Der Lauf der sehr einfachen Handlung ist nur dadurch vom Dichter interessant und sogar bedeutend gemacht worden, daß er eben ohne viel Geschwätzigkeit an einigen treffenden Einzelheiten die Ent- Wickelung und die verschiedenen Stimmungen der Geschwister gekennzeichnet hat. Einiges Fremdartige,") das auf dänisch-jüdische Landessittc zurückzusühren ist, wird dem deutschen Leser den Reiz und die Eigenart der Erzählung nur erhöhen. Ganze Strecken weit glaubt man sich ei- *) Der beim Beschneidungsact die Hauptrolle spielt. **) Dahin ist es z. B. zu rechnen, wenn wir Ausdrücken wie Hrumisch, Hcuzpe, Schrie u. s. w. sür Ehumisch, Ehuzpe, Schie begegnen. nem beintrockenen Realisten preisgegeben, aber auf einmal macht di« Erzählung eine Wendung, wir sind auf saftigem, grünende« Boden, und die Sonne der Dichtung leuchtet mild und warm. Ganz ausgezeichnet ist dir zweite Erzählung: In einem Postwagen.") Ohne Faven wickeln sich hier Geschichte an Geschichte ab, wie sie erzählungsfrohen deutschen Juden im Postwagen zur Kurzweil aus dem Mund« gehen. LL.r in all dem bunten Durcheinander offenbart sich eine mächtige Grundstimmung, in jedem i>leschichtchen äußert sich sittlicher Mischer Geist, ein« erquickende Gemüthstiefe, wie sie in der harmlosen Erzählung ganz besonders wirken muß, es sind gleichsam lauter Splitter eines und desselben sarbenprächtigen, tiesglänzmden Edelsteins. Und wenn ich an einem Zuge die Größe dieser Erzählerkunst kenntlich zu machen hätte, ich wüßte keinen geeigneteren dazu, als den folgenden. Am Schluffe seiner Erzählung: In einem Postwagen, nachdem er all das krause Zeug hat abgrhaspelt, macht er die harmlose Anmerkung: ״Während diese Geschichten erzählt wurden, hatte ich nach und nach so gut wie vergeffen, daß meine Reisegefährte« Kauflcute waren, welche zu einer Auktion reisten, und ich war ganz über« rascht, als der Wagen plötzlich nah« bei dem Schloff« anhielt, als ander« Leute sie begrüßten, und als sie ohne weitere Umstände anfingen, über Handelsangelegenheiten mit einem Eifer zu sprechen, als ob sie nie an etwas Anderes gedacht hätten. Mir war es, als wmn ich eine Verwandlung vor mir sähe; — aber welche Gestalt war die wahre?" Da ist dichterische Kraft, und mit eins wird in der worttargen Wendung der ganze Zweck der Erzählung klargenracht. Solch« fein zugespitzt« Stellen sind des höchsten Eindrucks sicher. Man hat in der deutschen Kritik, in der Goldschmidts Erzählungen die wohlwollendst« Ausnahme sanden, vielfach den jüdischen gerade die Palme gereicht. Man ist sogar soweft gegangen, in einem Ton« der Begeistcrung von ihnen zu reden, daß der unsterbliche Erzählermund des jüdischen Lebens, unser unvergleichlicher Leopold Kompert, daneben gar sehr in den Hintergrund ttetcn mußte. Es ist deutsche Art, das Fremd« zu überschätzen auf Kosten des werthvolleren Eigenen. Bon solcher Ueberschätzung rühren auch die gewöhnlichen Urtheile über Goldschmidt's jüdische Erzählungen her. In ihnm liegt Kraft und beschick, sie verdienen alles Lob, aber neben Kompett sie zu stellen, ist der Ehre, die man ihnen mit Recht anthun kann, mehr als genug. In Kompert ist Adel, Reinheit, edle Gediegenheit, er hat nicht dir äußeren Züge des jüdischen LebenS abgeguckt, sondern sie geschaut mit dichterischem Geiste, als Aus- Prägungen, als Blüthen gleichsam» in denen das wahre jüdisch« Leben zu Tage Kitt. Darum ist er unnachahmbar, denn die Dichtung ist ein« Gnade, und wer sie nicht hat, dem kann durch Muster nicht geholfen werden. Darum sind sein« Nachahmer häufig dem Fluche der Lächerlichkeit nicht entgangen, weil sie seine Affen statt seine Jünger wurden und an Aeußerluhkeiten sich ergötzten, wo der Meister am alten ewigen Kern der Innerlichkeit schafft«. Der Mann soll in den ftemden Literaturen noch erstehen, der mit Leopold Kompert um die Palme zu ringen wagen dürfte. M. Goldschmidt hat von seinem Talente als Mischer Erzähle! sehr achtungswerthe Proben abgegeben, es geschieht ihm kein Dienst damit, wenn man sein Verdienst verkleinert, indem man durch Ueberkeibung es verzerrt. I)—d K—nn. עבודה שבלב• Der Gottesdienst des Herzens. Israelitisches Gebetbuch sür die öffentliche und Privalandacht. 1. u. 2. Band. Nürnberg, Verlag der Aorn'schen Buchhandlung. 1874. Das Gebet als Ausdruck der inner« Gesinnung setzt eine lieberemstiinmung der Gedanken mü um Worten des>«lbe» voraus. In alter Zeit, und »och bei den Juden der Gegenwart, in Polen, Asien und Afrika, minder bei den jetzigen Orthodoxen Deutschlands, war und ist dies thatsächlich der Fall. Opfer, Messias. Wirderhecstelluttg Zions als Mittelpunkt des jüdischen Staates in Palästina, leiblich« Auferstehung u. s. w warm wirklich innig geglaubte Dogmm. dcrm Realisirung man inbrünstig von Gott unter Thränm ersieht«. Die Theologen der älter» Schule, die ihre talmudischm Kmntniffe auf den Jeschiboth erworben, als z. B. in Preßburg und Nikolsburg, wiflm das sehr wohl. חבל על דאבדין!• — Heure ist es anders. Die Einheit im Judenthume ist dahin, jeder Jude hat sein« eigmm Religionsansichten, seinen eigmm Schulchan-Aruch. Dies« Zersplitterung in Israel allmälich schwinden zu machen und eine mögliche Einheit in den Gemeinden anzubahnm — soll die Ausgabe der vielen, verschiedenen Gebetbücher sein, die von den Rabbinern der Gemeinden sür ihre Angehörigen abgesaht werdm. Allerdings eine recht bunte Auswahl! Von diesem nun einmal gegebenm Standpunkte aus, den wir hier nicht kritisirm wollen, haben wir das vorliegende Gebetbuch zu beurtheilm. Dasselbe hat mit Bezug auf die Dissermzm in dm religiösen Richtungm eine mehr allgemeiner« Faffung mit Berücksichtigung der historischen Mommtc. Die persönlich« Rückkehr Israels nach Palästina läßt der Vers, bei Sei», hebt aber dafür die Wiedererhebung Zions mit vieler Wärme hervor. Im Ganzen umfaßt das Buch alle Gebete des öffmtlichen Gottesdienstes im Jahre, sowie der Privatandacht im Hause. Die Uebersetzung des Hebräischen ist meist wortgetreu. Band l. S. 13. findet man eine geschickt« Darstellung der Jdeeir über Opfer und Gebete. Besonders sprach mich S. 21 an, ein Resumö des Ganzm niit der Angabe des Hervorganges des Gebetes aus dem Opferdimste Im Schema-Gebete möchte ich אחך durch das einfache ״der Eine!", nicht durch das unverständliche ״einzig" *׳) Die die ״Jsr. Wochenschrift" Jhrg. 1872 im ״Feuilleton" Ar. 22—29 brachte. (Red.)

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