Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 3 (1874)
- Issue
- Nr. 6. (1874)
- Date
- 1874-01-01
- Page
- Seite 22 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 89% known words query
- IRI
…/5367336-5990814-5990925--0345-5367436- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
22 ihnen erniedrigende Bedingungen, insbesondere das Tragen von Abzeichen, aufzuerlegen; doch als er ihnen auch manche Vergünstigung zugestandeu Hatte, zogen sie ohne Aufenthalt wieder in ihre früheren Wohnstätten. Aber nicht lange sollte es ihnen gewährt sein, der u»gestörten Hube zu geniesten; kaum hatten sie noch Zeit gehabt, sich von den überslaudenen Drangsalen zu erholen, als einem verheerenden Stnrme gleich neues Unglück ihr Dasein gänzlich zu zerstören drohte. So wie im Jahre 1251, zur Zeit als Ludwig IX. im Morgenlandc in Gefahr schwebte und die als Regen-- tin zurückgebliebene Bianca einen Kreuzzug anordnele, sich das Volk iu zügellosen Sckaaren zusanuneurottete 1111b von schwärmerischen Führern anfgestachelt, gegen die destehende Ordnung anzustürmen begann, ebenso hatte auch der Aufruf Philipps V. (1320) zu einem neuen Kreuzzuge nach denl Morgenlande eine ähnliche Wirkung. In unzeheurer Anzahl sammelte sich das niedrige Landvolk in den »ördlichen Bezirken Frankreichs und begann unter dem Nanien Pastoumiux oder Pastoreis (2ר1עי -Hirten) in feierlicher Prozession das Land zu durchziehen, überall Unterstützung und zahlreichen Anhang findend. Dadurch zuversichtlich gemacht, begingen die Pastorelli bald Gewaltthätigkeiten an einzelnen Orten, und als diese ungestraft blieben, zogen sie noch weiter gegen Süden und begannen hier vorzugsiveise gegen die Juden zu wüthen. In der Gegend von Toulouse und Carcassone überfielen sie die Juden, beraubten sie und vergalten jeden Widerstand mit dem Tode; Niemand nahm der Verfolgten sich an, ja selbst der Befehl des Scneschals von Carcassone, die Iuden zu beschützen, blieb unbeachtet, weil man aus Hast gegen sie als die Mörder des Heilands sich ihres Schicksales freute. Erst als die Pastorelli sich auch an den Christen und namenllich an Kirchen vergingen, ward ihnen ernstlicher Widerstand geboten, und der Seneschal von Carcassone konnte sie mit bewaffneter Macht zerstreuen Im folgenden Jahre (Tamus 1321) häufte sich neues Gewölk am Himmel der französischen Juden, als wegen der Brunnenvergiflung von Seiten der Aussätzigen zu Guienne der Verdacht auf sie gelenkt ward, in Folge dessen sie beschuldigt wurden, die Aussätzigcir zu dieser Handlung vcranlaßt und ihnen Vorschub geleistet zu haben. Auf die Anssage eines Einzelnen wurden die Juden in verschiedenen Städten den härtesten Qualen prcirgegeben, und wie der Chronist berichtet, gegen 15000 dem Flammentode überliefert. Dasselbe Jahr bedrohte auch die Juden Rom's mit nicht geringer Gefahr'), als Papst Johann XXH. auf die drängendcn Vorstellungen und Beschuldigungen von Seite seiner Schwester Sangisa, die ivie, Samuel Usquc angiebt, in ihrem Judenhasse dem Erbfeinde Hanian nicht nachstand, sämmtliche Juden seiner Herrschaft aus Rom verwies. Doch waren diese insofern in günstigern Umständen, als sie durch eine Gesandtschaft an den Papst nach Avignon und eine in Begleitung reicher Geschenke an den König Robert von Neapel '), dessen Einfluß beim Papste ne kannten, die Gefahr glücklich abwendeten Am 21. Sivan dieses Jahres ward ein öfientlicher Fasttag abgehalten, und in den Gotteshäusern wurden die üblichen Bustgebcie gesprochen'), um für den glücklichen Erfolg der Sendung den Segen des Himmels herabzuflchen. Mit PosaunenschaU wurden die Boten abgeschickt, und Alles genau nach den Anordnungen der Mischna ausgeführt, damit ihr schmieriger Weg des göttlichen Schutzes sich erfreuen. Es gelang den Gesandten, die Vermittelung des Königs Roden auszuwirken, der sich beim Papste für ihre Rettung ver- ') SohewH Jclmila 14. und Emtk ha-Buclui cd. Wien 1853. o. 62. ’) Von zwei Gesandtschaften berichtet 8,-1,. J., ,vahrend Gräy nur eme erwälint. *) Hieraus folgert Luzzatto ganz richtig in einer Note (Einek ha- Bacha das.), daß der Fasttag nur ein autzcrordcntticher war, und eaunat abgchaiten wurde, da sonst in de» Machsorim besondere Gebete erwähnt worden waren, während nur die Erinnerung an jenen Fasttag ats historisches Factum angeführt wird. wendete, so daß dieser sich bereit erklärte, seinen Pefetzl zurückznziehen, wenn seine Hchwester ihn des gegebeyeuVer- Sprechens entbinde. Mit zwänzigtausend Ducatea, die Sangisa erhielt, ivurde ihre EinivWiguiig zum Widerruse erlangt und sic sogar d.ghin gebracht, selbst beim Papste -vütspxache für die Judezz'einzulegen. Solch schwere Ereigniffe, Vstnoch heule, nach süuühalb Jahrhunderten unser innigstes Mitgefühl erregen, konnten nicht vcrs.hlen, die damaligen Juden mit liesster Belrübniß zil erfüllen, und so hören wir denn den hoffnungsvollen Jüjjgling Estori Parchi (Veisafler des כפתר ופרח) in den rührendsten Klagen sich ergehen, während der begabte Dichter Jedaja Bedaresi in seinen ״Prüfungen der Welt"(ll^w בחינות) die Hilflosigkeit das Menschen und das Vergebliche seines Mühens gegenüber dem göttlichen Rathschluffe in düstern Worten zu Anschauung bringt. In ähnlicher Weise, nur sich tiefer in Nachdenken über die wichtigsten Fragen der Moral und der göttlichen Weltleitnng verscnkend, schildert diese Vorgänge Kaloymos in seinem Werke ״Prüfstein" (אבן בוחן), welches näher zu untersuchen, den Zweck dieser Abhandlung bildet. (Fortsetzung folgt.) Lileraturbericht. Äncherschau (Fortsetzung.) 8) I>orn;weig, Aron, נבל וכנור (Harfe und Leier, hebr. Gedichte) Hermanstadt 1873 Der Vers, gibt seinen Dichtungen Vas Motto aus Mirza Schassy's Lieder»: O, diese Blumen, dieser Sang Sind nicht in teere», Müßiggang Gesucht und mir zu Theit geworden — Doch unter Ungemach und Noth, W nn schlinime Stürme mich bedroht. Sind sie mir stets zum .-seit geworden! Er hat also, wie jeder echte, besonders lyrische, Dichter, zunächst für sich selbst, um sich zu befreien und seine Stimmungen zu klären, seinen Gefühlen poetischen Ausdruck verleihen wollen. Fndem er dann diese Gedichte v.-röjjcntlicht, thut er nur, was Tausende vor ihm gethan haben, unterwirft aber damit zugleich seine Poesien der Kritik Diese müßte wohl zunächst nach dem Werthc neuer hebräischer Poesien überhaupt fragen; wir lassen jedoch diese Erörterung aus sich beruhen und wollen M,r bemerken, daß wir zwischen der literarischen Bedeutung neuhebräischer Prosa, Bücher, Abhandlungen, Zeitungen u. s. w. — und neuer hebräischer ,-!»-dichte einen Unterschied machen. Wir gestehen der ncuhcbräischen Prosa einen hohen Werth zu, sie bildet die Sprache fortwährend weiter und wahrt ihr den Charakter einer lebenden. Das hat an ihrem Theile nicht auch die »cuhebrüische Poesie gethan, die Piutdichter, Kallir mit seinen Vorgängern und Aachsolgern, haben die hebr. Sprache umgeformt und fo'rtgebildct; (ob die Uin- und Acubildung eine glückliche gewesen sei, kommt hier nicht i» Betracht,) seit der Wiedergeburt der neubebräische» Literatur in der Mrndelssohn'schen Epoche hat inan jedoch möglichst rcinbiblische Sprache sür die PoFie als Kegel hingestellt, bamit ist Neu- und Fortbildung aus- oder in engste Grenzen eingcschlossen. Neue hebr. Poesien miiii'cii, nach unsrer Meinung, durchaus vollendet, geistreich, fesselnd sein. ... Wir haben also das vorliegende Büchlein nur auf seinen poetischen Werth a» sich und aus den sprachlichen Ausdruck »u prüfen. Es gehen ihn, zwei Lobgedichtc aus den Verfasser und scm Werk voraus, das eine ist von Selig Lauterbach, das andere von A. B. Gotr-!ober. Aus crsterem ersehen wir, daß Hr. Tornzwcig schon für elf hebr. Zeitschriften poetische Beiträge geliefert hat, und daß er ״Kaufmann und Dichter" ist. Das zweite enthält eine geharnischte Abwehr gegen Tadler , und alberne oder böswillige Kritiker des Buches. Wir müssen also sehr | auf unsrer Hut sein. Au», es fehlt den Dornzweig'schen Dichtungen j nicht Gemülhstiesc und Wärme, aber neue Gedanke», Empfindungen,! Wendungen haben ivir in ihnen nicht gefunden. Und doch müssen wir Derartiges verlangen, wen» wir in hebr. Gedichten »»ehr als eine — immerhin gelungene — private Ltilübung sehen sollen. Die am Ende gegebenen Uebersetzungcn deutscher Dichtungen (von L. A. Frankel, Löwenstein ». AA.) gefallen uns besser als der ,größere Thcil der Original- '-!»-dichte. Von diesen möchten wir dem,;:תשועת עולמי «bcxfcOrie(,e־ nen Lobgesang»- über das Emanzipntionsgesrtz vom 21. Tee. 1867 die Krone ,״erkennen; dieses war schon in dem kleinen Heftchen Lchire tehillah adgcdruckt. Da» Gedicht ״die Eisenbahn" ist sehr schön; ebenso das ,,היונה ", aber der in der Schlußstrophe enthaltene Gedanke, den der Midrasch in der geeigneten epigrammatischen Kürze in vier Worten aus-