Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 3 (1874)
- Issue
- Nr. 3. (1874)
- Date
- 1874-01-01
- Page
- Seite 11 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/5367336-5990814-5990921--0331-5367425- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Grundsätze üb« di« Glückseligkeit de« künftigen Leben« nicht in diesem Leben bürgerliche Vorzüge und Lasten zur Folge haben müssen." Man fragt sich beim Lesen dies« Sätze, ob die Toleranz bei den katholischen Kirchen-Fürsten seit hundert Jahre« wohl große Fortschritt« gemacht hat. — In dem Drama fehlt ab« auch die komische Perlon nicht, sie ist durch den ״Pfleger" und Zollpächter Franz von Agliarckis vertreten. D« Mann berichtet und querulirt darüber, daß der Jude uiiht mehr vom Wagen steigen und seine stinkende Person mit 30 Ir. admauthen und noch dazu mit 3 Würfeln ablosen solle. Der ״Erzfeind Baiern" w«de darüber frohlocken. Ja der Pfleger schreibt: ״doch kann ich nicht b«gen, daß ich eher den sehnlichst wünschenden . . . gewiß nicht lange niehr entfernten Tod erwartet Härte, als einen solchen Besehlsinhall" — kraft dessen er nämlich 8 fl. eingezogcne Zollpächte bezahlen soll«. Er tröstet sich schließlich nochmals mrt der Hoffnung, daß er nicht lange mehr zu leben habe. Di« Schrift Nr. 7 enthält eine wörtlich aus den Akten abgedruckte Relation über den Prozeß, weicher im Jahre 1772 zu Stargarv gegen «ine aus 10—12 Juden bestehende Räuberbande geführt wurde und damit enoele, Laß ü aufgehängt. 2 zu lebenslänglicher, einer zu kürzerer Aarrcustrafe verurtheilt wurden, ein« ivar aus der Haft entflohen und wurde im Bilde gehängt. Je seltener derartige Beispiele sittlicher Perwilderi.ng unter Juden sind, desto interessant« erscheint dies« Bericht, d« dar Bild der Zustände alter Zeit ergänzt, allerdings i» höchst un« erfreulicher Weise, aber der geschichtlichen Wahrheit gemäß. Denn von Ungerechtigkeit, Gewalt, erzwungenen Geständnisien, falschen Anklagen kann bei dlesem Prozesse kein« Rede sein, selbst die Fassung der Akten »errälh keine Gehässigkeit, die Justiz erscheint als ganz tlnparlcosch gehandelt. Die Bande har eine lange Reihe von gewaltsamen Einbrüchen und ähnlichen Räud«eicn verübt, Blut ist dabei nie vergossen worden, ab« mehrere Personen, welche man im Schlafe überfallen und mit Betten zugebeckt hatte, sind unter diesen erstickt, auch sonst ist manche Grausamkeit begangen worden, um Geld zu erpressen. Der Schauplatz der Verbrechen ist Ponnneln, Mecklenburg und die angrenzenden Theile der Mark; dl« Prakuk bei denselben ist fast immer dieselbe, verräth sozusagen eine Schule des Diebstahls mir Einbruch. Wie ist nun daS Entstehen und Au! treten einer solchen Perbrecherband« zu erklären? Darüber geben die Akren natürlich keinen Ausschluß; cs läß! sich aber erratheu. Die betrejsenven Personen sind gebürtig aus Polen und Ungarn, cinzelne aus Offenbach, Hamburg. Es sind ohne Zweifel Abkömmlinge heimathloser jüdischer Familie», ivelch« wandern» und umherirrend mitunter auch aus di« Bahn des Verbrechens gedrängt wurden. Lo trieben sie ihr Wesen an der Grenze des daaialigen Polen, also der heutigen Pro- »inzen Posen und Westpreußcn, und scheinen dort ihre Zufluchtsstätten, ihre giuwi-Heimath gehabt zu haben. Bon einheimischen Juden m Preußen wird nur einer als Mitschuldiger verdächtig, jedoch nicht überführt. Auch in Westdeutschland haben vorbem heimathlose Bettlet samilim oder solche, die bei diesem uno jenem klemeli Grundherrn einen Wohnsitz eilangt hatten, ihr Eonungenl zu dein Diebs- und Raubgesindel zu den Bansen des ״Schinoerhannes", des ״schwarzen Peter" und ״Mosche Nudel" gestellt. Mitunter trieben sie thr Gewerbe gar nicht ohne Mitwissenschast der yeiinalhltchen niebercn Gewalthaber, sie mußten nur ״das Nell rein halten," uno selbstverständlich den ״Schutz" theuer bezahlen So werden es auch die polni>chen Grunvherren geiuacht haben. T. (Forts, folgt.) Roch einmal ״Au Chanuka." Vorbemerkung der Redaction. Die nachfolgende Replik ,andte der Herausgeber des Buches ״zu Chanuka", Herr Adv. Emil Lehmann in Dresden, uns vor etwa 14 Tagen mit einem Appel an unser ״Gerechtigkeitsgefühl" zuin Abdruck im ״Litera urblatt" ein. Obwohl dieselbe weil über die Grenzen einer fachlichen Entgegnung hinausgeht, viele die Rezension feines Ruches gar nichi berührenden Momente einstich., und hier und da einen Ton anschlägi, den wir von un,nein sach1vl,senscha>tlichcn Organ fern zu halten bestrebt sind, den Lo» der Par.cilcidenschast, so haben wir doch in den unverkürz.en Abdruck geiviltigt, weil es uns um die Sache, uul das alljährliche Zuftaildetommen eines Buches ״zu Ehanuka" zu tl.un i,l m>d eine Klärung der Ansichten sowohl über den Zweck wie über die geeignetste Ausführung sicherlich nolhlhul, wenn das < uch eine hcilfame Wirkung aus Herz und Sii.n uiiferer!Jugend üben ,oll. Die auch im weiteren Ber-׳ lau, der Reptil elivühn e Ansicht, daß die Auvivnhl der poetifchen und pro.ai.chen Beiträge einem Redactionscomite anheim.alle, war von vornherein die unsrige. Wir haben es übrigens für Redacleurspflicht gehalten, die Replik vor Abdruck unserem wackeren Hrn. Recensenten 11. h. zuzufeildeii, um demfctbe» Gelegenheit zu geben, die ihn betreffenden Angriffspunkte auf Schritt und Tritt in begleitenden Roten zu widerlegen. Allgrnleinere Angriffe und Vorwürfe werden wir selbst in Anmerkungen zurückweisen. In Nr. 1 des diesjährigen jüdischen Literaturblattes findet das von mir herausgegtbene jüdische Haus- und Volksbuch ״Zu Chanuka" eine so absästige Beurtheilung, daß ich mich v«anlaßt seh«, ein Wort zur Enteignung zu sagen. Zweierlei vermißt d« R«ensent an dem Buch«. Es soll für di« Jugend bestimmt sein, ab« ״wo bleiben die Kind«?" Und dann fehl« eine größere poetische Erzählung. Der Vcrurtheüer geht mit dem Borurtheil an das Buch heran, daß es für Kinder bestimmt sein solle.') Wo aber ist das gesagt?') DaS Buch soll — und ich habe dies auch ausdrücklich in einem an di« dekanntcsten jüdischen Schriftsteller iin Sommer vorigen Jahres versandten Circulare erklärt — für einen Leserkreis vom dreizehnten Lebensjahre an auswärts bestimmt sein. Für Kinder beabnchtige ich nicht» zu schreid.n, nichts herauszugeben. Jugendschriftsteller, Lehr«, Erzieher bin ich nicht. Denen in's Handwerk zu pfuschen, bin ich nicht gemeint. Mit keinem Worte habe ich gesagt, daß mein Unternehmen für Kinder destimmt sei. Hiermit werden fast alle Einwendungen des Recensenten hinfällig. Wenn ich auf die Rothwendi Feit hinwies, unseren Kindern auch l'.clstigcs zu Chanuka zu befcheeren, so habe ich damit doch nicht mich verpflichtet, ein jüdischer Kinderschriftsteller zu sein. Und ich mein«, außer den Kindern, an die der Rccensent ausschließlich denkt, giedt es noch eine Heranwachsende Jugenv, die vom dreizehnten') Jahre an, der eine eindringliche Ermahnung und Belehrung vom jüdischen Standpunkt aus um jo nöthiger ist, je mehr sie sich durch ihren Bildungsgang d« Religionsschule entfremdet. An diese der letzteren entwachsenden und «ntwachsen.» Gymnasiasten, Realschüler, Handelsschul«, Lehrlinge, an da» heranreifendc weibl che Geschlecht u. s. w. dacht« ich zunächst, an das jüdtsche Publikum insgemein sodann, als ich an die Herausgabe ging. Und ich ineine, ich habe diesen meinen Stand- und Ausgangspunkt in den beiden, voui Herrn Recensenten mit dem kritischen Besen als ״Austläricht" dcseitigten') Aulsätzen: ״An meinen Sohn, zur Barmitzwah" und ״Reichthum in Israel" scharf genug gekennzeichnet. Habe ich dorm das Unrechte getroffen, meint der He« Rccensent, nur sür die Kind« von zehn Jahren uno darunter sei ein Chanuka-Buch nöthig und wüvschenSwerth — nun so ivill ich nicht streiten. Ich mcinerseits ruf« mit Moses: wollte Gott, alles Golk wäre prophetisch, wollte Gatt, die Chanukaiiteratur flösse reichlich, und es!. ürde jeder Altersklasse, also auch den Klnber» eine Literaturspendc geboten. In diesem Sinne habe ich einem würdigen Gelehrte», der mir als Beitrag für das Kindcsalt« bestimmte Midraschim anbot, geantwortet uno ihm anempsohlen, diese selbstständig herauszugebcn. Mein Buch und dessen Fortsetzungen, wenn mir «in Einfluß auf dieselben vergönnt blelbt, sollen sür das Heranwachsende Geschlecht bestlmutt bleiben, sollen ihnen das emhauchen, was ich gerade in diesem ') Daß ein Buch ״zu Chanaka" für Kinder bestimmt sein solle, tritt in meiner Besprechung nicht als ״Borurtheil", sondern als bewiesene Behauptung aus. Rur sür die jüdischen Kinder ist ein solches Buch Bedürsniß, das lehrt ein einfacher Blick in die Berhültniffe. Nicht als ob cs nicht eine Literatur sür die jüdische Jug.ni, und Familie geben sollte, aber diese ist nicht an einen bestimmten Zeitpunkt gebunden. Doch könnte ja Lehutann von einer anderen Ansicht auSgegangen sein und uns.re Vorwürfe wären dadurch entkräftet. Wir wollen sehen! v. K. ') Aus Seite 9 von Emil Lchmaun's ״Zu Chanula": ״Ihr beschecrt den Kindern unter dem Lichterglan; des Wcihesistes, nicht d« Weihnachten. Aber bcscheert Ihr ihnen denn auch Geistiges? Denkt Ihr daran, ihnen ein Buch in die Hand zu geben, das in Inhalt und Ausstattung, in künstlerischer Form und würdiger Hailung an die Seite zu stell.» wäre den GeisteSdtülhen, weiche das Weihnachtsfcst in reicher Fülle allzährlich ausstreut!" Zu Weihnachten erscheinen sehr viele Bücher, allerdings. Sie haben aber meist, n; Nichts uut dein christlichen Feste zu lhun, Ostern und W.ihnachicn si»o ji b kannttich die beiden Fluthzeiten des Büchermarktes. Uns geh n ln. t nur die Bücher an, die mit dem christlichen Feste in Beziehung fl.h » lind die unseren Kindern darum nicht in die Hand gegeben werden lönuen, weil, wie Lehmann richtig bemerkt ״der Wcihnachtsbaum uns der he lige Ehrist daS A und O" bilden in ״den Hundert.» von Kino»rschrfft>n und Aibmns, die allzährlich den W.ihnachtsmarlt aussuchen." r> urhaupt ist aus dem ganz.» warm und klar geschriebenen ״Aufsätze L.h.uunn'S ״Chanuka und Weihnachten" zu cntnehmen, daß er von Ansan, ..» nur an die Kinder gedacht hat. 0. K. נ) Das dreizehnte Jahr k un nicht enS Scheidegrenze zwischen Kindheit und reiferem Atter aufg,>t.lu werden. Es giebt bekanntlich viele, die mit dem dreizehnte» Jahre nicht aufgebört haben, Kinder zu sein, wie umgekehrt viele schon vor diesem Aller eine gewisse Reise des Berslanses erlangen. Wenn ein Buch sür ״unsere Kinder" geschrieben sein iv.U, so muß cs sür ihre» Gesichtskreis berechnet sein. Die ״der Reiigionsjchule Entwachsenen" bedürfen übrigens nahrhafterer Kost als Gedichte und erhalten gewöhnlich nicht mehr ״Kinderschristcn und Albums" zu Weihnachten. >n den״ ,. ׳on diesem Feste u. s. n. die Rede wäre, sie brauchen also nicht gerade ein Buch zu Chanula. I). fl. ') ״Lehmann allein hat auch tu ferner Prosa einen warmen, zum Herzen sprechenden Ton getroffen, um so unliebsamer stört dah« gerade in seinen Aufsätzen die Auskiärcrei," heißt es in meiner Anzeige. D« ״Besen") den mir Herr Lehmann in die Hand giebt, hätte an seinen vorstehenden Bemerkungen reiche Beschäftigung. D. K.