Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 2 (1873)
- Issue
- 11.12. (1873)
- Date
- 1873-01-01
- Page
- Seite 44 (sequence 4)
- Language
- German
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— 44 — gehenden Verses angekündigten GotteStag geschildert, geht er sofort ohne jeden Uebergang ans die gegenwärtige Plage über, was nur eben dadurch zu erklären ist, daß diese Plage als wesentlicher Destandtheil jenes Gottesgerichtes betrachtet wird. (Fortsetzung folgt.) Zur biblifch-talmudifchen Kosmogonie. Bon Michael Levy in Jnowraclaiv. Die ersten Verse der Genesis sind nach der Auffassung dcS Talmud wie folgt zu übersetzen: I) Im Anfänge (vor einer unbegrenzten Zahl von Jahren כראשית מאמר י־0ני 9צמי) schuf der Allmächtige das Weltall (Himmel und Erde). 2) Und diese Erde (auf welcher wir unS befinden) ist tobu wabohu — geworden! Durch diese ganz corrccte Wiedergabe des Wortes ,׳היתד (vergl. Klage!. 1,1.; JesajaS 1, 21.; Ezechiel 36,35) sind die Einwürfe der Geologie beseitigt. Berechtigt zu dieser, den neuesten wissenschaftlichen Auffassungen gemäßen Uebersetzung wird man durch die Bibel selbst, welche das: ״Es werde Licht — und daS Licht ward!, mit unbegreiflicher und überwältigender Einsicht zu Beginn der Organisation der Schöpfung setzt; die Bildung von Sonne, Mond und Planeten aber erst am vierten Tage vor sich gehen läßt; denn man weiß nun, daß daS Licht, daS Belebende, die Sonne erst zur Folge habe.*) Für תהו ובהו hat man bis jetzt, wie es scheint, keine klar-faßlich durchgreifende Erklärung. Ich habe mich darum viel gemüht und war endlich zu einem, wie mir scheint, ganz befriedigendem Ergebniffe gelangt; aber da fand ich, daß unsre Weisen dasilbst schon vor vielleicht mehreren tausend Jahren ausesprochen und niedergeschrieben haben, nur leider! ei unsrer seitherigen geringen Sprach׳ u Naturkenntniß, von unS nicht begriffen worden ist. Es heißt nämlich (Chagiga 12a): תהו זהו קו ירוק שמקיף את כל העולם כולו שממנו יצא חשך שנאמר ישת חשך סתרו סביבותיו׳ בהו׳ אלו אכניס המם,'למות המשוקעות כתהום׳ שמהן יוצא ין מים׳ שנאמר ונטה עליה קו תהו ואבני כהו: »Tohu, das ist der Zug des Vergänglichen (Verwelken-), welcher daS Weltall umspannt, denn so heißt es (Psalm 18): ״Er schaffet die Finsterniß seines Zertrümmernringsumher;" bobu das ist daS Eisgestein**) im Abgrunde, aus welchem die Gewäffer erfloffen, denn es heißt JesaiaS 37 : ״Er ziehet darüber daS Maaß deS VerwüstenS und deS Eisgesteins Erstarrung" (vergl. auch Hiob 26,7: ״Er neiget den Norden hin zur Verwüstung;" wo צפון für בהן gebraucht wird Nord —Kälte—Eis). Man rechnet aber auch Wasser jetzt zu den Mineralien; denn wie alles Feste durch Feuer und verschiedene entsprechende Wärmegrade flüssig wird, so ist auch Eis ein Gestein, und wir nennen seinen flüssigen Zustand: Waffer, während daS EiS in den hohen Breitengraden den Grundstock der Erde bildet, wie jedes andere FelSgestei»; und ganz dasselbe spricht der Talmud Chagiga a. a. O. auS. Dem entsprechend würde die Uebersetzung von Genesis 1, 2 lauten: ״Und diese Erde (auf welcher wir uns befinden) wurde wüste und erstarrte in Eis." Der Text tobu wabohu wird somit klarfaßlich, und spricht daS aus, was die erst in neuester Zeit wiedergewonnene Erkeuntniß unS von der Schöpfung lehrt. — Auch der Schöpsunzsbericht ד «gl. Midr. *abba;m Genes. 3. מהיכן אור יוצא* מלמד שהתעטף הקב״ה אור כשלמה וממנו הבהיק את כל העולם כולו! שנאמר: עוטה אור כשלמה׳ **) Zur BrkrSftigung b«r Deutung der Worte אבנים המטולמות ״SiS-Mafsen" verweis« ich auf de« Artikel סלם i" Aruch, ferner auf Midrasch rab. zum Hohenlied« (Ende Kap. 1- und di« Parallelste!« Midr. rabba zu Genefit 68. Auch im Spanischen bezeichnet dat Wort paranao» ״schneebedeckte Eitgipfel." Hr. Prof. Diez in Bonn (für dir Etymologie der romanischen Sprachen eine der größten Autoritäten) hatte dir Freundlichkeit, mir mitzutheilen, daß diese- Wort auch im Portugiesischen datselb« bedeute, die Abstammung sei ihm unerfindlich, meine vermuthung einer semitischen Herkunft wahrscheinlich. (Stach Levp, Shald. Wörterb. ». r. םלב kommt bol Wort aut dem Griechischen- Red.) vom vierten Tage ist von vielen Commentatoren mißperstanden worden. Noch Philippson in seinem Kommentar zur Stelle bemerkt hierzu: ״In der Angabe der Bestimmung dieser (?) Gestirne ist das heilige Wort etwas weitschweifig (?) und wiederholend." Es ist jedoch bisher übersehen worden, daß es sich um verschiedene Lichtkörper handelt, und daß V. 14 die charakteristischen Worte להאיר על הארץ nicht enthält. Hieraus geht offenbar hervor, daß in diesem Vers« nur diejenigen leuchtenden Gestirne angedeutet sind, welche im großen Welträume vorhanden, deren Licht aber unsrer Erde nicht leuchtet! In Vers 15 ist jener allgemeine Bezug verlaffen und unser Sonnensystem besprochen, w.lcheS ״unsrer Erde leuchtet." Die Verse 14. 15. 16. 17. sind daher also wiederzugeben: 14) Gott sprach: es werden Lichter in der Ausdehnung der Himmel (des Weltalls), zu unterscheiden zwischen Tag und Nacht; sie seien zu Markzeichen, Tagen, Jahren: 15) Es seien*) (auch) Lichter im Raume deS Himmels zu leuchten auf der Erde, und eS ward so. 16) Also machte Got: (auch) die zwei großen Lichter, das große Licht zum Herrschen des Tags, daS kleine Licht zum Herrschen in der Nacht und die Sterne: 17) Gott setzte sie in den Himmelsraum, der Erde zu leuchten rc. rc. Der Bibel ist hlerniit unsre Erde keineswegeS der Mittelpunkt des Universums und wenn der Samaritaner in Vers 14 das להאיר על הארץ hinzufügt, so ist das offenbar interpolirt. Die Astronomie im Talmud. Vom Landrabbiner vr. I. Hamburger. (Mit unermüdlichem und nicht genug anzuerkennendem Fleiße setzt der Herr Verfaffer sein großes und bedeutendes Werk: ״Die Real-Eucyclopädie für Bibel und Talmud" fort. Von der zweiten Abtheilung, die sämmtlichc talmudische Materien — geographische, geschichtliche, archäologische, juridische, ethische, dogmatische u. s. w. — alphabetarisch geordnet, mit großer Gründlichkeit und staunenswerther Beherrschung des immensen Stoffes behandelt, ist das erste Heft, bis ״Effäer" reichend, bereits erschienen. Das Werk wird, wenn erst vollendet, sicherlich von großem Nutzen sein, es verdient die weiteste Verbreitung. Wir geben aus dem erschienenen ersten >Kefte den Artikel über talmudische ״Astronomie" als Probe der wiffenschastlichen Methode, der Darstellungsweise und Belesenheit des gesch. Herrn Verfaffers. Red.) . Die Stern- und Himmelskunde oder die Lehre von den Weltkörpern und ihrer Bewegung findet sich in dem talmudischen Schriftthum nicht in einem fertigen, abgerundeten Systeme; sie besteht aus einer Menge zerstreuter Notizen von Lehren und Beobachtungen, die wir zu sammeln und zu einem Ganzen zusammenzustellen versuchen, und daraus den Stand dieses Wiffenszweiges bei den Juden der nachbiblischen Zeit bis zum Schluß des Talntud (500 n.) kennen zu lernen. Die Anstellung astronomischer Beobachtungen war eine Lieblingsbeschäftigung der Gesetzeslehrer. ״Wer, lehren sie, die Sonne an ihrem Wendepunkt, den Mond in seiner Stärke, die Sterne in ihren Bahnen, die Sternbilder in ihrer Ordnung sieht, spreche: Gepriesen sei der, welcher die Schöpfung hervorgebracht." ') ״Wehe! mahnt R. Jose, ein Lehrer des 2. Jahrhunderts, die Menschen sehen und wiffen nicht, was sie sehen; stehen und wiffen nicht, woraus sie stehen; die Erde, worauf ruht sie?" ') ״Wer den Kreislauf des Mondes und anderer Planeten zu berechnen versteht und ihn nicht berechnet, von dem heißt es: ״Das Werk des Ewigen sehen sie nicht, die Thätigkeit seiner Hände schauen, sie nicht." ’) Es ist nicht unintereffant, den Bericht über den Fortschritt der Talmudlehre in der Astronomir bei Epiphanius, Bischof von Salamin, (267 n.) in seinem ersten Buche gegen die Häresien zu lesen, wo er ihre hebräischen Namen der Planeten denen der Griechen gegenüberstellt. *) *) Dann hätte aber stehen müssen ויהי מאורי statt והיו למאו׳! (Red.)