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Das jüdische Literaturblatt · 1873-01-01 · 11.12. (1873) · p. Seite 42

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Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
2 (1873)
Issue
11.12. (1873)
Date
1873-01-01
Page
Seite 42 (sequence 2)
Language
German
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— 42 — Darauf giebt die Bibel die einzig wahre Antwort: Sie war vorhanden, ausgesprochen, gelchrr, aber nicht befolgt, nicht eingeblutigen, nicht allgemein. Aber Lessing war ein Denker, und damals war n>an noch bescheiden, — Ist denn diese Gottcsidee so etwas Kleines und Handgreifliches, daß man es gar nickt glauben dürfte, wie man nur dieser Idee untreu werden könne? Die weisesten Griechen und die weisesten Römer, von dem indischen Nebel erst gar nicht zu reden, haben sich zu diesem Gedanken nicht erhoben und nicht eher erheben können, bis man das reine, weihe Licht in die Mischungsfarben zerlegte, ich wollte sagen, bis »!an die Einheit wieder in Stücke schlug ״Die alten Juden" sollen also allein so weise und erleuchtet sein, diesen unfaßbarsten aller Gedanken mit der Zähigkeit eines Denkers festzuhalten. Unv dann weigert man sich, sie ״das anserwählte Volk" zu ueiincu. — Taylor weist es in seinem neuesten Werke ״über die Anfänge der Cultur" unwiderleglich nach, daß die Menschbeit in die höheren Stufen ihrer Entwickelung Ueberreste alter Zustände, die er sehr glücklich ״Ueberlebsel" nennt, mit hinausnimmt, daß es ihr durchaus also nicht leicht wird, die Kinderschuhe abzulegen, Rückfälle in die alte, angestammte Art, Neubelcbung solcher bereits todtgeglaubter Ueberlebsel, gehören zu den gesetzmäßigen Erscheinungen der Geschichte, Nur di: Juden sollen also mit einem Ruck auf die Höhe l!!!:crcr Goitesanschauung erhoben worden sein und fortan aus derselben sich erhalten haben. Ich will ein Geheimniß verralhcn: vr. Henne ist Culturhistoriker, der muß es also wissen. Wenn ihm nun dieses oberste Gesetz entgangen ist, doch genug — Schlüsse sind gefährlich. Nicht obgleich, son der» gerade weil die Juden häufig von ihr abgefallen sind, ist die Gottesidee in Israel so alt, wie die Bibel sagt. Mit einem Male durchtränkt man kein Volk mit Metaphysik, das braucht Zeit, lange Zeit. Die Abfälle und Abtrünnigkeiten konnten nicht ansblciben, denn das Reingeistige erfaßt man schwer, der Götzendiener gewiß. Da aber nach dem Exil von grobem Götzendienst nichts zu hören ist, so muß der Gottesglaube, der reine, in Israel sehr alt sein, um an der Dauer des Exils, der kurzen Leidcnsschule, zu seiner völligen Ausdreitung im Volke genug zu haben. Wenn aber die Bibel lügt, daß die Juden keine» Gott gehabt haben tonnen, wie erkläreu sich all die Lügenberichte? Vor dem Exile gab es keine reine Goltesverehrung, aber mit Ungeschick wurde sie in die bis dahin verfaßten Nationalgeschichtcn eingeflochten; man vergab oder hielt es für unnörhig, die zahlreichen Zeugnisse vom früheren Götzendienste auszuiilgen, und so stehen dieselden immer noch verräiherisch da — freilich ohne die Blindgläubigen irre zu machen. Ich habe versucht, mir nach dieser Anweisung die Gestalt der Bibel vor ihrer Durchgötlerung vorzustcllen, ich habe dabei das Gefühl gehabt, das man am besten so erzeugen kann, wenn man sich vorzustellen versucht, wie die Well wohl ansgeschen haben möge, che die Welt noch geschaffen war Das muß kein übler Fälscher gewesen sein, der die großartige und in ihrem innersten Wesen nur aus dem Gottesgedanken zu erklärende Spannung zwischen König- und Priesterthum auf der einen und Prophetenthum auf der anderen Seite in die Nationalgeschichte hineingeschmuggelt hat. Vor solchen Vermuthnngcn verhüllt die Kritik ihr strenges Angesicht! Und die Gestalt Elia's, an der trotz all' des an ihr rankenden Wunderbaren kein Vernünfliger den cchtgeschichtlichcn Kern verkennen wird, sie ist wohl auch durch ״Vergessenheit" oder ״uunöthig" in die Geschichte hineingerathen? Auch Dozy hat die jehovistische Bearbeitung der Bibel behauptet, und er mußte cs, weil cS sonst gar zu wunderbar wäre, daß von dem Bock- und Steindienst der alten Hebräer, den Dozy entdeckt oder erfunden Hai, so wenige und nur durch spectralanalitische Kritik zu entdeckende Spuren übrig geblieben sind. Aber Dozy ist ein Mann von Geist und Kcnntniffen, selbst seine Jrrthümer sind belehrend, jedenfalls mit Witz und Scharfsinn vorgetragen. Wer aber in seinem bibelkritischen Rüstzeug nur Behelfe vorräthig hat, wie ״Vergeffenheit der Fälscher" oder gar ״Unnöthigkeit des Auffälligen," der erinnert nur allzu lrbhafl an die Geologie der Bauern, die das Vorkommen der Findlingsblöcke so erklärten, als hätte» die Teufel auf ihrer Flucht dieselben vergeffen oder liegen gelassen. Aber vr. Henne versteht auch in Wahrheit soviel von der Bibel, wie der Bauer von der Geologie, Es scheint ihm sehr darauf angekominen zu sein, dieses" zu beweisen, denn etwas Anderes kann ec mit seinen biblischen Beweisen kaum gewollt habe». ״Beweisen," — wofür? Dafür, (und jetzt verkünde ich seine Hauptbehauptung, die man nicht ohne Vorbereitung ertragen kann), daß die Inden Götzendiener gewesen seien wie die anderen Völker alle und ihr Jeh o v a bloßer Stamm — götze. Er beweist dies daher, daß Gideon, der Jehovadiencr und Richter, ein Götzenbild versertigt habe, wie Richter 8,27 nicht zu lesen ist. Für Herrn Henne ״beweist dies klar, daß auch der hebräische Stammgott Jehova in Form eines Bildes verehrt wurde, wie andere Stammgötter, von denen er sich nicht wesentlich unterschied," Und diese schwere Folgerung zieht dieser Forscher aus einem nichtoerstandcnen Worte. Gideon machte ein Esod. Was das ist, hätte Herr vr. Otto Henne am Rhyn aus Ex. 28 erfahren können und mögen, ehe er die ihn wenig ehrende Be- Häuptling wagte, es sei dies dis Götzenbild Jehovas. Dasselbe Wort, das er in der Geschichte Davids ״eine bedeutende Rolle" spielen läßt, verleitet ihn zu der sehr zuversichtlich ausgesprochenen Wahrnehmung, der König David habe ״den Stammgott Jehova unter bildlicher Form, also schnurstracks den angeblichen Geboten des Moses zuwider verehrt." Hätte unser Forscher auch nur die Luther'jche Uebersetzung genau eingesehen, er hätte gefunden, daß von dem Orakelkteide des Priesters Ebjathar die Rede sei, wo e r einen Götzen anbetet. ״Entscheidend" beweist er aber das Götzenthum Jehova's durch den Umstand, daß die ״Molochsdiener", die Phönizier, ihm einen Tempel zu bauen sich hergegeben haben. Entscheidender hätte kaum der Candidat Hieronymus Jobs etwas beweisen können. Dieser Beweis ist auch in der Thal ״entscheidend", nämlich dafür, daß solche Art von Wiffenschaft nicht mit dem Ernste des Werkeltaglebens, sondern mit dem spaßieligen Gemülh heiterer Zeiten zu genießen ist. Aber es ist Zeit, ernst zu werden! Es ist in neuerer Zeit Brauch, daß ״Gelehrte" nur das schreiben, was sie verantworten können und nur darüber reden, was sie verstehe». Nur über Juden und^Judeuthum herrscht in der Wiffenschaft noch die alte Freibeuterwirthschaft. Hier entblödet man sich nicht, Dinge zu wagen und zu leisten, die in allen übrigen Fächern und Gegenständen den Verlust der wiffenschaitlichen Ehre nach sich ziehen würden. Mögen doch die Herren schweigen, w» sie so gar nickt zu reden wiffen! Flachheit, Abgeschmacktheit und Unwissenheit berechtigen noch nicht, auch nur über Juden und Judenthum zu schreiben. Die Ehre des jüdischen Volkes wird durch solche marklose Angriffe nur erhöbt und blank gemacht, die deutsche Wiffenschaft, die man auch hierbei anzurufen nicht verabsäumt, verfällt dadurch dem grausen Fluche der — Löcher lichkeit. D—d K—nn. Ueber das Zeitalter der Propheten Joel, Amos, Obadja. Von vr. S. Kusnitzli. (Fortsetzung von Nr. g.) In VerS 11 ist deutlich die zweite Plage, daS Erdbeden, geschildert, und selbst Ewald giebt wenigstens zu, daß das Bild in V. 11 vom Erdbeben herzcnommcn ist, indem er sagt: ״Ja, der Untergang beider Reiche ist vor Galt gewiß, wie ein einziger Schlag oder Erdbeben von ihm wird sie beide erschüttern und zertrümmern." (Ew. Amos, VI., Anm.) Die Verse 12 u. 13 geben den Grund dieser Plagen an, indem sie die Verkehrtheiten des Volkes heftig tadeln, woran sich denn dir dritte Plage, die durch die Heuschrecken herbeigeführte HungerSnoth, anschließt. Diese Plage finde ich im letzten Verse des Capitel VI. angekündigt. Unter גוי ist hier

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