Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 2 (1873)
- Issue
- 11.12. (1873)
- Date
- 1873-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Wische MMmiltt Zu» Erleuchtung allrr Judentl>um u Juden betreffenden literarischen Erscheinungen «uf dem Gebiete derPhilisophie.Geschichte,Ethnographie,Sl>«11l»gie, Brientalia, Exegese, Homiletik, Liturgik, Pädagogik. Heransgegeben von Rabbiner Dr. M. Rahmer in Magdeburg. Bücher der einschlägigen Literatur, welche der Red de« ״Jüd. Kiteraturblatt" in Magdeburg soder der,Lrrael. ivochenlchr." tu Stettin) sugesandt werden, finden in diesem Platte eingehende Besprechung. 11.12. Erscheint schrift» g 1—2mal monatlich. Preis pro Jahrgang 1 Thlr. Für die Abonnenten der ״Israelitischen Wochenr a t i s- Zu beziehen durch alle Postanstalten u. Buchhandlungen; in Leipzig durch Robert Fries« 2. Jahrgang. Jehova und fein neuester Gegner. Eine unbequeme Thatsache das, dieser reine Gottesglaube Altisraels! Es hat sich immer in etwas ausgesondert von de» Ucbrigcn dieses Judenvolk! Während Egypten noch fröhlich dem Thierdienst huldigte, Griechenland, das unvergleichliche, kaum von den Spuren blutiger Menschenopfer frei war, den Liebeshänveln seiner Götter im Munde seiner Sänger lauschte und in Bewunderung der Form und andächtiger Nachahmung der Menschengestalt versunken war, Nom sich vorbereitete, der Lehrmeister der Welt zu werden in den Künsten des HerrschenS und der Eroberung, der asiatische Osten im wüsten Sinnentauntel um die Altäre seiner blutdürstigen Götzen tollte, entzückte sich Juda in hinimlischen Wonnen, freute sich des einzig Einen, seinem Dienste hingegeben, in einer an Bildung und allerlei Fertigkeit ihm zum Theile überlegenen Welt allein der Auffassung des Ungreifbaren, Uebersinnlichen, zugänzlich und geneigt. Dieser Thatsache verdanken wir es, I wcnn die neue Heilsversicherungsanstalt uns manchen Beweis rührender Zärtlichkeit zugedacht ׳hat, waren wir ihr doch das Gefäß, in das allein vor allen anderen der Geist der Wahrheit eiuzuziehcn geruhte, das darum allein schon nicht veruachlässigt werden dürste, wie unnützes Scherbenwer! und werthloses Töpsergeräth, vielmehr erfüllt werden muhte mit dem köstlichen Inhalt der neuen, der wahreren Wahrheit. Unbequem ist di« Thatsache jedenfalls, denn sie erregt Aufinerksamkeit, und die ist unter, allen Umständen ein gar gejährlich Ding. So ist ihr selbst die Beachtung der Kirchenfeinde nicht erspart geblieben, die in neuerer Zeit überhaupt angefangen haben, die Sünden der Tochter in der Mutter nachzuweisen und wohl oder übel den neuen Bund in seinen bcdauerungswüroigen Mängeln als das getreue Abbild des alten darzustellen. Die Bestrebungen, Psäfferei und Jesuiterei als altijraelitisches Erbstück auszuzeigen, Unsehlbarkeitsdünlel und Vernunftquälcrei als Reiser voin Stamm des alten Bundes hinzustellcn, sind bekannt und oft entlarvt. ״Der Wahn von dem Vorzüge Israels vor allen Völkern des Allerthums muß aus der Geschichte schwinden...״ Doch, da tritt wieder einmal der reine Gottesglaube als Hindcrniß in den Weg. Fort damit, auch der ist Wahn und Lüge, die Juden hatten ihn ebensowenig als alle anderen Völker, sie hatten; ihre Götzen wie die übrigen. Wie inan das nur beweisen könnte? Nun, es geht ja so Vieles, wenn es muß. Wie dies geht, mag sehr ergötzlich das Beispiel des vr. Otto Henne am Rhyn zeigen, der, vom Geiste der Wahrheit und der Cul-!Urgeschichte gestachelt, den alten Judengott aus seinen Schweizerbergen bis in ein ungarisches Tagblatt, ven ״mestungarijchen Grenzboten" hinein ingrimmig und mit Beweisen bis an den Bart gerüstet verfolgt. Die ehrliche Bibel hat es den Herren zu bequem gemacht! In einer in aller Geschichtsschreibung nur allzu seltenen Offenheit und Gradhcit berichtet sie die Schwächen des Volkes und seiner Helden, so daß man wirklich nicht Grund hat, ihre Angaben übertreiben zu müffen, um dar Wahrheit sich zu nähern. Unser Forscher scheint diesen Grundsatz nicht anzuerkennen, er würde sonst kaum Uebertreibungen zu Wege gebracht haben, die weiland dem alten Münchhausen Ehre gemacht hätten. Man wird um die Quelle neugierig sein, aus der er die Thatsache schöpft, ״die alten Juden wären alle Augenblicke von einer Religion zur andern, von der ernsten Gottesverehrung zum scheußlichsten und blutigsten Götzendienst übersprungen." Die Quelle soll die Bibel sein! Es dürfte ebenso schwer sein, zu sagen, was sich Henne unter einem ״Augenblick," wie waS er sich unter einer ״Religion" denkt. Ob die Zulegung eines neuen Götzen zu dem alten Götzenrepertoire die Annahme einer neuen Religion bedeutet? Wohl ebensowenig, wie nach modernen Begriffen die Ausrufung eines oder einer neuen Heiligen dies thut. Diese Begriffsoerwirrung zwischen Götze» und Religion ist für Henne bezeichnend; auf diesem Triebsand ruht sein ganzes Behauptungsschloß. Da, so schließt er weiter, niemals in aller Welt und Zeit ein Volk ohne äußere oder innere Nülhigung seine Religion verändert hat, die Inden dies aber alle Augenblicke thatcn, so — können die Juden gar keine Religion gehabt haben; nein, so lautet der Schluß nicht, sondern — so lügt die Bibel. Brav gemacht, men» eben Götzen Religionen wären. Aber Völker haben weite Herzen und nehmen zu der alten Religion neue Anhängsel oder Gäste hinzu, ganz ebenso wie die Kirche mit dem ״guten Magen" dies bis heute noch nicht verlernt hat. Hat ja ein gescheuter Mensch behauptet, die Kirchengeschichte lügt, weil sie offen oder versteckt die Anfnahnie gar vieler heidnischen Elemente in der christsichen Religion nachweist? Und dazu haben wir cs bei den Götzendienereien der Juden nicht mit ihrer Religion zu thun! Das war rein Privalsache der Einzelnen, sich Götzen anzuschaffen und das Bedürfniß nach Verkehr mit den» Göttlichen durch eine Handgreiflichkeit zu befriedigen. Die israelitische Religion hat das Volk nicht abgeschworen, mit dem Abfall zum Götzendienst war lediglich die Thalsache bekundet, daß ״der Gott ihrer Väter" ihnen noch etwas zu sehr unfaßlich gewesen sei. Und nichts beweist das Alter der reinen Gottesidee und die Wahrheit ihrer Geschichte so sehr, als gerade die lange Kette von Abtrünnigleiten in Israels Mitte! Schon Leffing geht darin fehl, wenn er dein altisraelitischeu Volke die hohe, reine Vorstellung von Gott darum absprechen will, weil es bei einer solche» unmöglich so oft von ihm abgesallen wäre. Was heißt Volk? Der Braß, um mit Leffing selbst zu sprechen, das niedere Volk, hat die reine und hohe Vorstellung noch heute nicht und hat sie gewiß noch we- Niger in jener alten Zeit gehabt. Aber darum handelt es sich nicht, es fragt sich vielmehr: War die Idee vom Einzig- Einen im alten Israel vorhanden, oder war sie ihm fremd!