Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 2 (1873)
- Issue
- Nr. 8. (1873)
- Date
- 1873-01-01
- Page
- Seite 31 (sequence 3)
- Language
- German
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Literawrhmcht. Rruusione«. Htrüll, vr. Ad. Trachten der Juden im nachbiblischen Alierlimme. Ein Beitrag zur allgemeinen Kostümkunde. Theil I. Frankfurt a/M. ©t. Go-1r 1873 Die jüdische Wissenschaft, besonder« die der biblischen und talmudilchen Zeit, hat seit den letzten drei Jahrzehnten viele und tüchtige Arbeiten aufzuweisen, und baut sich wunderbar immer schöner aus. Sie hat kein« Akademien, ihrer Förderer sind w nige, die Förderung»»»,««! noch geringer, aber eine Liebe für sie treibt ihr« Jünger zu sortwährenden neuen Schöpfungen aus ihrem Gebiete, denen wir unsere volle Hochachtung zollen müssen; Rechnet man hierzu die verschiedenen Parteilichtungen und Parteigehäffigkruen im heutigen Judenthunie, so ist ein rein jüdisch iviffenfchastliches Produkt «ine Erscheinung, die wir mit Freuden begrüßen Vorliegendes Merkchen des Herrn Adolf Brüll ist eine solche Arbeit, die man init vielem Interesse liest. Es bietet viele Anhaltspunkte für wissenschaftlich« Forschungen Wir finden darin eine auf philologischen Nachweisungen begründete Darstellung der Trachten der Juden in der talmudischen Zeit, als z B. der Untergewünder, Obergcwänver, Beinkleider u. a m. I» Erklärung der einzelinn Namen hat der Versasser eine sehr richtige Methode. Er bringt di« Sätze in den verschiedenen Lejearten, wie sie sich iin Jeruschalmi, in der Pesikta und in den Midraschiin vorfinden, rmo ist im Eruiren unermüdlich. Nur wäre noch die Scheidung der Trachten nach Ländern uns Zeiten sehr wünschenswerth gewesen. Doch der Verfasser sagt darüber S. 89: ״Ueber die Zeit, wann, und die Art und Weise, wie die einzelnen, bei frcinden Völkern im Gebrauch gewesenen Kleidungsstücke bei den Juden Eingang gesunden haben, läßt sich init Bestimmtheit selten Genaues angeben, jedoch steht so viel fest, daß die Juden nicht nur Begriff« und Vorstellungrn, Eilten und Gewohnheiten, sondern auch Moden und Trachten von den Völkern, in deren Mitte sie sich bewegten, annahmen " S. 3 stellt der Verfasser die Ansicht auf, daß es keine beschränkte Nationaltracht der Juden giebt, daß orientalische und occidentalische Trachten hier zusanimengeworsen liegen, aus denen man ein internationales Modebit» der Hebräer, Araber, Syrier, Perser. Griechen und Röuier zusaminenstellen könne. Reich ist diese Schrift an guten Aninerkungen. Von denselben machen wir Seite 4 aus di« über ברבךיא »usmerkjam, wo mit Recht nachgewiesen wird, daß wir dabei nicht blos an eine maurilanische Völkerschaft zu denken haben, da auch die Germanen bei den Römern so hießen (Tar.it Annal. 13, 14); das Wort selbst ist rin« Zusammensetzung von “!2 »- ברא und bedeutet ״Sohn der Fremde".!Diese Erklärung ist nicht neu, uno Jeden! des Syrischen Kundigen geläufig. Red) Die Einleitung erstreckt sich über die Würdigung der Arten der Kleider im Talinud, worin sich eine große Belesenheit kund thut. Man sieht, daß der Verfasser heimisch auf diese», Boden ist und hübsch gesichtet hat. So möge diese Schrift ihre weiteste Verbreitung finden, dauiit der Verfasser bald an die Veröffentlichung des zweiten Theiies derselben gehen kann. U (Wir stimmen dem Lobe des sehr fleißig gearbeiteten und lehrreichen Werkes im Allgemeinen bei, müssen jedoch bemerke», daß mitunler einer Notiz ein« Bedeutung gegeben ist, die nicht in ihr begründet ist. Z. B. S. 9: ״In Kleidern hatte die Frau de» Vorzug vor deni Manne," wobei auf Horijoth 3, 7 verwiesen wird — der Sinn dieser Stelle ist ein ganz anderer. S. 22 wird aus Schabb. 1, 3 gefolgert, daß Handwerker an ihrer Kleidung zu erkennen waren, daß der Schneider eine Nadel am Kleide, der Schreiber eine Feder am Ohre als Abzeichen zu tragen pflegte. Es scheint, als hätte der Vers, das 1N2I21K ׳לקי wie oben baä קודם. falsch verstanden. Wenn S. 29 init H.nweisung aus Schabb. 77, 6 (סודר) gesagt wird, die etyniologischen Erklärungsversuche der Rabb. seien ohne jeden Werth, so ist zu bemerken, daß di« Talmudisten bei solchen Geistesspielcn auch gar nicht an Etyniologie in wissenschafllichem Sinne gedacht haben. T.) Pas <Leöen Jesu, für dns Volk bearbeitet 001t Dr. Friedrich Mook. 1. Theil A. Die Jugcndgeschichte. Zürich, Verlag-rmagaji» 1872. Rlüßte man das vorliegende Buch in eine der bestehenden Literaturgattungen «׳.»reihen, so könnte ihm nur unter den Pasquillen ein« Stelle eingeräumt werden; den ernstern Lesern wird dieser erste Theil des zu größerem Umfange angelegten Werkes als beißendes Pasquill auf die christliche Dognien erscheinen, welche sich an Geburt und Jugendgeschichte Jesu knüpfen. Um echte Satyre zu sein, ist dus übrigens mit viel Aufwand von Witz u»d Geist geschriebenen Buch zu frivol; es zeugt zu wenig von sittlichem Ernst und religiöser Gesinnung, als daß man den, Verfasser, einem in Utrecht promovirten ehemaligen Theologe» zutrauen dürste, daß er an seine Arbeit ging, um der guten Sache zu dienen und zu den! am Ehristenthuni sich vollziehenden LLuterunqsproccsse beizutragen. Wer in die Behandlung eines so wichtigen Gegenstandes seldsterlebte Liebesgeschichten, leichtfertige Anekdoten und Bemerkungen «instreut, beweist, daß es ih,n nicht so sehr darum zu thun ist, ״das Volk' über seinen Glauben aufzuklären, daß vielmehr vor Allein das Bedurtnlß imterhaltunqsuchender Leser ihm vorschwebte. Indessen in einem Punkte wenigstens beweist der Verfasser einen ernstern Eifer, in dem Zorne über di« sinnverwirrendm und au« üb«, svanntem, später mit scholastischer Dialektik sich verbindend«» Glaubens» drang« entstandenen Dogmen de« Christenrhums. Nachdem er zu« Schlufl« dir Glaubenssätze zusaminensaßt, ״welch» di« Kirche aut den ersten zwei Kapiteln des Matthäus und Lukas abgeleitet hat", nämlich die Lehren von der Dreieinigkeit, der Gottessohnschaft Jesu und seinen zwei Naturen, von der Erbsünde, der unbefleckten Empfängnih, ruft er auS: ״Und das soll rin stolzer Bau sein 7 Erbärmlich ist er. Jeder geistige Flügelschlag erschüttert die byzantinisch-gothisch-romanischen Kunstbauten der christlichen Lehre bi« in di« Fundamente, und an de» Fundainenten rütteln die Mäuse. Und doch stürzt der Bau nicht zusammen und begräbt unter seinen Trüinmern die Fanatiker und Zeloten —, denn di« Hauptstütze d«S wankendm Gemäuers ist die Gleichgültigkeit und Gewohnheit. Die Einen, die sich über den Werth des Christenthuinim Allgemeinen klar sind, behandeln es vorsichtig als difficileS Blümchen ״Rühr mich nicht an!" oder als glühendes Eisen, und die Andern sind nun einmal so gewöhnt, mit der Kirche wenigstens aus leidlichen, Fuße zu stehen .... Run. di« Zeit wird kommen, wo der Ausspruch: ״Er war «in gläubiger Christ", so viel heißen wird als: ״Er war wenigstens in dieser Beziehung ein beschränkter Mensch I" — Dieser Zorn gegen die christliche, noch heute so mächtig« Dogmatib macht das Buch der Beachtung werth; vielleicht wird der Berfafler in den folgenden Theilen einen würdiger» Ton annehmrn und so die Wirk, sainkeit seines Buches fördern. Di« Wissenschaft freilich wird er schwerlich fördern; denn «r nimmt «S mit der Kritik sehr leicht und erlaubt sich z. B. die Behauptung (2. 61): ״Unsere Evangelien sind nicht in ihrer ursprünglichen Gestalt erhalten, sondern höchstens Uebersetzungm aus dem Hebräischen oder Aramäischen", — war doch selbst von Ratthäus nur zum Theil« gilt. Immerhin aber tritt dieses neue ״Leben Jesu", wenn auch mehr al« lustige Person gleichsam, in die grsß« Tragödie «in, welche sich gegenwärtig in der ganzen denkenden Christenheit abspielt, in den tragischen Kampf zwischen der gottgegebenen Vernunft »nd den durch unüberwindliche Mächte Millionen Menschen, den eivilisirtesten Völker» werth. und heilig gewordenen christlichen Dogmen. — Wir Juden müssen mit Achtung uno Theilnahme diesem schweren Kampfe zusehen und den Sieg der jüdischen Glaubensprincipien erwarten, eingedenk drS alten Satzes (Eroous 14,14): Der Ewige kämpft für euch; ihr verhaltet euch ruhig! — vr. W. «. Inzwischen ist auch das 2. Bändchen des Werkes, ״di« Dogmen der Vorgeschichte" betitelt, erschienen und uns zngesandt worden. Wir ersehen daraus, daß das erste Bändchen in Kaiserslautern confiScirt, und der Verfasser im Juni vor. Jahres nach Nürnberg als Sprecher der freireligiösen Gemeinde einstimmig gewählt worden. ״Ich hatte da, schreibt er, unterschiedliche längere Reden zu halten, an welchen das Beste mar, daß sie die meisten Leut« nicht verstanden". Schon im Oetober kündigten ihin seine früheren Anhänger den Contract. ״Jetzt bin ich abgemattet, öde. trist, weil der Scherz vorüber ist." In dieser Etiminung ist nun das 2. Bändchen geschrieben, da», aller Wiffenschastlichkeitbaar, das erst« an Frivolität noch übertrifft, und von Blasphemien strotzt. ES hat uns — angeckelt. Wir vermochten «4 nicht weiterzulesen, als bis zum Anfang des 4 Kapitels, das wie folgt beginnt: ״Di« Thoren sprechen in ihrem Herzen: es ist kein Gott! (Ps. 14, 1.). Ich gehöre zu diesen Thoren." Mit diese»» Gestänvniß hat der Bersaffer sich uno sein Büchlein am besten recensirt. Red. Bücherschau. Vorträge nnd Predigten. Sikverkeiu» Dr. M. Rabbiner. Die sociale Frage und die niosaijche Gesetzgebung. Vortrag, gehalten in der Lesegesellschaft zil Müilnngen. C. L. Baader, 1873. 2) Weyk, L. Nikolaus Copernikns. Vortrag, gehalten in! Handwerkervercin zu Frankfurt a. O. Selbstverlag, 1873. Diese beiden Vorträge haben, wie verschieden auch nach ihrem Inhalte doch ein Gemeinsanu-s: es sind Zeituns Tagessragen, behandelt von jüdischen Männern vor größtentheils nichijüvischen Zuhörern. Der erste derselben hat die brennende ״sociale Frage" zum Vorwurf, di« der Verfasser sehr geschickt mit dem Licht« der mosaischen Gesetzgkbung beleuchtet. Sehr geschickt — denn die engen Grenzen eines Vortrages einerseits, und die Rücksichten auf den Charakter der Gesellschaft, vor welcher er gehalten wurde, waren Klippe», die der Vortragende zu umschiffen hatte. Die Entsaltunq eines großen Gelehrtenapparats, der, wie »,an aus den ״Noten" sieht, 'den, Vers, wohl zu Gebote stand. Hütte der populären Darstellung sicherlich Eintrag getha». Es sind auch keineswegs neue Resultate 'wissenschaftlicher Erforschung. die der Vorlrag darbietet, weil es gar »ich» in der Absicht des Verfassers lag, Neues ans Licht zu fordern, als vielmehr nur das alte Licht zu verbreit,», und hierdurch Vorurtheile, die selbst i» gebildeten Cickeln gegen Juden, meist aus Unlenntniß des Judciilhums, herrschen, zu zerstreuen. Und dieser schöne Zweck wird durch diesen Vortrag sicherlich erreicht. Derselbe zeichnet sich durch eine edle, populär«, des Gegenstandes angemeffene Lprachweise, sowie durch di» klare, lichtvolle Grnrpirung des weitverzweigte» Gegenstandes auS. Redner verstand es insbesondere sein Auditorium dadurch zu fcsscln, daß er Parallelen auS der TageSgeschichre an geeigneten Stellen