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Das jüdische Literaturblatt · 1873-04-23 · N° 5 u. 6. (23.4.1873) · p. Seite 23

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Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
2 (1873)
Issue
N° 5 u. 6. (23.4.1873)
Date
1873-04-23
Page
Seite 23 (sequence 10)
Language
German
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23 So ist der Träger diese» Gedichte« eine verfehlte, unwahre, wril widerspruchsvolle Gestalt? Und warum? Weil der Dichter nicht den Muth hatte, seinen Ahasver sein Judrnthum tragen zu lassen bis an'« Ende. E« mag ja sein, daß der Dichter nur di« zur *Neuzeit das Judenthum dem Christenthum gegenüber die Aufklärung vertreten läßt, von da ab die Sendung des Judenthums von der des allgenieinen MenschenthumS abgelöst betrachtet, dann aber hätte er nicht den ewigen Juden bi« in unsere Zeit hineinführcn dürfen, in einem Träger konnte er diese Wandlung sich nicht vollziehen lasten, wenn dieser damit nicht unwahr werdm sollte und verfehlt. Die künstlerische Einheit seiner erhabenen Dichtung hat er bei diesem Schritte entzweigebrochen. Und wenn selbst der ewige Jude sein Judenthum ablegt, zur Anerkennung der geschichtlichen Leistungen des Christenthums durste er, der jahrhundertelange Feind, nie und nimmermehr sich verstehen. — Wir begreifm die Rücksicht, die den Dichter abhielt, seine» ewigen Juden sich treu bleiben zu lasten, aber innere Wakrheit ist eines echten Kunstwerks oberst« Forderung, ihre Vernachlässigung hat sich empfindlich an seiner Dichtung gerächt. v-d. K —11. 1) per chstt fee* «tiftt Armdts. Ein Beitrag zum Schriftverständniß. Bortrag von Herrmann Cremer, odentl. Prof. d. Th. zu Greifswalde. Barmen 1872, Hugo Klein. 32 S. 2) ASufzeh» messtauische Wsakmer«, erklärt von Wil- Helm Stern. Barmen 1870. 123 S. 3) Hka«te«sIeLermt»iK eines modenien Naturforschers, Berlin, Staade 1873. 31 S. 4) Souelle aus de« Hrieut, von Hans Grasberger,?Bremen, Kühtmann. 1873. 115 S. Von den in der Uebcrschrift genannten vier Merkchen gehört eigentlich keines in die Kategorie der Liicraturerzeugniffc, wie sie gewöhnlich von jüdischen Zeitschriften besprochen zu werden pstegen. Aber cS ist gut, von Zeit zu Zeit hinauszuhorchcn in die andern Kreise und gewistcrmaßen aus den gedruckten Zeichen der Zeit, als welche man auch die kleinsten Novitäten bettachien kann, herauszuhören, was für Inden und Judenthum von Jntereffe ist. Von Nr. 1 kann man sagen, daß uns die ganze Schrift intei ressiren darf; denn sie bringt uns, unserer Religion wenigstens, I ein sehr erfreuliches Geständniß entgegen. Was vor kurzem der I Philologe Abel mit linguistischen Mitteln gethan hat, als er vor Idem großen Publikum den herrlichen Schah von ״Liebe" aufdeckte, den die alte jüdische Volksseele in die hebräische Sprache hineingelrgt: gleiches thut hier ein ordentlicher Professor der evangelischen Theologie für den jüdischen Go ttcsbegriff. Es ge: I hört für einen gläubigen christlichen Theologen große Ueberwin- I düng und großer Muth dazu, öffentlich dafür Beweise zu brin- I gen, ״daß der Gott des alten Bundes und kein anderer der Gott I und Richter aller Welt ist", daß all die Vorurtheilc, welche un- 1 ler Gelehrten und Ungelehrten über den ״Zorngott, den particu: I laristischen Nationalgott des alten Testaments umlaufen, gänzlich j unberechtigt sind." Und wie das Geständniß, so ist auch die [ manches Richtige enthaltende Beweisführung anzuerkennen. Sie I hier zu wiederholen, wäre überflüssig; auch müßte sie erst aus l der cigenthümlichen, unklaren Ausdruckswcisc, wie sie gewöhnlich I bei christlichen Theologen und ein wenig auch bei H. Cremer I vorherrscht, hcrausgelöst werden. Es genüge, einen Sah anzu- I führen: ״Es ist die Heiligkeit Gottes, welche den Gott des I alten Bundes von Allen! unterscheidet, was jemals anderweitig gedacht, geahnt und anerkannt worden ist. . . . Die Helligkeit ist vielmehr als die makellose Reinheit seine« Wesen« und Mllen« ״die alles Base von sich stößt. Sie ist der Grund, daß Gott ein Gott der Gerichte und zuglrich ein Gott der Geschichte ein Gott des Gerichtes und des Heile«, der Gnade, der Erlö: sung ist." Aehnliches kann man oft genug von jüdischen Kanzeln hören, in jüdischen Büchern lesen, aber im Munde eines evangelischen Gottesgelehrten hat die Aeußerung doppelten Werth; denn was bleibt ihm anders übrig, als durch einen Sprung, und oft einen ungeschickten, zu den christlichen Anschauungen über Gott zu gelangen. Wir wollen nur Eines hervorheben. Was setzte, nach dem Verfasser, das Christenthum an die Stelle des Begriffes von der in der Geschichte, iu der fortwährenden Entwickelung der Menschheit immerwährmd wallenden Gerechttgkeit Gottes, jener Gcrechttgkeit, an der das Judenthum noch heute festhält, vermöge der nichts geschieht, wovon Gott gleichsam sein Auge abgewendct hat. Hören wir: ״Princip und Regel der Geschichte de« Rriches Gottes im neuen ׳Testamente, speciell der Kirchengeschichte und der Geschichte der christlichen Völker und ihrer Staaten, sind nicht mehr die des alten Bundes, und der Abfall der Kirche Christi kann sogar ungestraft nicht blos vrgetiren, sondern sogar bis an's Ende der Geschichte." Ist das nicht eine Verschiebung der gött: lichen Gerechtigkeit ad calendas graecas, und setzt sich mit solchen Worten das Christenthum nicht gewissermaßen selbst vor die Thüre und benimmt sich das Recht, ein lebendiger Faktor zu sein in der Geschichte, die das Wellgericht ist! — Und was hat die Lehre Christi von Gott Neues gebracht? Ein Wort, mit dem Alles und Nichts gesagt ist, ein Wort, wie viele Worte: ״Gott ist die Liebe." Denn dies, meint der Verfasser, ist dem alten Testamente fremd; gewiß, fügen wir hinzu, und nicht zum Schaden seines klaren, unentstelltcn Gottesgedankens. Aber, daß so außerordentliche Scheu in unserer heiligen Schrift herrscht von der Liebe Gottes zu sprechen, daß sich nur einmal (5. B. M. 33, 3) das Won findet: ״wie hat der Herr die Leute (bie Stämme Israels) so lieb!" daß dieses Wort ״einsam stehen bleibt und in dieser seiner Einsamkeit die Gottesoffenbarung und Gotteserkenniniß des alten Testamentes iin Unterschiede von der des neuen charakterisirt" — das dürste doch ein gelehrter Theologe nicht behaupten, seine Bibclfestigkeit mußte ihn an Stellen erinnern wie: ״Ich liebe euch, sagt der Ewige" (Maleachi 1, 3), ״es liebt dich der Ewige, dein Gott" (Demteron 23, 6), ״mit ewiger Liebe liebe ich dich" (Jeremias 31, 3). Wir wollen zu seiner Ehre annehmen, daß ihm diese Stellen bloS aus Versehen entgangen sind und daß er bei näherer Ueberlegung sich selbst gesagt hätte, diese Stellen enthalten mindestens ebensoviel, als das gerühmte Wort: ״Gott ist die Liebe". Bevor wir von H. Pros. Crenicr scheiden, möchten mir noch ein auch nicht unbedeutendes Versehen rügen. Er führt als ״furchtbares Wort" au: ״Denn ich, der Ewige, dein Gott, bin ein eifriger Gott, der über die, so mich hassen, die Sünde der Väter hcimsucht an den Kindern bis in das dritte und vierte Glied" (Exod. 20, 5). Aber löst sich die ״Furchtbarkeit" dieses Satzes nicht in erhebenden Trost und Hossnungsfülle aus für den, der weiter liest: ״Er übt Gnade bis in's tausendste Geschlecht an denen, die ihn lieben und > seine Gebote bewahren!" 1 Bei Nr. 2 können wir uns kürzer fassen. Es genügt zu | sagen, daß, wie das eben besprochene Merkchen zeigt, wie unbej sangen bis zu einer gewissen Grenze christliche Theologen sein j können, die eregetisch - erbauliche Schrift des H. W. Stern ein | Zeichen christlicher Befangenheit ist. Sie ist ein Beitrag zu jener

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