Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 2 (1873)
- Issue
- N° 5 u. 6. (23.4.1873)
- Date
- 1873-04-23
- Page
- Seite 22 (sequence 9)
- Language
- German
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22 Thatsachrn diese Behauptung; unsere bedeutendsten Dichter und gerade die Modernsten der Modernen, die Lingg, Hamerling, Grosse haben mit Glück das Epos zu ihren Dichtungen verwendet. Nicht auf einer Abneigung der Zeit gegen das Epos kann es darum beruhen, daß ein Dichtwerk von monumentaler Größe, wie Heller'S AhasveruS, nicht diejenige Verbreitung gesunden hat, die es nach seiner Bedeutung und Erhabenheit verdient. Wohl darum allein ist das Werk noch nicht genügend beachtet, weil zu wenig darum aufmerksam gemacht wurde. — Aber es ist auch wcrth, daß besonders die jüdische Lesewelt damit bekannt werde, ist es doch die erste bedeutendere — vielleicht bedeutendste — Bearbeitung der Sage vom ewigen Juden, die von einem Juden — Heller lebt in Prag — unternommen wurde. Die Sage vom ewigen Juden hat von Haus aus einen großartigen Wurf. Ein Mensch, dessen Alter mit den Jahrhunderten zunimint, zu endloser Wanderung auf Erden verurtheitt Zeuge wird der bedeutendsten Ereignisse, in seiner Erinnerung zurückrcicht in längst dahingerollte Zeiten, ist ein verlockender, wenn auch schwer zu bewältigender Vorwurf für den Dichter- Und doch kann die Sage nicht in ihrer rohen Gestalt, wie sie aus dem Schachte der Volksüberlieferung hervorgeholt wird, in die Dichtung übergehen; umgeschmolzen von des Dichters Gluth ergießt sie sich in der Dichtung Formen. Bezeichnend für die verkehrte, düstere Weltanschauung, die das Christenihum auf die Welt gebracht hat, erblickt die Sage in den Worten des sterbenden Jesus an Ahasver, die ihn zu ewigem Erdenwallen bestimmen, den entsetzlichsten Fluch, der freilich wenig auf die Lippen des Stifters der ״Religion der Liebe" paßt. Wie hat der jüdische Dichter zur christlichen Sage sich gestellt? Wie der Geist deS ob Jesus' Abfall ergrimmten Judenthums donnert Ahasver gegen den abtrünnigen Jugendfreund, ״die Ahle warf er weg, den Ledcrschurz", wie leibhaftig tritt er uns entgegen, der Glaubenseifrige, der ״Frömmste aller Pharisäerfrommcn." Und Jesus am Kreuze erkennt die Aufrichtigkeit dieses Hasjes, nicht Fluch ist's darum, was er gegen ihn ausspricht, wie die finstere Sage will, nein! ״Unglücklicher, was in dir braust und gähn Weiß ich doch gläubigstem Gcmüth erstanimcnd Dir fei die höchste Menschenlust gewährt! .... Du sollst, von Todesqual nicht heimgesucht, Mir deinem Volke durch die Erde wallen, Ein Trotz zermalmender Aconenwucht. Die Blätter werden von den Bäunien fallen Nationen gehn verwittert und zerschellt — Ihr bleibt, bis die Posaune wird erschallen. Wenn dann der Menschensohn das Dunkel hellt Ihr bleibt, ihr lebt nach tausendfachen Todcn!' (14). Und so ward Ahasver das Schicksal, von jenem Kreuzeslode auf Golgatha bis an der Zeiten Ende ein Beobachter und Zeuge zu bleiben des geschichtlichen Verlaufes. Sicherlich, ein kühnes Unternehmen des Dichters, die Jahrhunderte zu belauschen, die treibenden Gedanken zu erspähen im ersten Keimen, mit Ahasvcr sich zu stellen an der Ereigniffc Ursprung und zu verfolgen ihren verwickelten Lauf. Heller hat diese Aufgabe überraschend gelöst. Gediegene Sachkenntniß, mit glücklicher Gestaltungskrast verbunden, haben ihn dazu befähigt. An dieser Stelle intcressirt uns aber weniger die hohe künstlerische Vollendung des Dichtwerks, als die Stellung, die es zu Juden und Judenthum einnimmt. Wir haben Ahasver als gluthvollen Juden Jesum verfolgen sehen, mit größerem Zorne sehen wir ihn die Entstellungen und Fälschungen verurtheilen, die bei Jüngern und Nachfolgern des Stifters Lehre erfahren. Sein Herz hängt an seinem Vaterland, daß der gewaltige Römer bezwingt, einmal noch sieht er es sich erheben, e« war umsonst. — Daß eines Juden Geist dies Lied gedichtet, zeigen vornehmlich die Gesänge, die Judäa's letzten Kampf besingen und in ihrer Formschönheit nnd EmpfindungStiefe eine Zier des Ganzen bilden. — Das Bewußtsein von der Höhe und Lauterkeit der eigenen Lehre verläßt Ahasver nie, ihn schmerzt bei der Ausbreitung des Christenthums nur der Sieg des Wahnes und der Lüge. Er sieht bald mit Entsetzen die Schäden, die die neue Lehre angerichtet und die Gotteslästcrung, die sich Concil von Nicäa nennet, treibt ihn vollends aus Europa. Erst in der ägyptischen Wüste bei Antonius lernt der Greis Ahasver begreifen, daß auch ein Edles in der Christenlehre enthalten sei. Aber bereits hier thut der Dichter einen verhängnißvollen Schritt. In einer Nachbemerkung zum 32. Gesang sagt er, A. gelange zur Ueberzeugung, daß nur vom Christenthum das Gottesrcich ausgehen könne (169). Diese Ueberzeugung ,theilt sein A. durchaus nicht, vielntehr ist am Schlüsse der ersten Wanderung seine Auffassung vom Christenthum diese: ״Ihr Gott hat all den Fabelüberfluß Der Götterbilder, die zuni Staube sanken — Ein hartes Wort! Vergib's Antonius." Noch bei der Verbreitung des Chr. unter die Deutschen ruft A. ״Aus Jesu Tasel kam noch mancher Brocken Vom umgestürzten Heidcngöttertisch." (267) Er flucht entsetzt der Sittenlosigkeit des päpstlichen Rom, nennt Franz von Assisi ״frommer Hanswurst, Gottes - Eulenfvirgel" (329), gedenkt im lauschigen Raume der Mainzer Synagoge, von seinem Volk erquickt, des sündigen Rom init seines ״Pfaff- Halunken" Jsidorus Dckrctalcn, betont init sichtlicher Tehvbruhcii Jehuda Haleoi's Erbhoheitslehre vor dem christlichen Dogma der Erb-sünde, labt sich an Süßkind von Trimbcrg, wohl nur darum, weil er ein Jude ist, ja Ahasver trägt sein Judenthum, das er ״noch zur Zeit der Kreuzzüge auf eine so unbescheidene fast unerhörte Weise in den Vordergrund drückt", bis zur Reformation init alter Gluth und Zähigkeit, sagt er doch von Luthers Thal: ״Jin Keim, ach, sproßt hier kaum der Menschheit Same." Alle diese Einzelheiten sind darum nur aufgeführt, um zu zeigen, wie unvermittelt, wie plötzlich der Dichter an der Schwelle der Neuzeit seinen ewigen Juden verwandelt hat, so daß wir kaum den allen in ihm erkennen können. Wohl konnte das Zusammentreffen mit Faust, diesem verleiblichten Geist der Neuzeit, die Gedankenrichtung A. ändern, wohl konnte ״die Macht des Menr schenthumS", deren Höhe der Jude nicht von Faust zu lernen brauchte, ihm als die Aufgabe der künftigen Geschlechter immer klarer werden, aber die Religion, sein Judenthum, durfte er doch nicht mit einem Male so abstreifen und vergessen, wie er es thut. Und vergessm muß er es doch haben, wenn Faust ihm sagen darf: ״Nicht menschlicher war, was der Anblick bot || Der Therubim auf der Gesetzeslade, || Als Moloch, Baal, Kemosch und Astaroth." Der ewige Jude, der es zugegcbeir hat, wenn Faust sagt: ״Drum sag' ich's ftei: des großen Ziels verfehlend Hat Rom mit seinem.glauben uns genarrt, Ein voll Jahrtausmd uns, der Menschheit stehlend!" — er durste nie und nimmer gläubig die Worte annchmm, die Jesus bei seinem letzten Erscheinen spricht: ״Der Weltgeist, Faust, mein Sohn, der jetzt dich blendet, De« Willens Kraft, des Willens heil'ger Muth, Sie sind von mir erregt, durch mich vollendet."