Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 2 (1873)
- Issue
- N° 5 u. 6. (23.4.1873)
- Date
- 1873-04-23
- Page
- Seite 20 (sequence 7)
- Language
- German
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20 dann Gewicht gelegt werden, wenn Gesicht und Nase noch unentstellt sind und die Identität der Person dadurch festgestellt werden kann. Da aber durch die damals hätifigen Ermordungsfälle von Seiten des fanatischen Pöbels einer grüßen Anzahl von Frauen das Eingehen einer neuen Ehe erschwert worden wäre; so milderte es Tam (Tost. Iebam. 120a.) wahrscheinlich aus diesem Grunde dahin, daß es der Recognition durch Gesicht und Nase nur dann bedürfe. wenn der Körper völlig verunstaltet sei. Wenn dies nicht der Fall, und Jemand die Identität vom Gesammteindrucke abnehnien will, so hat schon dieses Zeugniß volle Gültigkeit, kraft dessen der Frau das Eingehen einer neuen Ehe gestattet werden soll. Daß die damaligen französischen Juden sich in dem Geleise des practischen Lebens mehr als sonst bewege», ihr ganzes Denken auf die Gegenwart, die sie beherrschte, concentriren mußten, beweist eine neue Erscheinung, die seit der talmudischen Epoche zum erste» Male wieder vorkam. Zur 'Zeit R. Tam's kamen nämlich inehrere Rabbinersynoden zu Stande, wozu sich die angesehensten Rabbiner Frankreichs einfanden, um über zeitgemäße Fragen zu beschließen. Man mußte nämlich sorgfältig darauf bedacht sein, jedem Anlaß zu Reibungen mit der christlichen Bevölkerung vorzubeugen. Zu diesem Be- Hufe wurden nun viele Beschlüsse gefaßt, daß z. B. kein Jude (bis auf gewisse Ausnahmefälle) einen Glaubensgenossen vor's Landesgericht lade, daß sich keiner von einer weltlichen Behörde ein Amt erwirke u. a. m. Dahin gehört auch (nach Grätz Gesch. d. I. VI. -15) das Verbot des Ankaufs von Kirchengeräthen, Meßgewändern, Erucifixen, Gebetbüchern und kirchlichen Ornamenten. Diese und ähnliche Verordnungen gingen von den Rabbinersynoden aus, deren Nichtbeachtung schwere Strafe und Bann zur Folge hatte. Auch in dieser gemeinnützigen Thätigkeit sehen wir R. Tam obwohl Privat: mann immer an der Spitze, immer beseelt von heiligstem Ernst, von unermüdlichem Eifer. Tam's Gelehrtenruhm entsprang zunächst seiner talmudischen Bedeutung, aber seinem strebsamen Geiste blieben auch andere Wissenszweige nicht fremd. Er versuchte sich auch in Dichtungen verschiedener Gattungen und ob er gleich in der Poesie den zeitgenössischen, spanischen Dichtern nicht gleichkam, so zeugen doch die wenigen Ueberreste, die unS erhalten sind, von vieler Begabung und einem reichen Gemüthe, das oft in ein inniges Gebet überströmte.*) Tam hatte große Neigung zum Dichten, so daß er oft seine Response» mit einem großen Reim beginnt und schließt. Das Wenige, was er hierin geleistet, ,hat das Verdienst, die Handhabung des hebräischen Versmaßes in Frankreich eingeführt zu haben. Diese Kunst ist näullich bis dahin daselbst ganz unbelkannt gewesen und Ibn Esra, dem die Neuheit der Erscheinung bei seiner Reise durch Frankreich auffiel, ist mehr noch durch das Staunen darüber, als, um seine größere Kraft Tam gegenüber geltend zu machen, zu dem Verse veranlaßt worden: ״Wer führte den Franzosen in des Liedes Tempel, darf der Fremdling den heiligen Ort betrete»? Ist auch Jacob's Lied süß wie Manna, so bin ich die Sonne, die es in Nichts auflöst." Nachdem er aber die mäßigen Ansprüche des Franzosen auf dieses Verdienst aus der Antwort: ״Ibn Esra kann ja sein eigen Herz antworten, Er hat mich ausgenommen in seiner Liebe Pforten, Ich beuge mich verehrend vor seinem Auge- *) Luzzalo theilt in Jterem Chemed. VIL S, 35 mehrere Pijutim von ihm mit. > sichte" u. s. w. ersehen hatte, drängt eS doch schließlich den > Spanier zur Anerkennung: ״Ziemt es denn dem Führer, : sein Haupt vor einem Niedrigen zu beugen, unwürdig ist es,! wenn ein Engel Gottes sich demuthsvoll verneigt" (Vgl.! Grätz, Gesch. d. I. VI. 209.) Auch das Bibelstudium vernachlässigte er nicht, doch bleiben seine Erfolge in Exegese hinter denen seines älteren Bruders Raschbam weit zurück. Bedeutender jedoch ist seine THLtigkeit auf grammatischem Gebiete. Die Resultate hierin erfüllten ihn mit einem stolzen Selbstbewußtsein. In dem bekannten grammatischen Streit zwischen Dunasch ben Labrath und Menachem ben Saruk tritt er in seiner Schrift, ״Hachraah" betitelt, als Anwalt der Sache Menachem's auf. und schließt mit den Worten: ״Die trüben Wasser sind nun rein, Ich lade zum Genuß Euch ein, Zum Tagesglanz und Dämmerungsschein, Zum Morgen, der Erkenntniß voll." (Vgl. Geiger, Parschandatha. 27.) (Schluß folgt.) Zwischen Leihet und Ai. Eine biblisch - geographische Skizze von L. Wetzl in Frankfurt «. O> Der gelehrte schottische Tourist John Forbes ist innerhalb der biblischen Bücher auf einen geographischen Widerspruch gestoßen und hat geglaubt, denselben durch eigene lieberzeugung an Ort und Stelle gründlich lösen zu können. — Es ist nämlich dem genannten Herrn sehr ausgefallen, an einer Bibelftelle eine gewisse Gegend als ״Gebirge" bezeichnet zu sehen, welche an einer andern als das grade Gegentheil, d. i. als ״Thal" figurirt, und nun, nachdem er selber in Palästina gewesen, und dort mit eigenen Augen gcschauet. ist bei ihm jeder Zwei'el gehoben, jede Frage beanlwortet, sein eigeid. Herz aber darob so erfreut, daß er sich nicht enthalien kann, die gemachte Entdeckung durch das ״Athenäum" der Oeffentlichkeit zu übergeben. — Der Landstrich, von dem die Rede ist, ist der, welcher zwischen Ai und Beth-El gelegen, jenen beiden Orten, deren in der Bibel sowohl bei der ״Wänderung Abrahams" als auch bei den ״Kriegen Iosua's" mehrfach Erwähnung geschieht. Was nun dort als הד auftritt, ist (oder scheint wenigstens) hier plötzlich in ein נאי verwandelt. Diese Metamorphose drückt den Schotten, und sie zu erklären, ist der Zweck des ״Berichtes", den wir hier behandeln. Derselbe ist in der vorjährigen Nr. 7 des ״Athenäum" enthalten und von da, wenn auch nur auszüglich, in die Nr. 8 des ״Ausand" eingewanderr. Abram zieht, aus Mesopolamien kommend, in Kanaan ein, und hier ist — nach Gen. 12, 6 — die Gegend von Sichem am Terebinthen-Hain More's sein erster Ruhepunkt, der erste Ort nämlich, wo er seinem Gott und Herr» einen Altar erbaut. Von da weiter, ziehend, grlangt er in ein Gebiet morgenwärts von Beth - El, woselbst wieder gerastet und wieder ein Altar errichtet wird. Jene Weiterwanderung von Sichem aus berichtet aber der Text (Gen. 12, 8) mit den Motten (״Und er rückte von dort dem Gebirge zu"), knüpft daran die nähere Ortsbestimmung ״geu Osten von Beth-El" und fügt endlich noch hinzu, um (wie es wenigstens scheint) über die Situation gar keinen Ziveisel | mehr zu lassen, daß Abram bei seinem neuen Gezeltc ״Beth-