Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 2 (1873)
- Issue
- N° 5 u. 6. (23.4.1873)
- Date
- 1873-04-23
- Page
- Seite 19 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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19 wahren Gestalt zum Abschluß gekommen ist. Es verlohnt stch I darum der Mühe, hier nochmals darauf zurückkommen und ge- stützt auf die im 5. Bande der Graetz'schen Geschichte sachgej maß dargestellten Ansichten den Gegenstand, wenn auch in; aller Kürze, zu behandeln. Als die Araber ihre erobernden Züge auch auf die byzantinischen Provinzen, Palästina, Syrien, Egypten mit Erfolg ausgedehnt hatten, war es den Juden unter ihrer Herrschaft, wenn auch bisweilen von den sie in Schranken setzenden, sogenannten ״Omargesetzen" beunruhigt, vergönnt in ihren religiösen Sitten unangefochten zu leben. Ja selbst in politischer Beziehung hatte der damalige Resch-Galuta gewisse Befugnisse eingeräumt erhalten, so daß die Juden unter ihm ein eigenes Gemeinwesen bildeten, welches mit der Zeit an Bedeutung inimrr mehr gewann und in Kurzem bewirkte, daß dem Oberhaupt der jüdischen Akadeinie zu Suia eine Würde ertheilt wurde, welche, abgesehen von den mit ihr verbundenen Privilegien, dem Träger derselben jenen Titel verschaffte, der ihn zum Repräsentanten der gesammten Judenheit machte. Diese Zeit des sogenannten ״Gaonats" bildet darum eine Glanzepoche in der jüdischen Geschichte. Ich übergehe hier Alles das, was in dieser emgnißreichen Zeit von den bedeutendsten Führern der beiden Akademien zu Sura und Pumpadita geleistet wurde, obgleich die Thätigkeit dieses zweimal im Jahre sich versammelnden Parlament's im Wesentlichen sich von den Sitzungen unter den Tanalten und Amoräern unterschied und darum besprechenswcrthe Seiten bietet; — nur das sei noch hervorgehoben. daß die uns erhaltenen, in Folge ringegangener Fragen von den Collegien entschiedenen ״Responjen" nicht unwesentliche Angaben enthalten, auch über gewisse historische Nachrichten. — Aus alledem aber läßt sich schließen, daß der Verkehr der Juden mit den Arabern ein lebhafter gewesen sein muß. Daher kam es denn auch, daß jene daran denken mußten, nicht blos ihre eigenen religiösen Dokumente genauer zu erforschen und zu prüfen, — denn es galt ja gewiß oft genug, das Judenthum im Gegensatz zu den andern Religionen in seiner Bedeutung klar zu machen — sondern auch die Sprache des Volkes, dessen Geistesproducte ihnen Vorlagen, kennen zu lernen. Die Juden gaben sich seit dieser Zeit dem Arabischen mit solchem Eifer hin, daß sie bald auch auf dieser terra incoxuita einheimisch wurden und eine ansehnliche Stellung einnahmen. Es war eine Rührigkeit und Regsamkeit in den Köpfen der damaligen Juden wahrzunehmen, die Werke hervorbrachten, welche unter dem Einfluß und Muster arabischer Poesie entstanden, uns heute noch mit wahrer Bewunderung erfüllen. Indessen die Folgezeit lehrte, daß gerade das Bibelstudium Seitens der arabischen Juden, wmigstens für den Augenblick, doch nicht den Segen und die Wirkung hervorbrachte, die zu erwarten waren. Denn die in Palästina und Syrien ansäßigen Juden, die ja mehr wie ihre anderen Glaubensgenoffen über Gültigkeit und Zukunft des Judenthums mit den Muhamedanern zu disputiren im Stande waren, mußten sich, so oft sie auf die Bibel zurückgingen, sagen, daß die Normen, wie sie dieselben im pracüschen Leben, angeleitet durch die von den Akademien ertheilten Vorschriften, ausübten, höchstens eine Stütze oder einen Ausgangspunkt nur in der Bibel batten. Es war demnach etwas Natürliches, daß die Juden Zweifel zu hegen anfingen in Bezug auf die Gültigkeit und Berechtigung W talmudiichen Regeln und Vorschriften. Es bedurfte nur eines äußern Impulses, um sie zum offenen Bruch mit dem talmudischen Judenthum zu bringen. Und dieser Impuls blieb auch nicht aus; er zeigte sich ihnen in der Gestalt eines Mannes, deffen Namen die über ihn handelnden Quellen Serenus, Zenoria, Saüra angeben, welche Grätz alle für einen und denselben hält, nämlich jenen Serene, der die eben angedeutete talmudfeindliche Bewegung veranlaßte und von dem auch in einem der oben erwähnten ״Responsen" gehandelt wird unter der Ueberschrift: ״Natronai", an den die Anftage erging, ob die Anhänger dieser talmudfeindlichen Bewegung in den Gemeindevrrband ausgenommen werden dürsten. Auf diese erste, quellenmäßig feststehende, vorananitische Häresie gegen Talmud ist viel Gewicht zu legen, weil sie den später offenen Bruch mit allem Talmudischen erst erklärt. Mr haben in dem Auftreten Serene's gleichsam die erste Phase des späteren Karäerthums und somit den Schlüssel gefunden für daS Derständniß des Ursprungs des Karäerthums. Denn das leitende Princip des ananitischen Karäerthums: ״Forschet genau in der Schrift" findet eben schon vorher Vertreter und An- Hänger. Dazu kommt noch, daß auch noch eine andere, talmudfeindliche Bewegung vor Anan constatirt ist, die 10,000 Juden herangezogen und ausgegangen sein soll von einem Manne, der, wenn er auch nicht gerade den Talmud mit seinem ganzen Inhalt v.nvarf, so doch nach seiner eigenen Weise das Gesetz anslegte und zur Häresie also anregte, — ich meine Abu Jsa Obadjah Jsfahani, dessen Anhänger unter dem Namen ״Jsawiten" bekannt sind. Es sind mehrere, quellenmäßig constatirte, dogmatische Häresien bekannt, die von dem Stifter dieser, dem talmudisch-gesetzlichen Judenthum feindlichen Zeit ausgegangen sind. So zeigt der Satz bei Almokamez: ,ואסור שיגרש איש את אשתו ואפילו בדבר ערוד eine vollständige Aufhebung der Ehescheidung nnd somit ein Hinausgehen über die pentaleuchische Bestimmung, sowie andererseits der Ausspruch, den dieselbe Quelle angiebt: ונם תייב ז, תפלות בכל יום ממאמר שבע ביום הללתיך eine Abweichung vom talmudischen Judenthum documentirt. Aus alledem geht hervor, daß vor dem eigentlichen Stifter des Karäerthums in manchen Erscheinungen und Personen eine Nichtung sich geltend machte, die im Laufe der Zeit jene Secte schuf, welche, nachdem sie alle vom Judenthum abweichenden Normen theils in sich ausgenommen, theils verworfen hatte, endlich als vollständiger Gegensatz zum Rabbinerthum austrat. (Fortsetzung folgt.) Biographie -es Laddrnu Lam. Von Dr. Dessauer, Rabbiner in Cöthen. (Fortsetzung.) Außer den üblichen, oft sehr verwickelten Fragen auf religiösem Gebiete stellte sich oft die Nothwendigkeit einiger Abänderungen auch in der gewohnten Praxis heraus, es kamen neue Verwicklungen zu Tage, deren Lösung Besonnenheit und ungeschmälerte Geisteskraft erforderte. Bei derartigen Entscheidüngen war Tam stets zur Milde geneigt und voller Rücksicht auf die Zeitverhältniffe. Wir heben einen solchen Fall aus vielen andern hervor. Wenn eine unbekannte Leiche aufgefunden wird und Jemand sic zu?euueu vürgirvi, so kam» nach der Mischnah Jebamoth 120 u. auf deffen Zeugniß nur