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Das jüdische Literaturblatt · 1872-01-01 · N° 24. (18.12.1872) · p. Seite 95

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Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
1 (1872)
Issue
N° 24. (18.12.1872)
Date
1872-01-01
Page
Seite 95 (sequence 3)
Language
German
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König verworfen. — So stehen wir denn vor dem ersten Zerwürsniß;wischen geistlicher Macht und weltlichem Reg'inentc; vor dem ersten Riß;wischen Staat und Kirche — einem Nisse, der später wclterschütteriide, aber auch nach unverrückbaren kulturhistorischen Entwickelnngsgesetzen, wclkgestaltendc Dimensionen annahin. Denn, wenn auch zwischen diesem Ereignisse und den späicren Kämpfen mehr als zwei Iahrlansendc liegen, so ist doch ihr geschichtlicher Zusammen- Hang nicht;n verkenne». ׳War doch die Bibel stets eine erqiebige ,vundgrubc sür hierarchische Eclüste! Dach wie ganz anders liegt das Motiv;» diesem Bruch׳ hier, und wie gan; anders dort. Hier hat der ordnende Geist des stch gestaltenden Völkcrlebcns wie jedem Enlturvolkc, so auch dem israelitische» eine bcsrimmre und zivar diesem gerade die erhabenste Miffion »dertrar.cn, in Folge deren die Theokratie die allein distorisch berechtigte Negierungssorm dieses Staates gewesen war. Da sich diese aber naturgemäß nur in der Priestcrhcrrschaff manisestirl, so war die geistiiche 'Macht eine unerläßliche Nolhwendigteil sür die Erhaltung dieser Staatsform, und der Propbei mußte als Inhaber dieser Macht für dieselbe mit allen ibm;» Gebote stehenden Mitteln eintreten, so scrn er dieselbe bedroh׳ sad. Elan; anders dort. D ׳ haben sich ans dem Völtcigewure Staaten von rein weltlichem Charakter im Lause der Jahrhunderte gebildet, in deren Organismus neben so vielen anderen Standen auch der geistliche eingcfngt war. Da war es nun persönliche Herrschsucht und maßlose Standesnbcrhcbnng, wen:׳, dieser Stand, durch die damaligen wüsten Eiilturznstäiide;11 nnumschränktemEinstuß gelangt,diesen Einfluß dazu mißbrauchte, die wcitlichc :'Nacht unter ihre Bol- Mäßigkeit;11 bringen und so die ganze staatliche Gewalt an sich zu reißen. Ein solches Beginnen war eine Auflehnung gegen den Geist der Geschichte, eine Verhöhnung der göttlichen Ordnung und mußte mit dem Auswand aller Kräfte bekämpft und nicdcrgchalken werden. Zn »och klarerem dichte aber zeigt sich uns der Unterschied zwischen hier und dort, wen» wir die Katastrophe weiter vcrsolgen. Denn wem tritt hier nicht die ebenso ergrciscudc als denkwürdige Scene von Eanossa unwilltürlich vor die Seele! Wie dort, so verkündet auch hier ein Diener Goncs dem Regenten eines Staatesdaß er ein von Gott Verstoßener sei: wie dort, steht auch hier ein gekröntes Haupt, tici gebeugt von der Wucht des aus geweihtem Mundk über ihn ausgesprochenen Bannes; wie dort endlich legt ein weltlicher Machthaber einem geistlichen Obcrhauple ein renmüthiges Schuldbckenntniß ab und bitter in tiesster Unterwürfigkeit um Pergebung dieser Sünden. Und dennoch, welch' ei» Abstand zwischen hier und dort! Während dort der Priester an der Seite seiner Freundin triumphirend und mit sichtlichem Bchagen sich an dem herzerschütternden Anblick des so tief gebemüthigten Büßers weidet und seinen erfinderische» Geist aus: bietet, um den schon ohnehin der Mißachtung anhcimgesallenen vor aller Welt noch mehr zu erniedrigen, verkündet der Prophet hier nur in tiefer Trauer den! Könige, daß er sich von jeder Gerne nschast mit ihm lossagc, ohne daß ein Zeuge dieverhängnißschwercu Verkündigung zugegen gewesen wäre. Za, als Saul den sich von ihm abwcndcndcn Propheten zurückzuhalten suchte und trotz des ominösen Mantelrisses und der sich daran knüpfenden Wiederholung des unabänderlichen Beschlusses dringend bat: er möge ihn begleiten, um ihn wenigstcns vor dem Volke zu ehren, da willfahrte Samuel diesem Wunsch; denn sein Ansehen in den Augen des Volkes sollte nicht herabgewürdigt werden, da er doch immerhin ein Erkorener des Herrn war. Wenn Samuel aber, der nie ein Schwert gezückt, gerade jetzt mit eigener Hand den Agag niedeisticß, so war er weit entfernt, dadurch die königliche Autorität zu schwächen. Da es aber Saul wohl, wenn ich mich so ausdrücken darf, mit seiner Eavalierehre nicht vereinen konnte, san seinem hohen Gefangenen das Todesurtheil zu vollftrecken, nderseiis aber das Haupt eines der verstocktesten Erbfeinde Israels, um seiner eigenen Existenz willen, fallen mußte, so blieb ihm kein anderer Weg, als das göttliche Gericht an demselben selbst zu vollziehen. Diese kühne That hat wohl einen sehr gewaltigen Eindruck auf Saul gemacht und ist sicherlich als ein Eingriff in seine Rechte angesehen worden. Er scheint daher auch eine drohende, oder richtiger lauernde Stellung gegen Samuel einzunehmen, weshalb dieser auch die Besorgniß ausspricht; Saul würde ihn ermorden, wenn er erführe, daß er einen Würdigeren zum Nachfolger gewählt habe. Und dennoch mußte auch diese Sendung vollbracht werden. Diese aber bestand jetzt darin, einen Jüngling zu ersehen, der mit kriegerischer Tüchtigkeit einen idealistischen Geist verbindet. Diese Vorzüge fanden sich in schönster Harmonie bei dem Hirten knaben David vereinigt. Schon sein Aeußeres: sein von zartem Roth blühendes Gesicht, sein schönes, leuchtendes Auge, seine gefällige Haltung, schon das vcrrieth eine idyllische Ratur. Hieni kam seine hohe geistige Begabung, von der besonders!eine musikalische Kunstfertigkeit und sein poedisches Talent, das sich später zur miistergültigen Vollendung entwickelt hat, hervorzuheben ist. Daß es ihm aber auch nicht an Muth gebrach, durste wohl vorausgesetzt werden, da er als Hirt oft in die Lage kam, sich gegen wilde Thiere zu verthcidigcn. Auch mögen wohl schon damals die Heldenstücke von ibm unter dem Volke bekannt gewesen sein, deren er sich später vor Saul rühmte. So wurde er denn heimlich zum Nachfolger Sauls gesalbt. Da nun hierdurch für die Zukunft des Volkes gesorgt war, so zog sich Samuel in völliger Abgeschicdenheil zurück, so daß .er nur noch einmal auftauch:, wo er mit Saul, der den David verfolgt, zusammentrifft. Dieses Zusammentreffen hat aber keine weitere Folgen, als daß Sau! in den Kreis der Prophetenjünger geräth und da vor Samuel in Verzückung verfällt — für uns wiederum ein Buch mit sieben Siegeln! Sicher aber leitete Samuel auch von seiner Abgeschlossenheit aus die Fäden, und es war wohl sein Werk, daß David, mit dem er gewiß in geheimer Derbindung stand, an den königlichen Hof kam, um sich für seinen künftigen Berus allseitig auszubildcn. Fassen wir nun Alles;usammen, so ergiebt sich, daß es besonders;wei Grundzüge in dem Charakter Samuels waren, von denen sein Denken und Schaffen getragen wurde: seine sittliche Hoheit und seine unbeugsanie Energie. Zn jener wurzelte sein nur auf das Erhabene gerichteter Sinn und seine überall hervorretende Selbstlosigkeit. Ihr entstammte sein tiefer Widerwille gegen äußeren Glanz und sinnenbestrickenden! Schein; sein unauslöschlicher Haß nicht nur gegen offenen Abfall, sondern auch gegen werkheiligen Formcndienst ohne sittliche Grundlage. Aus seiner Energie hinwiederum entsprang das unablässige Strebe», auch Anderen das Ideale zugänglich zu machen; die selbstverläugnrnde Hingabe, das Volksleben zu läutern und zu vergeistigen: die unermüdliche Ausdauer in seinen Versuchen, das Gemeindcwohl zu fördern

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