Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 1 (1872)
- Issue
- N° 24. (18.12.1872)
- Date
- 1872-01-01
- Page
- Seite 94 (sequence 2)
- Language
- German
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94 darauf an, durch die monarchische Verfassung, die bis jetzt bestandene Regierungssorm lbeokratischeu Charakters so wenig, als möalich zu entkleiden. Au dem Ende sollte dcmKömge nur die Kriegsführung zustehen, so daß er gewissermaßen nur an die stelle der früheren Richter trat. Und selbst von dieser Bcüigniß, sollte er nur aui göttlichen Befehl (Gebrauch machen, wodurch er schon dem Propheten, als dem Verkünder des göttlichen Willens, untergeordnet war. Es durste also der z» ivählende König auch keine Stellung, nicht nnr keine hervorragende, sondern überhaupt keine selbstständige, im Volke einnehme». Er mußte vielmehr noch unter väterlicher Gewalt stehen, damit er sich willig einer anderen Macht untfrorlj|e und auch stets eingc denk bleibe, wem er seine Erhöhung zu verdanken habe. Gleich: zeitig mnßtc er ein stattliches Aeußcrc und ein kriegerisches Aussehen besitzen, um den Massen zu imvoniren. <^>!> Zufall führte denn auch einen Jüngling, der dieser Anforderung »ach alle» weiten entsprach, in das Hans des Propheten- Er wurde von diesem mit Auszeichnung behandelt, aus seinen künftigen 2tanb vorbereitet und in geheimer Unterredung für seinen späteren Beruf iiittniiit. Beim Abschied gab ihm der Prophet gcheimnißvolle Weisungen, die wohl für uns »»lösbare Räthsel sind, die aber jedenfalls darauf berechnet waren, den schlichten Laiidiiia»» i» die Mnsierien der Prophetenschnle einzuweihcn, um ihn auch sür Höheres und Ucbersinnlickes empfänglich zu machen. Damit aber der Gruiidzug der ursprünglichcn Verfassung im S'cwusiiscin des Volkes nicht abgeschwächt werde, mußte derselbe zur prägnanten Anschauung durch den Wahlmodns gebracht we.den. 'Also nicht durch Volksabstimmung, sondern durch das Loos, mithin gewisser-! matzen durch göttlichen Orakelspruch wurde die Königswahl vollzogen. Das Volk jauchzte, wie immer, wenn es seinen Willen durchsetzt, gleich viel ob zum Heile, ob zum Verderben! — bis aus Einige, ebenfalls wie immer, gewiß die Ehrsüchtigen, die Alles angezettelt haben und nun mißmutbig sind, weil sie sich in ihren Hoffnungen betrogen sehen. Aber eine , von dem neugewählten König vollbrachte glänzende Waffen | that legte auch diesen schweigen aus, und der Sieggetrönte > wurde nun vom ganzen Volke als König bestätigt — also ׳ die göttliche Wahl gewissermaßen vom Volke sanctionirt. — j Allerdings eine merkwürdige Umkehr konstitutioneller Usance. — Nun waren es gar weihevolle Abschiedsworte, die Samuel! an das Volk richtete. Er weist ans sein hohes Alter und seine langjährige Thätigkeit hiit und fügt mit ganz besonderem! Nachdrucke hinzu: ״Und meine Söhne, sic sind mit (?udi,־' j d. h. sie sind Euch gleichgestellt, wodurch er die Verdächtigung, als hätte er seine Söbne als solche bevorzugt, zurückwies. Wenn er dann Acugniß vom Volke fordert, ob ihn Jemand einer Gcwaltthat oder auch nur einer eigennützigen Handlung zu zeihen vermag, lo folgt er nur dem mächtigen Herzenszuge aller gediegene» Naturen, sich selbst und der öffentlichen Meinung beim Abschlüsse eines thatenreichcn Lebens Rechenschast abzulegen, um sich einerseits vor Selbsttäuschung zu bewahren, und andererseits ihr Andenken vor übler Nachrede zu schützen. Endlich führt er dem Volke wiederum die Größe seines Vergehens, einen König verlangt zu haben, während doch der Ewige sein König sei, in strengen Worten zu Ge' müthe. Als sich aber das Volk reumüthig zeigt, geht er wieder zur Milde über und scheidet dann beruhigt und ausgesöhnt von demselben, so daß das frühere Verhältniß wiederhergestellt war. Desto ungünstiger gestaltete sich aber -das Verhältniß zivischcn ihm und Saul! An einem Kampfe mit! den Philistern unterfing sich Saul in der Abwesenheit Samuels 1 das vor der Schlacht übliche Opfer darzubringcn Darüber gehr ihn der Provhet hart an und läßt sich durch des Königs Rechtfertigung, so stichhaltig sic an sich war, nicht beschivichtigen, weil Gott unbedingten Gehorsam verlangt. Da er aber diesen!.icht beobachtet, habe er den dauernden Bestano seines Königthums verwirkt. Es sollte aber noch schlimmer kommen.' Gegen einen alte» Erbfeind, der Israel schon ans seiner Wanderung durch die Wüsie heimtückisch anfiel, um n aurzurcibcn, ׳'o!l:e ein Vertilgungskrieg unlcrnominc» werden und Nichts, selbst das Vieh nicht, verschont bleiben. Denn nicht um Veuic zu machen, sollie Nrieg geführt werden, so» der» Israel sollte blos für die Gollesidce kämpfen gegen die, welche hinicrhüllig ausilaucrnv, ans die Vernichtung derer ausgingen, in deren Mitte die einheitliche Gollcsidcn eine Siättc gesunden bat. Auch jede Art von Kricgcsruhm sollte ansgeschloffcn bleiben und gegen Niemand mitleidige Schonung geübt werden. 7enn wo es sich um die Erhaltung einer ewigen Wahrheit handelte, mußte Alles unschädlich gemacht werde», ivas diese gefährden konnte. So Samuel; ganz an dcrs Saul. Dieser lonnle trotz der empfangenen Weibe di- Namr seiner Abstammung nicht vcrläugnen und vermochte si» nicht zu dieser idcali'tischen Äussafiung der Krirgssührniig zu erheben. An seiner beiaiigenen Anichauungsivrisc sab er in dem Kriege nur die reale Seile. Krirgesruhm und dtricgebeute. So standen sich nun Realismus und Idcalis mii s einander gegenüber und bei solchen schroffen «Rgensätzc» konnte der Knnflict nicht ausbleibc». Ter nisticalc Sani konnte es nicht über sich geivinncn, praanvolles Mastvieh der nutzlosen Vernichtung preis zu gebe» und verschonte cs. Der kriegerische Saul hinwiederum glaubte durch llebung ritlcriichel Großmntb gegen einen tapsern Gegner seinen Kricgcsruhm zu erhöhen und begnügte sich, den Besiegten als hohen Ge sangenen heimzusühre». Und so wenig Verständniß zeigte er für den höheren Zweck dieses Krieges, daß er beim ersten Ausammentrefieii mit Samuel mit einem gewisse» Selbstgefühl demselben die Ausführung des göttlichen Befehles verkündigte. Aber mit schneidender Ironie trägt ihn dieser, ivas den» das Schafgeblöke und Rindergebrüll zu bedeuten habe. Da inerktc er denn doch, daß er nicht ganz i»! Sinne des Auftraggebers gehandelt habe, niid juchte sich dadurch zu rechtfertige», daß er bloß auf Verlangen des Volkes das beste Vieh zum Opfern verschont habe. Also schon damals und dieser früher schlichte Landman,1 verstand es, eine von ihm begangene, jedenfalls aber doch eine von ihm m i tbcgangenc Schuld von sich ab und dem armen Volke aufzuwälzcn. — So ähnlich sind oft 1 uie noch so jen! von einander liegenden Zeilen. — In einer 1 feinen Wendung aber (Sam. 15, 17) erinnert Samuel ihn J an seinen früheren geringen Slano und seine jetzige hohe Stellung, hält ihm vor, daß er^en Zweck dieses Krieges nicht mißverstehen dnrftc, da er nilD einem gewöhnlichen Feind, sondern einem verstockten Sünder gilt, der eine fortwährende Bedrohung Israels und seines Glaubens ist und daher mit Stumpf und Stiel ausgerotter werden müsse, und geißelt schließlich in den härtesten Worten die Beutegier des Königs. Dieser versuchte es noch einmal sich von jeder Schuld frei zu machen, aber der Prophet ist unerbittlich. In den! Ungehor sam liege schon, erklärt er ihm, götzendienerischer Abfall, also eine Verwerfung Gottes, und darum habe auch Gott ihn als