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Das jüdische Literaturblatt · 1872-01-01 · N° 23. (4.12.1972) · p. Seite 91

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Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
1 (1872)
Issue
N° 23. (4.12.1972)
Date
1872-01-01
Page
Seite 91 (sequence 3)
Language
German
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91 nur einen Vorwand zu suchen, seinen innigsten Gefühlen ein [ wenig Luft zu machen? Kann er denn wirtlich von all diesem | hl. Wunderkram so überzeugt sein, wie er sich den Anschein! gibt? Doch wer weiß: Der Judenhaß vermochte von jeher! viel, und warum sollte er nicht auch einmal einen mecklen-; burgischcn Seminarlehrer bis zur Lächerlichkeit blind machen; können! Indeß, es sei dem, wie ihm wolle, wir müssen dem Herrn Rede stehen. —; Aus Achtung vor de»! Christenthum haben wir diese ׳ blutigen Verfolgungen der Juden während des Mittelalters! als entsetzliche Ausschreitungen schändlicher Vertreter der christ-! lichen Kirche betrachtet. Wenn jedoch der Geschichtsschreiber! die Entwickelung ״mittelalterlicher Frömmigkeit" von den Strömen jüdischen Blutes gefördert sieht, so erinnert uns diese ״Frömmigkeit" etwas stark an die ״Rel'.gionsgcbräuche" der Aschantis, die bekanntlich ihren Göttern uud Todten Ströme Menschenblutes weihen; und es wirb uns in der Gesellschaft dieses ehrenwerthen Herrn in d^!!bat recht unheimlich zu Muthe. Wie dem Geschichtsschreiber aber die wahre Frömmigkeit fehlt, so scheint er auch aller Geschichlstenntniß, soweit diese das Mittelalter und die Juden betrifft, baar zu sein. Für ihn sind die Juden die Wegelagerer und Veutelschneider des Mittelalters, die jeden ehrlichen l'hristeiimenschen, der des Weges zieht, seiner Baarschast berauben und ihn obendrein seines Glaubens wegen verhöhnen und maltraitiren. Die Juden, so möchte der ehrenwerthe Mann uns gerne glauben machen, waren es, die dem Mittelalter den Stempel der geistigen und sittlichen Verkommenheit aufgedrüctl. Er weiß in seiner frommen Einfalt nichts vom Organ seiner Kirche um diese Zeit nichts von der Gemeinheit und Verworfenheit, in der die Ge - , sammtgeistlichkeit, wie in einem schmutzigen Schlamme sich wälzte, nichts von deren Unsittlichkeit mnd Unzucht, die zu schildern unsere ,Feder sich sträubt. Er kennt nicht die Entartung und Unmenschlichkeit der damaligen christl. Welt; nur von ihrer ״Frömmigkeit" weiß er zu fabeln. ״Als Ungläubige j als Lästerer und Feinde des ״Herrn", wähnen Sie, Herr 1 Geschichtsschreiber, ״halten die Juden a» und für sich keinen! Anspruch auf Duldung." Wer dachte denn in der damaligen; Christenheit an seine» ״Herrn"? Nein ihrer Keuschheit, ihrer Eittenreinheit, ihrer Goitergebeicheit wegen wurden die Juden . verfolgt, gefoltert und in den Tod gehetzt, daß auch die Steine sich hätten erbarmen mögen. Die Lasterhafttgkeit war es, die über die fromme Unschuld zu Gericht saß und sie in ihrem eigenen Blute zu ersticken suchte > Auch dieser Geschichtschreiber macht den Inden ihren Handelsgeist zum Vorwurf, raiürlich auch ohne bedenken, daß nur ihre Todfeinde es waren, die diesen Geist in ihnen er zeugt und genährt haben. Wie anders etwa sollten die wie gehetztes Wild Umherirrenden ihr Leben fristen? Wie anders l sollten sie die ״reichen Steuern" erschwingen, die sie dem Fürsten dafür zahlen mußten, daß sie nicht jeder ohne Weiteres todtschlagen dürfe? Doch dies kümmert ja große Geister nicht, und ebenso auch nicht unfern liebenswürdigen Herrn, der es für seine Person schon gerne gesehen Härle, wenn die Juden diesen Handelsgeist nicht besessen hätten, dessentwegen sie allen׳ falls von den Fürsten noch geduldet wurden. Er sindet diese gedrückte Lage so recht selbstverständlich, und »m sie auch in den Augen der Mitwelt einigermaßen zu motiviren, schleudert er in der ehrlosesten Weise den Unglücklichen den Vorwurf des Betrugs in's Antlitz. Aber sagen Sie doch, Herr Seminarlehrer, fällten Sie in Ihrer pädagogischen Laufbahn noch niemals Veranlassung gehabt haben, über das wichtige Them» ״Menschenrecht und Menschenwürde" nachzudenken? Mt welcher Stirne können Sie aber zum Hohne unsres heutigen Begriffes von ״Anstand" und ״Billigkeit" mit der Ehre einer Nation, der Sie schließlich doch nichts anhaben können, wie mit einem dummen Prügeljungen umspringen? So etwas mögen Sie, wenn Sie doch einmal als mecklenburgischer Seminarlehrer nicht umhin können, allenfalls Ihren Zöglingen in der Schulstube einreden, jedoch einem Publikum es zu bieten, heißt es beleidigen, wengleich es nur ״die Juden" angeht. Kann aber denn überhaupt hier von Betrug und Uebervortheilung Seitens der Juden ihrem Herrn gegenüber die Rede 'ein? Was ward denn aus jenem Schutze, den die Juden erst erkaufen mußten, als hätten sie an und für sich keinen Anspruch auf Recht und Gerechttgkeit. wenn ein von einem geistlichen! Unmenschen fanatisirter Pöbelhause über die Wehrlosen herfiel? Konnte der ״Herr" dann noch schützen? und wenn er er konnte, wollte er auch immer? Wer waren aber dann die! Uebervortheilten und Betrogenen!? Schauen Cie mir, nun, Verehrenswerther! auch nicht j so scheelen Blickes auf die Reichthümer der Juden, wenn diese j auch schon das Glück hatten, mit dem Leben davon zu kommen. Was der Staatsseckel übrig gelassen, das raubten ja bekannt- ׳ lich die ״frommen" Juden am Wege. Klingt es aber nicht vollends wie Hohn, wenn der Geschichtschreiber die Juden ihrem ״anerzogenen, ja angebornen Christenhaß" durch Verhöhnung, Spott und Verlockung zum Abfall Luft machen läßt? Wahrlich, es will uns scheinen, als ob der Seminarlehrer im Vollgefühl seiner ohnmächtigen Bosheit noch die Geißel seines faden Witzes schwingen wollte, um den Effect ivo möglich noch zu steigern Aber lassen Sie, geehrter Herr, Ihre ״mittelalterliche Frömmigkeit", die in majorem äsi gloriam sich zum Schlimmsten bereit finden läßt, einen Augenblick bei Seite und hören Sie! Israel waren seine religiösen Feinde und unmenschlichen Gegner niemals ein Gegenstand des Hasses, selbst nicht in der Epoche der ״Folter und Scheiterhaufensie waren ihm nie mehr als ein blindes Werkzeug in der Hand der Vorsehung, für die es selbst in den bittersten Nöthen noch ein mitleidiges Lächeln bewahrte. Halten Sie aber das für Verhöhnung Spott und Verlockung zum Abfall, daß die Juden den Tod noch erträglicher fanden, als einen Glauben, der wie eine Lüge sie auwiderle; daß sie mit ihrer reinen Gotteserkenntniß selbst vom Echeilerhausen aus über die Diener der Kirche als eine Rotte Henkersknechte triumphirten; daß sie in ihren frommen Gebeten und hl. Gesängen laut den Abfall von Un- Menschlichkeit und Gotteslästerung verkündeten: so haben die Juden allerdings sehr oft das Christeuthum verhöhnt, sehr oft ein böses Beisviel zum Abfall gegeben. Doch dies belieben Sie ja Trotz, Hartnäckigkeit und Verstocktheit zu nennen. Wenn aber dies Verstocktheit und Hartnäckigkeit ist, dann ist Hartnäckigkeit und Verstocktheit eben eine Tugend, und wir Juden sind nun einmal stolz auf diese Tugend unseres Lottes und werden sie uns nie von Ihresgleichen, Herr Seminarlehrer, verkümmern lassen. — Und noch ein kurzes Abschiedswort. Sollten Sie, Herr Geschichtichrelbei, wieder einmal in den Fall kommen, vaterländische Geschichte zu treiben, wobei sich Ihnen gewiß wieder

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