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Das jüdische Literaturblatt · 1872-01-01 · N° 23. (4.12.1972) · p. Seite 92

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Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
1 (1872)
Issue
N° 23. (4.12.1972)
Date
1872-01-01
Page
Seite 92 (sequence 4)
Language
German
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י % Gelegenheit bieten dürfte, über die gedrückte Vage der Juden zu sprechen, so suchen Sie diese nicht durch lächerliche Ausfluche, wie durch Hostiengeschichten, abzuschwächen, noch viel weniger vermittelst unverschämter Verdächtigungen der Gedrückten als ״selbstverständlich" hinzustellen und ein altes Unrecht durch ein neues wieder gut zu machen. Es ist diese Handlungsweise mindestens lächerlich und unedel, um von der׳ Ungerechtigkeit, die selbst ״zur größeren Ehre Gottes" nicht verletzt werden darf, gar uicht einmal zu sprechen. Gehen Sie gefälligst der Sache immer etwas ttefer auf den Grund; bekennen Sie offen, daß es stets nur der blinde Judenhaß war, der die christl. Welt gegen einen unschuldigen Bolksstamm aufbrachte, der nichts weiter verschuldet, als daß er seinen einig-einzigen Gott nicht verleugnen konnte. Grstehen Sir dies, und wir werden Ihre Schamröthe immer zu würdigen misten; denn wir begreifen, wie schwer Ihnen dies von Ihrem Standpunkte aus fallen muß — wer wühlte auch gern in seinen eigenen Eingeweiden! — aber der Wahrheit die Ehre! — Lileralurberichl. <Leß««>», vr. Aus Vergangenheit und Gegenwart. Jüdische Erzählungen. Berlin, Louis Gerschel. 1872. Es geht eine dunkle Sage durch die Lande, daß H. Ihr. Lehmann bevor er Schwiegersohn, Rabbiner und Redakteur in Mainz geworden, in Berlin Posten für das Wallnerthcater geschrieben habe, daß dieselben jedoch von der Direction dieser Bühne seien zurückgewiesen worden. Da es nicht unser Beruf ist, die acta Sanctorum unserer Orthodoxie kritisch zu sichten, so können wir Grund oder Ungrund dieser Sage unerörtert lüsten, nur die eine Bemerkung sei uns gestattet, daß ein künftiger Biograph dcS ״Mainzer Heiligen" für beide Behauptungen, sowohl sür die Abfaffung wie für die Abweisung der erwähnten Posten, in den vorliegenden Erzählungen treffliche Anhaltspunkte finden ivird. Wie die Postendichter verschmäht auch H. Lehpiann die drolligsten Combinatione» nicht, um einen Knalleffekt zu erzielen und offenbar sind ihm die Ritteruitd Räuberromane »die Muster gewesen, nach denen er sei» novellistisches Talent bildete. Jndeß, cS wäre eine eifeie Täuschung, wollten wir glauben, daß solche Producte keinen Absatz finden; sie kommcn wxjt mehr als bcsterc Leistungen dem Bedürsniß eines zahlreichen Publikums entgegen — wir erinnern nur an den Verlag von Werner Große in Berlin, der in solcher Sensationswaare arbeitet —; es ist bekannt daß Romane wie ״der rothe Husar oder ״der Dolch des Tyrannen" und ähnl. ihren Absatz nach Hundcrtausendcn zählen. Eine Erzählung, daß ein Iudenknabe Papst geworden und dann wieder vom Thron gestiegen und Rabbi in Mainz und endlich Märtyrer ge: worden sei, klingt uns wie eine ״Bubemaaße"; aber Referent ivriß, daß in den Rheinlanden geradediesen ״Maaßes" der ״Israelit" viele Abonnenten verdankt.- Hrn. l)r. Lehmann ist! cs um so weniger zu verargen, daß' er diese Art von Schrifti stellerei treibt, weil ja ihm dieselbe nur ein ״Mittel" zur Ver-! breftung seiner religiösen Meinungen ist, und vielleicht weiß er cs selbst, daß die Aesthctik von seinem Werke sich abwcndct; aber ihm ist daran wenig gelegen, wenn nur die Zahl der Gläubigen sich mehrt. Jedoch zu ,oelchen Glauben will denn der Vers, uns eigentlich bekehren? Hier einige Proben aus dem Buche. Allen Ernstes eilirt Herr Lehnzann das Witzwori, welches von den Anmerkungen des stj'ma zuweilen gebraucht worden ist, תורת משדי אמת und vindicirtden SatzuitgeudcsR. MosesIsserles, . welche oft nicht einmal im Talmü'd, sondern nur im Herkommen ihre Wurzel haben, dieselbe Heiligkeit nzie der mosaischen Lehrr. Wir fragen, ist das Fömmigkeit oder AlaSphemjc? S. 2, sagt Hr. Lehmann, ״ißr müßtet. Euch schämen, daß-ihr von Sokrates, von Aristoteles, von Lcibnitz und von HumHoltw, und nicht von Sab- ^athai Eohen zu erzählen-wißt." Nun,«auch wir beklagen es, daß der Name des ״Schach" ש־׳ך'' vielen Inden ein fremder Klang ist: aber wird nicht der große TaluiudheroS fast lächerlich gemacht, wenn er dem oderncn Geschlecht in eine Reihe gerückt wird mit den höchstragcnden Häuptern aller Wistenschaft überhaupt? In einer anderen Erzählung berichtet uns der Vers, von einem ftommen Elternpaar, welches die Hochzeilsfeier ihrer einzigen Toch er mied, weil diese einem ftrisinnigen Manne ihre Hand geschenkt harte. Und dabei hatten die Eltern eingewilligt, und der freisinnige Ehchcrr gestattete seiner Frau nach jüdischer Sitte zu leben. Wo in aller Welt trifft man unter Juden eine solche Lieblosigkeit? und wäre sie nicht, wenn man sie träfe, des härtesten Tadels werth? UnS scheint nur im Kopse des vr. Lehmann spucken solch intolerante Wesen, dir am höchsten Feste ihres Kindes schmollen und grollen, statt durch ihre Liebe das Kind an den elterlichen Glauben zn feffeln. Es ist das traurige Loos des Fanatismus, daß er, zumal in unfern Dogen, mehr einrrißt als fördert und durch diesen nachtheiligen Einfluß selbst zu Zweifeln an seiner Ehrlichkeit herausfordert. 2. Jork, vr. M. Jsr. Gebetbuch für die öffentliche Andacht rc. Mit Benutzung des . . Geiger'schen Buches neu bearbeitet. 2 Theile. Berlin 1872. lKortjepung.) Es wird niemand hier einen Bericht über genaue Collatton des älteren Geiger'schen mit dem neuen Iorl'schen Buche erwarten. Aus dem Angegebenen ergiebt sich bereits, daß letzteres eine Resorn! des crsteren, im buchstäblichen Sinne eine Rückformung, darstellen wird. Es will sich dem alten Siddur wieder mehr annähern, um denjenigen Betern, welche sich von den altgewohnten Formeln nicht lossagen mögen, den Gebrauch des neuen Buches bequemer zu machen. Das ist nun zumeist und zunächst in der Weise geschehen, daß Altes und Neues zum beliebigen Gebrauche neben einander gedruckt ist. Das Erpediens ist freilich nicht neu. Auch waS darüber in der Vorrede gesagt ist, ist nicht neu; es ist dort ausgeführt, daß die fundamentalen Gebetstücke nur aus Schma mit den Segenssprüchen und der Tefilla bestehen; an «rsteren sei nichts zu ändern, — ausgenommen והביאנו לשלום — letztere brauche nicht zweimal und nicht ganz laut gesprochen zu werden, so sei ״die Hülfe nahe," die Differenzen liegen wesentlich in den Stücken, welche leise gebetet werden können, und da könne ja jeder sprechen, was ihm convenirt. Es ist indeffeu auch manches von Geiger Gestrichene restituirt, so namentlich was sich ans die Akeda (ועקדת יצחק;שנעקד ע״ג המזבה) und Jerusalem bezieht, welches letztere Geiger als Hadrian II. mit wahrer Wuth überall, wo es nur möglich war, getilgt hatte. So lesen wir bei I. wieder: הפורס י י י ועל ירושלים יעיר קדשיך ׳ירושלם עירך♦ Desgleichen ist die י Stelle להעביר נלולים rehabilitirt, welche Geiger in seiner übergroßen Scheu, Israel irgend einen geistigen Vorzug auch nur vor Aschanti's zuzuschreiben, gestrichen hatte. Dagegen hat I. denjenigen Stücken der Tefilla, welch« Geiger entweder durch Wcglaffung einzelner Worte oder durch Umarbeitung eine neue Faffung gegeben hatte, überall eine abermalige Umgestaltung zu Theil werden lasten. Kaum eine Zeile ist der Geiger'schen Faffung gleich. Hier und da wird man annehmen müssen, daß I. Neues bieten wollte, z. B. in dem ב״נ ersetzenden בל פשעי, im Ganzen aber muß anerkannt werden, daß er die betreffenden Stellen nach einem Grundgedanken consequent überarbeitet hat, während Geiger hierin an Inconsoquenz Unglaubliches geleistet hatte. Während sonst jede Erinnerung an die Opfer möglichst ausgclöscht ist, betete Geiger im Mussaph: ״mir werden die Opfer bringen," von den Vorbedingungen: Erbauung des Tempels u. s. w., ist aber bald nichts, bald mehr, bald weniger erwähnt. Die Ioel'sche Faffung schließt sich inhaltlich überall der des Hamburger Tempel-Gebetbuchs an. Seltsam ist es, daß G. wie I. den Pijutim gegenüber die gewiffenhafteste Tcrttreue beobachtet haben. So ist die Strophe מדת הרחמים buchstäblich in der alten Form gelassen, ebenso einige Strophen in dein י״נ מדות♦ Ist der Literarhistoriker und Critiker hier mit dem Gebetbuchreformator durchgcgangen, oder hat man zeigen wolle», daß auch die wenigen übriggelaffenen Pijutim nichts tauatni Sint ut sunt etc. (Tchlllb smg>-- Druck und Verlag der Hosduchdruckerei von Earl Friese in Magdeburg.

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