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Das jüdische Literaturblatt · 1872-01-01 · N° 22. (20.11.1872) · p. Seite 87

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Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
1 (1872)
Issue
N° 22. (20.11.1872)
Date
1872-01-01
Page
Seite 87 (sequence 3)
Language
German
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87 Herzog Magnus und viele Geistliche kamen nun dorthin «ur Untersuchung. Die Hostie wurde ausgegraben, und das weitere Verhör stellte den Sachverhalt heraus. Die Ueberführten wurden zum Tode verurtheilt und 25 Männer und 2 Frauen auf dem sogenannten Judenberge bei Sternberg verbrannt, nachdem sie alle den Ausweg in den Schooß des Christenthums verschmäht. Sie starben festen Muths und hauchten unter heil. Gesängen ihr t'ebeii aus. Als der Herzog einen frug, warum er nicht Christ würde, antwortete er freimüthig: ״Edler Herr, ich glaube an den Gott, der Alles kann und Alles geschaffen hat, an ihn, dessen Verehrung unseres Volkes Vater Abraham und sein Sohn Isaak und unsere andern Vorfahre», ivelchr nie von unserem Glauben abgrfallen sind, geboten haben. Er, so glaube ich, ließ mich Mensch werden und Jude. Hätte er mich zum Christen haben wollen, so hätte er mich nicht meinem heiligen Bekenntnisse gugewandt. Wenn es sein Wille gewesen wäre, hätte ich Fürst sein können, wie Du!" — Auch der Priester wurde unter vielen Qualen zum Richtplatz geführt und dem Scheiterhaufen übergeben. Eleasar war entflohen. In Folge dieses Ereignisses wurden die Juden aus Mecklenburg vertrieben. Erst um 1650 finden sich solche wieder daselbst ein, und in Sternberg selbst erst um 1769. — Journal-Revue. Zur Charakteristik des jüdischen Volkes. (Schluß des ersten Artikels.) Treten wir in eines dieser Häuser. Dir Hausflur ist so finster, daß nur Eingeweihte fich darin zurechtfinden. Wir öffnen eine Thüre, ein widriger Dunst schlägt uns entgegen aus einem kcrkerähnlichen Teinache, dessen schmutzige Wände von Feuchtigkeit triefen, der Fußboden, aus gestampftem Lehm, ist durch Kreidestriche in etliche Quadrate getheilt, deren jedes die Wohnung einer Familie vorstellt; da sitzen denn oder liegen in Lumpen gehüllte Weiber und halbnackte Kinder umher, und jedes muß sich hüten, seine Grenze zu überschreiten, da dies den energischen Protest des bceinträgten Nachbars zur Folge hätte; an den Wänden stehen einzelne verkümmert aussehmdc Männer verschiedensten Alters umher, es sind — Zimmerherren, sogenannte Hofier. In einer Ecke des Zimmers steht der gemeinschaftliche Herd, jede der Familien hat das Recht einen Topf darauf zu stellen. Seid ihr neugierig zu sehen, was darin brodelt und kocht? Bah! seht nicht hinein, es würde euch grauen von was für Dingen Menschen leben. Das Leben dieser Unglücklichen ist eine Kette von Ent: behrungen, ein aufreibendes, verzehrendes Ringen mit der Noth, und der einzige Sonnenblick, der in dieses Düster fällt, ist der Sabbath. Da reinigt der Jude sich und sein Haus von dem Schmutze der Woche; da kleidet er sich in das einzige erträgliche Gewand, daß er sich je erwerben konnte; da wird das einzige gute Gericht aus den Tisch gesetzt, das der Erwerb der Woche gestattet, oder das er vielleicht der Mildthätigkeit seiner reicheren Glaubensgenossen verdankt; da zündet er die Lichter an, die ihm sonst ein entbehrlicher Luxus sein müssen, und mit erhobener Stimme singt er im Kreise der Seinigcn das alte Lied von der Braut, bi« da einziehen werde in Jerusalem, von dem Messias, der ihn zurückführen werde in das gelobte Land — eines menschenwürbigen Daseins. ^2 ist wahrhaft betrübend, diesen Jammer, dieses Elend zu sÄhen, und an dessen Folgen: die Lockerung der Grundsätze, dir moralische Versumpfung, das Haschen nach Gewinn um jeden Preis, zu denken, und man dürste wohl nicht irre gehen, wenn man die Hauptursache dieser trostlosen Zustände in der Selbst- Verwaltung des Kazimiez sucht, unter deren Schutze die krassen veralteten Vorurtheile wuchern, welche die Entwicklung dieses lebens- 'fähigen, begabten Volkes in größerem Maße beeinträchtigen, als dies die feindseligste Unterdrückung vermocht hätte. Der Heranwachsende Knabe tritt aus der Schule ohne jede Kenntniß, die ihm im Leben nützlich sein könnte; etwas Talmud und viel Verschmitztheit(!) ist alles, was er als Frucht seiner Studien mitbringt. Nun wird er in die Anfänge des Handels eingeweiht, und da nur ein kleiner Procentsah in sreniden Geschäften ' eine Anstellung findet, ist der junge Mann genöthigt, auf eigene Faust zu arbeiten, und all seinen Witz aufzubieten, um sich seinen Lebensunterhalt zu erwerben. Mit 15 oder 16 Jahren heirathete er ein Mädchen, das ihm vielleicht schon seit 5 Jahren verlobt war, das er aber vor dem Augenblick der Trauung nie gesehen hat. Was ihm seine Frau mitbringt, ist nicht der Rede werth. Eine ״polnische Mitgift" verpraßt mancher junge Lebemann bei einem ftöhlichcn Souper. Ehe der junge Ehemann 20 Jahre zählt, hat er eine Schaar von Kindern um sich, die nach Drob schreien. Wir da leben? Und leben will er, der Unglückliche, er hängt an dem Leben, das er bisher nur von der düstern Seite kennen gelernt. Er wird also ״Factor," das ist Bmnittlrr für alles und jedes. Doch nicht immer bringt er eS soweit. Ein Handwerk hat er nicht gelernt oder ist auch zu schwächlich um es auszuüben, und so wandert er denn oft mit Weib und Kind — hinaus in die Welt, um zu betteln und zu handeln, und, Dank seiner zähen Ausdauer, gelingt cs ihm oft sich emporzuschwingen, während indeß ein großer Theil auf dicsm Irrfahrten durch die Welt zu Grunde geht. Allgemeine Schul- und Wehrpflicht würden vielleicht, energisch durchgcführt, einen frischen Zug in diese vermorschten Zustände bringen; der civilisatorische Einfluß der Schienenwege hat sich hier ohnmächtig erwiesen, denn dieses Volk hängt so fest an seinen einbalsamirten Borurtheilen, daß es sich niemals fteiwillig von ihnen trennen wird. Das beweist auch der geringe Gebrauch, den eS bisher von der Freiheit, sich in allen Theilen der Stadt anzusiedcln, gemacht hat. Auch diejenigen, welche ihren Erwerb ausschließlich in der Stadt finden, könnm sich hierzu nicht entschließen. Da stehen sie denn, jahraus — jahrein allen Unbilden ves Wetters preisgegeben, auf der Straße und rufen die Borührrgchmden an, von denen sie oft ziemlich derb gehänselt und geneckt werden. Etwas Eigenthümliches ist es aber, die Juden in ihre» Festlichkeiten und Trauergebräuchen beobachten zu könnm. In jenen von Judm bewohntm Stadtthrilm, in denm sich die Sitten und Ucberlieferungcn früherer Jahrhunderte noch unverkümmert erhaltm haben, sieht man z. B. an dem Vortage des Jomkippur, des Versöhnungstages, Männer mit dem AuSsehm der Verurthciltm, die der Vollstreckung entgegengeführt werdm, scheu durch die Straßen schleichen, den Kopf gebeugt, den Blick gesenkt, abgewendet von allem irdischm Thun und Treiben. Die Läden sind geschlossen, aller geschäftliche Verkehr ist aufgehobm, die Erde abdicirt zu Gunsten des Himmels für die Dauer von 36 Stunden. In solche Ehrfurcht hat man den Jomkippur gekleidet und ihn mit solchm Schrecknissen umgeben, daß er jetzt nach Jahrtausenden noch in ungeschwächtem Ansehen steht, ein Gigant aller Feiertage, ein unvergängliches Monument anttker Gesetzgebung, das auf Erden wurzelt und in den Himmel ragt! Vom Lager eines sterbenden Judm werdm die nächstm Anverwandtm entfernt, damit sich dir scheidende Seele leichter aus dem Körper trenne. Zehn fremde Männer treten an's Bett um ihre lautm Gebete dem aufwärts steigenden Geiste nachzusmdm, die Fenster zu schließen und das verlassene Haus, den tobten Leib, auf den kalten Estrich zu strecken. Spiegel und Bilder, der Schmuck des Zimniers werdm abgmommen, die Kleider der Hinterbliebenm mit stuinpfcr, nach einwärts gekehrter Messerklinge zerschnitten — Zeichen der Trauer, wie sie der Jude aus dem Orient mitgebracht und bewahrt hat trotz Zeit und Entfernung, — zäh', wie er an allen Ucberlieferungcn und Gewohnheiten hängt: an der Religion, die er geerbt, an der Scholle, aus der seine Wiege stand, an dem Vorurtheile, init dem er groß gezogen wurde, an den Satzungen, die man ihm gelehrt, und an den Verheißungen, die man ihm gemacht hatte. Der Jude reißt niemals(!) nieder, er schass! die Ruinen nicht fort, er bewahrt sie, er umgiebt sie mit einem Wall, und pflanzt Epheu darüber — je älter die Trümmer geworden, desto heiliger sind sic ihm, desto weniger darf die Hand frevelnd daran rütteln. (Aus dem ״Ausland").

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