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Das jüdische Literaturblatt · 1872-01-01 · N° 22. (20.11.1872) · p. Seite 86

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Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
1 (1872)
Issue
N° 22. (20.11.1872)
Date
1872-01-01
Page
Seite 86 (sequence 2)
Language
German
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86 Knabe unter der unausgesetzten Wachsamkeit des Mutterauges an Leib und Geist. Als aber endlich dies scharfblickende Mutteräuge erkannte: Lehre und Beispiel haben in des Knaben Brust so tiefe Wurzeln gefaßt, daß er wohl jeder Verlockung zur Sünde widerstehen werde, da erachtete sie ihn für reif (כמל in der ursprünglichen Bedeutung), der mütterlichen Erziehung zu entbehren, führte ihn nach Siloh und übergab ihn, ihrem Gelübde gemäß, dem Priester Eli. (Fortsetzung folgt.) ״Die 3nie«“ in einem mecklenbnrgischen Geschichtswerke.*) Beleuchtet von vr. M. I. Mühlselder. Der Geist der Unduldsamkeit und religiösen Feindschaft war bis auf unsere Tage so eng mit dem Namen ״Mecklenbürg" verknüpft, das cs fast selbstverständlich ist, wenn ein mecklenburgisches Geschichtswerk diesen finstern Geist widerspiegelt unk der eingefleischte Judenhaß hier auch ״wissenschaftlich" zum Ausdruck gebracht wird. Wei.n jedoch der Geschichtsschreiber zum Anwalt mittelalterlicher Grausamkeit, zum Bertheidiger kannibalischer Mordlust sich erniedrigt; wenn er sich gar vermißt, Schandthaten der christlichen Kirche mit dem Titel ״Frömmigkeit" zu belegen; so ist dies mehr, als von seinem mecklenburgischen Charakter zu erwarten war, und es darf ihn um des Rechtgefühls willen, das hier so schamlos verletzt wird, der Vorwurf einer aller Sittlichkeit hohnsprechenden Handlungsweise nicht erspart bleiben. Vernehmen Sie, v. L., wie man ein sattsam blutgetränktes Blatt Geschichte unseres Volkes mit Gift und Galle besudelt und gleichsam wie eine fromme Lehre der Schuljugend ״ warm ans Herz legt. Wir lesen im 1. Bande des gen. Werkes S. 95 ff., in einem ״Die Juden" überschriebenen Kapitel wörtlich: ״Für die Entwickelung der mittelalterlichen Frömmigkeit, insbesondere für die Entstehung des hl. Blutes zu Güstrow und Sternberg, sind die Juden nicht ohne Bedeutung. Juden finden wir zuerst zu Parchim, während der Regierungszcit des Fürsten Pribislav (1136 —1261). Bald hatte» sie sich über die Städte, als Wismar, Boizenburg, Rostock, Warnemünde, Krakow, Güstrow und Sternberg ausgebreitet. Als Ungläubige, Lästerer und Feinde des Herrn hatten sie an und für sich keinen Anspruch auf Duldung in christl. Ländern; sie wurden aber wegen ihres Reichthums, wegen ihres Handelsgeistes und wegen der Leichtigkeit, mit welcher sie Geld, gegen hohe Zinsen freilich, anschafften, geduldet und erfreuten sich des besondern Schutzes der Fürsten, deren ״Kammerknechte" sie genannt wurden. Selbstverständlich mußten sie diesen Schutz durch reiche Steuern bezahlen. Die gedrückte Lage der Juden erhöhte bei ihm den anerzogenen, ja angeborenen Christenhaß; und nicht genug, daß er seinen Herrn betrog und übervortheilte, suchte er auch seiner Bosheit gegen ihren Glauben durch Verhöhnung, Spott und Verlockung zum Abfall Luft zu machen. Dadurch aber ward der Haß der Christen gegen die Jude», der wegen des von ihnen geübten Wuchers, wegen ihres Unglaubens und ihrer Kriecherei schon an und für sich groß genug war, noch vermehrt, und zu öftern Malen machte er sich in wüthenden Verfolgungen Luft. Judenhetzen wegen *) Geschichte Mecklenburgs von Adolf Pantz, Seminarlehrer ju Neukloster. WiSmar, Rostock, LudwigSlust 1872. angeblicher Vergiftung der Brunnen, woraus die furchtbaren Pesten des Mittelalters entstanden sein sollten, gab es in Mecklenburg nicht, wohl aber Verfolgungen wegen Entweihung der christl. Heiligthümer." Es folgt nun das alberne Märchen von der Hostienschändung, das während des Mittelalters leider an mehreren Orten Deutschlands auftauchte und immer die blutigsten Metzeleien nach sich zog. Und diese giftigen Erfindungen werden nun von dem Geschichtsschreiber mit einer Wichtigkeit und Gläubigkeit aufgetischt, als wäre er selbst Augenzeuge all dieser angeblichen Vorfälle gewesen und zittere noch die heil. Entrüstung darüber in ihm nach. Es verlohnte sich darum schon, den frommen Glaubensheiden mit der ganzen Gluth seines unheimlichen Fanatismus' in seiner eigenen Sprache Ihnen weiter vorzuführen, wenn Sie den Herrn nicht schon zur Genüge kennen gelernt hätten und ich nicht befürchtete, baß eine nähere Bekanntschaft mit demselben Ihrem ästhetischen Gefühle zuwider sein würde. Die mecklenburgischen Hostiengeschichten sind nun folgende. Im Jahre 1325 wurden die Juden zu Krakow beschuldigt, die Kirchenthüre erbrochen, die Hostien geraubt und in den Koth getreten zu haben. Zur Strafe wurden die Unglücklichen gerädert. Fünf Jahre später, im Jahre 1330, zeigte eine getaufte Jüdin zu Güstrow an, daß die Juden daselbst eine geweihte Oblate, die sie von einer Christin gekauft, in der Synagoge durchstochen hätten, wobei sich niehrere Stellen Bluttropfen gezeigt und auch eine Stimme, wie die eines Kindes, gehört worden sei. Obgleich die Untersuchung mit der Folter geführt worden, so bewirkte diese dennoch bei den Juden das beabsichtigte Geständniß nicht; nur die Christin, die angebliche Verkäuferin des Oblate, war der That geständig. Dies genügte, und mit ihr wurden alle Juden verbrannt. Nur einem, mit Namen Eleasar, sollte das Leben geschenkt werden, wenn er bekenne und sich taufen ließe. Er blieb jedoch standhaft und erlitt dann mit seiner Frau ebenfalls den Feuertod. Noch entsetzlicher war die Metzelei zu Sternberg im Jahre 1492, insofern uns noch die Zahl der Opfer mitgetheilt wird. Hier lebte ein reicher Jude, so wird erzählt, NamenS Eleasar, der die Hochzeitfeier seiner Tochter, die am 20. Juli desselben Jahres stattfinden sollte, durch eine Hostienschändung auszeichnen wollte. Zu diesem Zwecke hatte er sich zu Penzlin von einem zum Judenthum bekehrten Mönche eine geweihte Oblate verschafft; eine andere hatte er von einer Frau zu Teterow für 10 Schillinge gekauft, und noch zwei andere von einem Priester zu Sternberg gegen Auslieferung eines Pfandes erhalten, das in einem eisernen Grapen, nach anderen Berichten in dem Altarkelch bestand, und welches derselbe nicht einlösen konnte. Am Morgen des Hochzeittages wurde nun vor zahlreich versammelten Juden eine Hostie durchstochen — selbstverständlich floß auch hier Blut — und am Abend noch zwei. Da nun den Juden bange ward, so befahl Eleasar seiner Frau, die Hostien zu vernichten, was jedoch weder mit Feuer noch Waffer gelingen wollte. Als die Frau sie in den Bach zu werfen versuchte, versank sie mit den Füßen in einen Stein. Es blieb nun nichts anderes übrig, als sie dem Priester wieder auszuliefern, der sie an der Stadttnauer vergrub. In der Nacht erschien diesem ein Geist, der ihm keine Ruhließ; er mußte die Sache anzeigen. Er begab sich nach Schwerin und meldete, durch ein Wunderzeichen sei ihm offenbart, daß an der Stadtmauer zu Sternberg eine Hostie vergraben sei.

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