Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 1 (1872)
- Issue
- N° 22. (20.11.1872)
- Date
- 1872-01-01
- Page
- Seite 88 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Literaturbericht. Rereickonen. Aoet, Dr. M. Israel. Gebetbuch für die öffentliche Andacht re. Mit Benutzung des . . Gciger'schcn Buches neu bearbeitet. 2 Theile. Berlin 1672. Also wieder ein neues Gebetbuch, eine neue Bearbeitung nicht des alten, allgemein üblichen, sondern eines schon ganze 16 Jahre alten — neuen Gebetbuches. Und das ist im Hinblick auf ähnliche Vorkommnisse ein verhältnißmäßig langer Zeitraum; das für Berlin im Jahre!8(>t> bearbeitete Gebetbuch wird schon jetzt wieder ne» bearbeitet, ja man ist schon seit 2 Jahren damit beschäftigt. Es ist nichts dagegen einzuwcnden, daß von Iakr zu Aahr für Röcke und Hüte, Möbel und Gefäße neue Aal,׳ans ״aufkommet»," eü ist erfreulich, wenn Maschinen und Instrumente immer verbessert, ganz neue erfiindc» werden, aber auch von Jahr zu Jahr, ja nach Ablaüf von 10 oder auch 2t! Jahren, eine neue Religion, eine neue Fatzon für die Religion?! Cber ist das Gebetbuch, das officielle Gebetbuch für den Gottesdienst der Ge: meinde, Sidduv tefillah, (alfo nicht ein Buch für Privatandacht!) nicht ein so wesentlicher Bcstandtheil des ganzen religiösen Apparates, daß man da von einer neuen Fatzvn für die Religion, ja von einer neuen Religion sprechen dürfte? Hat ein solches neues Gebetbuch weiter nichts zu bedeuten, wie etwa ein revidirtes Gemcindestotut, ein neuer Vorhang in der Synagoge, eine andere Anordnung der Plätze, ein anderer Prediger oder Rabbiner?! Herr I)r. Joel sagt uns in seiner Vorrede, im (sultus präge sich ganz vorzugsweise der ,-,dogmatische" Thcil der Religion aus; giebt er damit nicht zu, daß ein iminer wiederkchrendcs Umarbcilen dieses doginatischcn T heil es der Religio» höchst bedenklich sein muß, sich ,mit dem EharaHmk-ckcr Religio» gar nicht verträgt?" Dein Umfange nach ist freilich der dogmatische Thcil des Gebetbuchcs der bedeutendste nicht, aber Herr I)r. I. weiß, daß seine und seines Vorgängers Bearbeitung sich inhaltlich Hauptsächlich auf das Dogmatische bezieht, er weiß, daß der Beunheiler seines Buckes, der ans demselben ja nicht beten will, sich so vorzugsweise mn das Dogmatische kümmert, daß das Uebrigc — die Aufnahme dieses, die Weglassung jenes Stückes, das Arrangement, die Uebersetzung — ihm fast nebensächlich erscheint. Da kann es denn gar nicht fehlen, daß der Beurihcilcr von vorn: herein das fortivährende Umarbeiic» der Religionsdogmcn bedenk lich, daß mancher cs ganz unzulässig findet, kurz daß cs mit dem Ncngesialien der Religion zieuilich glcichbedeutend ist: eine Reli gion aber, die alle 1 < 1 Aahre rcvidir! wird, ist offenbar nicht mehr Religio». Herr »r. Aoel ist denn auch viel z» einsichtig, als daß er das neue Gebetbuch ohne rechtfertigendes Vorwort hätte in die Welt senden sollen. Wir ivürden nun das eben Gesagte nur mit anderen Worten wiederholen, wenn wir daraus Hinweisen, daß das schon an sich ein Ueoelstaud sei. Mögen die Vorreden zu Gtaimnatikeu und Wörterbüchern, Schul- und Haudbüchcr» jed>r Ar! üblicher Weise mit den! Satze beginnen ״zur Herausgäbe dieses neuen ... . bewog!uich .,c."; bei einem Gebetbücke liegt die Sacke ja anders, (׳'ine neue Grainiiiatik giebt keine neue Sprache, ein nettes Handbuch keine neue Wissenschaft, ein nach Art des vorliegenden neues Gebetbuch aber giebt ein neues Audenthuui; ». ist dieses nicht ganz und gar neu, so ill es doch mosisieirt, soll und will ein verbessertes Andcmbuin einführen. Wir woben uns imuierhin auf den Standpunkt derjeni gen 'teilen, die eine Modisicaiion, Resortir, Verbesserung des Andenibmus iür zuiä׳'׳ig, für nothivendig!!allen aber alle paar Iait!e eine lliugesiaUung? das muß doch auch den Resormfreiiud fiutzig machen. eoh ivchien tvir hier nickt weiter üImt diesen Vitnti, der auch das vorliegende Gebelbnck nickt speeiell belrissi, höre» tvir, was deff.n Versasser sagt. ״Vas neue Gebetbuch verdankt sein Eaincbe» eine»!.Anlässe und seine Gesialumg einciu Bedültnifse." — ,,Hier kann ich schon nicht weiter sor! " Gin Vedä>,'״iß, daß läßt sich hören׳, aber ein Anlaß?! Sind ivir schon foiiifi! gUommen, daß ein bloßer?'!:laß, e ne Gelegenheit genügt, um das Entstehen eines nenea Gebetbuches zu motiviren? Der ״Anlaß" ist die Erbauung einer neuen Synagoge. Gehört zu einer neuen Synagoge ein neues Gebetbuch, als Requisit? Wie man aus ״Anlaß" eines Familienfestes sich einen neuen Frack machen läßt, wenn anch der alte cs allenfalls noch thäte, aber der Anlaß, die Gelegenheit bringt es mit sich. — Doch nein, so ist es nicht gemeint, das Bedürfuiß ist das Motiv, und dies Bedürsniß trat nur bei de», Anlaß zum Vorschein. Das Geiger'schc Gebetbuch wollte eine»! Theile der zur neuen Synagoge Inclinircndcn nicht passen, cs war ihnen zu stark reformirt, von einer Rückkehr zum uralten Siddur wollten die Anden, nichts hören, daher niußtc ein neues gemacht werden. So erklärt Herr I)r. Joel die Sache, ״nur mit ein wenig andern Worten." Nun denn, wir sind vollkommen bereit zu glaube», daß die Sache so lag, zuzugcve», daß cs dann eciitctt ander» Ausweg gab, als den bctrclcnen und somit haben wir nur darüber zu reserircn, wie der Versaffer sich seiner Ausgabe entledig« fyat■! Schluß folgt.) Hekegenheitsreden: Zwei Einweihungsrede», von Rabb. Di׳. Joel in Breslau und Rabb. Dr. Frank in Saaz liegen uns vor, die, jede in ihrer Art, als recht gelungen zu bezeichnen sind. Die Joel'schc behandelt nach einem längeren weihevollen Gebet unter Zugrundelegung der Schriflivorte Deut. 4, 29, die Bedeutung des Gotteshauses und das Mittel, diese zur Wahrheit zu machen, in geistvoller Weise. Das Charakteristische der Joel'schen Predigten, was sic so vorthcilhast von denen seines Vorgängers unterschcidei, Gedaiikeiifülle, sircnglogischc Theilung, gedrungene Kürze, elegante Diktion, finden ivir auch in der vorliegenden wieder. Sie ist klar und durchsichtig, concis und maaßvoll, Geist und Herz erhebend, und insofern ein Muster jüdischer Prediglwcisc. — Von anderem Gesichtspunkte aus behandelt Rabb. Dr. Frank in seiner Ein1veihu»gs>ede die Bedeutung des Gotteshauses. Durch die Frage: Wodurch wird dieses Haus ein Gotteshaus, ciu Heiligthmn? und die Antwort: doch nur durch das Göttliche und Heiligc, das in demselben durch Geber und ׳Predig« n״!״ Slmsbrmf kommt — getaugt er dahin, von den Hauptlchrcn des Judenihn,»« die im jüd. Gollcshausc eine Pflanzstätte finden sollen, des Ausführlichen zu sprechen. Unter Zugrundelegung sehr passendet Bibelversc bespricht er in vier ^heilen die Viebc zu Galt, 3)11n Ncbeniiieiische», zum Fremden, zur Wahrheit und zum Fri§- de», die vier Grundpfeiler des Hciligthums unserer Religio», in schwungvoller edler Ausdruckswcise. Einwcihuiigsworl und Gebet schließen das Ganze würdig ab. Wir reihen hieran einige Worte über die zur Geburtsjcier des Kaiser Franz Aosef I. vom Rabb. Dr. Perlitz in Klailau gehaltene Rede. Sic knüpft an den Psalmocrs: ״der König erfreut sich Goucs, drum rühme sich, wer treu zu ihm halt" a», feiert, ohne in den schwülstige» To» dergleichen Reden zu fallen, die Fortschritte des Landes auf den Gebieten der Geistes- und Gcwissenssreiheil unter diesem Monarchen. — ״Festrede zur k>0jährigen Jubelfeier des Oberlehrers 4'. Liebmaii» von Aierander Elsässer, Oberlehrer in Lanpheiin." Der Werth dieser Rede liegt darin, daß sic sich nicht in dein engen Rahmen der Jubel: seiet hält, sondern das reden, Webe» und Strebe» des jüdischen Lehrers überhaupt in Betracht zieht n»d einen Rück blick aus die fortgeschrittene Stellung der Anden im Schwäbischen seil den letzten 9" Jahre» giebl. Tas Büchlein, dessen Reiner--!rag zu». Besten des israel. Lehrer lInlerslül;n»gS-Vereins bestimmt ist, erhält anßeideni die Erwiederung des Aubilars ans die Feitrede, die Ansprachen und Toaste des Obe> -Kirchenvorstehers J)r. Z-ev», des Rabbiners Dr. v. Maier n. a. sowieeinige Festgedichle.!Es ist für 9 .»ircnzer durch A. Elsässer in Lanpheii» z» beziehen). Notiz. Eine der inieressaiueiten Saminlungen, die aus der Wiener Ausstellung im nächsten Jahre vorhanden sein werden, ^st die Privaibibliolhek i» orientalischen Sprachen, welche dem Sulla» Abdul Ass», gehör, und bisher keinen׳, Gelehrten zugänglich ivar. 1?»'ü!Md!!-'erlag btt Henbuchdnnlerei von <'ar! Frikie in Magdeburg.