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Das jüdische Literaturblatt · 1872-01-01 · N° 22. (20.11.1872) · p. [Seite]

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Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
1 (1872)
Issue
N° 22. (20.11.1872)
Date
1872-01-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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\ י ״ v ״ I zur 1872. Israelitischen Erscheint zweimal monatlich Wochenschrift Rr. L7. Redigirt von Zu beziehen für 1 Thlr. jährl. als Gratisbeilage Rabbiner I)r. M. Lahmer in Magdeburg. zur israelitischen Wochenschrift. durch die Eijprdition. Einzelniiminer.i » 2 Sgr. Inhalt. Wiffenschaftliche Aufsätze» Eine Charakteristik des Propheten Samuel nach seiner pädagogischen Cntwickelung und weltgcschichtlichen Bedeutung. — Die Juden in kinem mecklenburgischen Geschichtswerke. — Journal-Revuer Zur Charakteristik des jnd. Bolkes. (Schluß des ersten Artikels,) — Literaturberichtr Recensionen. — Notiz. Live Charakteristik des Propheten Samuel nach seiner pädagogischen Entwickelung und weltgcschiü iliche» Bedeutung. Daß die Bibel ausschließlich nur als Religionsbuch zu betrachten sei, als ein Buch also, das einzig und allein die Bestimmung habe, die religiöse Erziehung der Zugend zu erzielen und den gläubigen Sinn in Familie und Gemeinde zu wecke» und zu pflegen; dieser Standpunkt ist wohl ein bereits überwundener. Es gewinnt vielmehr in immer iveitcren Kreise» die Erkenutniß Raum, daß der Inhalt der heiligen Schrift richtig aufgcfaßt und sachgcniäß behandelt, ans alle Richtungen unseres Seelenlebens schaffend und veredelnd einwirkl- Ueben beispielsweise nicht schon die biblischen Charakterbilder durch naturwüchsige Frische, durch ihre psychologische Wahrheit, und wir dürfen wohl auch hinzusetzen, durch ihre plastische Stundung einen ebenso wohlthnenden, als läuternden Einfluß auf unsern Schönheitssinn ans? Und nun gar die biblische Poesie! Zwar geht ihr das rythmische Ebenmaß in der äußeren Form ab; aber die sich in ihr ausprägende Tiefe der Empfindung, der Reiz ihrer bilderreichen Sprache, die Fülle gediegener und erhabener Gedanken und enolich der begeisternde Schwung der Rede -- dies Alles geivährt dem Sachverständigen darum nicht minder einen Kunstgenuß in der edelsten Bedeutung des Wortes. Wie aber aus ästhetischem (Gebiete, so erweist sich der Geist der göttlichen Urkunde auch in der Sphäre abstrakten Denkens überaus anregend und allseitig fördernd, und gerade diese Allseitigkeit ist es, die dieser Urkundenden Charakter eines Buches aller Bücher viudizirt. Ich habe es nun versucht, dies durch eine Charakterschilderung einer der t.ervorragendsken Persönlichkeiten, des Propheten Samuel, darzuthuu und habe dabei vorzugsweise den pädagogischen nnd kulturhistorischen Gesichtspunkt ins Auge gefaßt. Den pädagogischen, weil die Erzichungsmonientc gerade dieses Gottesinannes so klar gelegt sind, daß wir dieselben bis zu seiner allerfrühesten Geburt zu verfolge» vermögen; den kulturhistorischen, weil dieser Prophet als gleichzeitiger Staatslenrcr einem politischen Ziele zustrcbte, um dessentwegen in einem viel späteren Zeitalter und auf einem ganz anderen Gebiete, freilich aber auch ans ganz anderen Mo live», so gewaltige und laugdauernde Weltkämpfc entbrannten, daß die Rachwirtungeu derselben bis in unsere Tagesgeschichte hineinragen, und gerade jetzt mir einer Behemenz auflreten, deren Lragcwcile für die gegenwärtige Boltstnltur ebenso »11erkennbar, als nnbcrccheubar sein dürfte. ES sei mir nun gestaltet, nach diesen einleitenden Worten zu den! eigentlichen F hema überzugehen. I. Ein, von ihrem Gatten innig geliebtes, von ihrer Rebenbuhlcri» aber tief gekränktes Weib sieht den heißesten ihrer Wünsch: erfüllt — sie fühlt sich Murter. Und ein Knabe ist's, dessen Geburt ihr durch des Priesters Mund verkündigt ward. Nun wir fassen wohl kaum die Glücksfülle dieser Mutter. So viel aber ist uns klar, daß es nur ein Gefühl war, das ihr frohlockendes Herz durchzog: das Gefühl der tiefsten Berehrung dessen, der ihr stilles, aber um so inbrünstigeres Gebet erhört hat; daß es nur ein Gedanke war, der ihre dankerfüllte Seele hob und trug: der Gedanke, den ihr verheißenen Sohn nur im Geiste dessen zu erziehen, der ihr so tief gebeugtes Gemüth so hoch emporgerichtet hat. Solche psychische Stimmungen einer Mutter berechtigten uns wohl zu der physiologisch begründeten Annahme, daß der Neugeborene schon, als er das Licht der Welt zum ersten Mal erblickte, einen energischen Grund von Empfänglichkeit für alles Göttliche und Sittlicherhabene in sich trug. Mit welch' unausgesetzter Sorgfalt und Hingebung aber die fromme »r.b glückliche Mutter der gedeihlichen Eiilsaltung dieses mitgebo reuen Keimes oblag, geht aus einem ganz besonders beachtendiverthen Umstande hervor; ans dem Umstande nämlich, daß sie ivährend der Erzichungszeit des Knaben ihre jährlichen Reisen nach dem Tempel zu Siloh eingestellt hatte. Wir hätten ja meinen sollen: die heilige Stätte, wo ihr so Wunderbares widerfuhr, iverde jetzt eine noch mächtigere Anziehungskraft auf sie auSübcn, als ehedem — nnd dennoch unterließ sie gerade jetzt diesen frommen Akt! Offenbar nur auS dem Grunde, um nicht dadurch die sittliche Entwickelung des Gott geweihten Knaben zu gefährden. Für gefährdet aber hielt sie dieselbe nicht bloß, iveun sie das Kind während ihrer Abwesenheit fremder Obhut anvertrant hätte, sondern auch unter ihrer eigenen glaubte sie dasselbe ans einer Pilgerreise der Ge-, fahr eines moralisch schädlichen Einflusses auszusetzen, da doch gewiß auch schon damals die frommen Wallfahrer eine Menge zuchtlosen Gesindels in ihrem Gefolge halten. Und in der Thal wirkt ja gerade auf den zarten Sprößling, der jedem äußeren Eindruck so leicht zugänglich ist, das böse Beispiel ganz unbewußt wie ein giftiger Hauch, der die edelsten Triebe zerstört. Ihr Kind also vor einem derartigen Anblicke zu schützen nnd dasselbe daher in der umsassendesteii Bedeutung des Wortes selbst zu erziehe», hielt sie für die heiligste ihrer Pflichten, der jede andere, so tief sie auch in ihrem gläubigen Gemüthe wurzeln mochte, weichen mußte. So gedieh nun der

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