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Das jüdische Literaturblatt · 1872-01-01 · N° 19/20. (23.10.1872) · p. Seite 75

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Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
1 (1872)
Issue
N° 19/20. (23.10.1872)
Date
1872-01-01
Page
Seite 75 (sequence 3)
Language
German
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75 Sr<ten seines Bibrlcommrntars, sie bilde» den Hauptinhalt deö Buches de septer.ario. In dieser Schrift treten die d-ichtseiten philonischer Exegese in erfreulicher Weise hervor. Da׳ grzrn tritt dir bei Philo sonst so sehr beliebte Allegorie fast gänzlich zurück. Seine Erklärungen sind rationell, geift- und geinüthvoll. Nur das von den Pythagoräern überkommene Spiel mit den Zahlen hat er auch in dieser Schrift nicht lassen können. Den Zweck religiöser Feste bestimmt Philo im Wesentlichen dahin, daß der Mensch sich eine Zeit lang von körperlicher Arbeit lossage und ernste Betrachtungen über sein j Verhältnis; zu Gott und Nebenmenschen und die daraus entj springenden Pflichten anstelle. Der Verwirklichung dieser Idee j dient insbesondere die Sabbathfeier. Sie ist bestimmt, den s Menschen aus dem Kreise irdischer Sorgen in eine höhere Well, t in die Sphäre geistiger Erkenntnis, zu ziehen, sein inneres Leben zu entwickeln, seinen Gedankenkreis zu erweitern, sein Herz für das Gute und Schöne zu erwärmen. Deshalb soll am Sabbath jede körperliche Arbeit eingestellt werden. Wenn nun neben dem allgemeinen Werkverbot insbesondere der Gebrauch des FeuerS für diese.. Lag untersagt wird, so findet dieser scheinbar überflüssige Anhang zum Sabbathgesetze nach Philo einfach seine Erklärung darin, daß das Feuer bei den , meisten Handwerksarbeiten eine große Rolle spielt, da ohne den Gebrauch desselben nur w.nig verfertigt werden kann.! Woher aber, fragt Philo, kommt es, daß gerade der siebente Tag dieser Auszeichnung theilhaftig geworden? Die Antwort, daß Gott selbst nach sechs Tagen des Schaffens am siebenten ruhte, konnte Philo nicht geben. Denn seiner vom Schöpfungsacte gegebenen Erklärung zufolge, arbeitete der große Meister nicht sechs Lage an seinem SchöpfungSwerke, schuf I vielmehr Alles auf einmal. Er begründet daher die Heiligung des siebenten Tages mit der Heiligkeü der Siebenzahl. Anknüpfend (ui die Lehre der Pythagoräer sucht er nachzuweisen, wie hohe Bedeutung diese Zahl bei Vorgängen in der Natur hat, wie sie in Künsten und Wissenschaften, in der Mathemalik, Musik und Astronomie immer wiederkehrt. Diese Bedeu- , lung macht sie zu einer heiligen Zahl, hat ihr eine so ausgezeichnete Stellung im mosaischen Gesetze gegeben. Darum I ist der siebente Tag der Woche dem Herrn heilig, darum der siebente Monat des Jahres so reich an Festen, darum feiert der Boden des Helligen Landes jedes siebente Jahr feinen Sabbath. Darum giebt das siebente Jahr dem Sklaven seine i Freiheü wieder u. d. m. Dieje Erklärung steht im Einklänge * mit der von unserem Exegeten zu Anfang seines Bibelconmientars geäußerten Ansicht, daß eine wunderbare Harmonie zwischeu Gottes Natur und den göttlichen Gesetzen bestehe. Mit dem Sabbath verwandt ist der Versöhnungstag. Gleich jenem ruft er den Menschen zu innerer Thätigkeit, auch er schafft dem Seelenleben Raum durch Ausschließung jeglicher , Werkthätigkeit. Dazu kommt ein neues Moment. Der Sabbath verlangt Aufschwung des Geistes, höheres, lebendigeres . Gefühl für das Gute, Edle und Schöne, aber nicht Aufopferung natürlicher Neigungen, nicht Enthaltsamkeit von Speise und Trank. Der Versöhnungstag hebt den Menschen ganz aus der Sphäre der Sinnlichkeit, entrückt ihn dem Kreise sinnlicher Genüsse, nicht um ihm Abscheu gegen das Erdenleben einzuflößen, nicht um die sinnlichen Triebe seines Herzens zu j ertödten, sondern seinem Widerstande gegen den nie ruhenden > Feind im Innern, die sündhafte Begierde, Kraft zu geben. > Denn ist Jemand stark genug gewesen, sich eine Zeit lang die! Befriedigung der Naturbedürfniffe zu versagen, so wird er eher im Stande sein, unnatürliche Begierden zu ersticken. So sieht Philo in dem Versöh»ungstage ein« Schule der Enthaltsamkeit, ein Gesichtspunkt, unter welchem er viele mosaische Institutionen betrachtet und beurtheilt hat. Was nun die positive Seite an der Feier deS hohen Tages betrifft, so beschränkt sie sich schon nach Phllo auf den Theil des Gottesdienstes, der dem Israeliten nach dem Untergange seines Nationalheiligthums geblieben ist, auf Demüthigung vor Gott und Gebet. (Schluß folgt.) Zvr Lritik -er treueste» Auffassung S-rr -a» Zeitalter -es Luches ״Lohrlet." Die Frage über die Zell der Abfassung des Buches ,^ohelet," welches Herr Prof. Grätz mit vielem Aufwande von Geist und Scharfsinn in die letzte Periode der Regierung des Her ödes zu verlegen sucht, hängt hauptsächlich von der Untersuchung ab, ob wirklich dieses biblische Buch von den ältesten Autorlläten des Talmuds — von Josephus wollen wir absehen — erwähnt und citirt wird. Nun führten wir in Nr. 13 der ״lit. Beilage" zwei Stellen aus dem Talmud an, wo bei geschichtlichen Erzählungen, denen man nicht allen historischen Werth absprechen kann, von Simon ben Schetach (jerus. Berachot Ab. 7, 2; Bereschith rabba Ab. 91; Mdrasch Koheleth z. St.) und von Baba b. Buta (Baba bathra 4») in Gesprächen und Verhandlungen, wie dies im Geiste jener Zeit gelegen, Citat« aus dem Prediger und zwar 7,12 und 10,20 angewendet werden. Es sind dies also weder homiletische noch agadische Auslegungen, denen Hr. Prof. Grätz mit Siecht keine Authenticllät beilegen will; sondern wie dies im Talmud immer der Fall ist, sagenhaft gefärbte Berichte, wo der Kern der Erzählung und namentlich die angewendeten Sprüche, die sich im Gedächtniß des Volkes am treuesten und leichtesten erhalten, auf Wahrheü beruhen.*) Ja die erwähnte Erzählung von Simon b. Schetach wurde bisher als unverdächtig gehalten und der daselbst von Simon angeführte Vers aus Eirach 11,1, wurde als klassischer Beweis für das hohe Alter des Buche- Sirach betrachtet. Mit demselben Rechte läßt sich daher auch unser Beweis auf das Buch ״Kohelet" ausdehnen! Außer diesen beiden Stellen, worin das Buch ״Kohelet" von Männern, die Lller als Herodes waren, erwähnt wurde, brachten wir noch eine Stelle aus Thoßista Berachot II ad finem heran, wo ein Spruch von Kohelet 3,4 vorkommt. Es ist dieser Spruch so unzweifelhaft hillelitisch, weil sich darin sein sanfter, hingebender Charakter wiederspiegelt, wie irgend einer, den uns die Mischna und der Talmud erhallen. Herr Prof. Grätz entgegnet uns aber in seiner ״kurzen Erwiderung," Nr. 14 der ״lit. Beilage," daß alle diese Belege nur ״agadische" Traditionen von Versdeutungen wären, die nicht authentisch sind," und schließt dann mit folgenden Worten: ״Nur wer im Stande ist, urkundlich nachzuweisen, daß sich vorherodianische Autoritäten Kohelet-Verse bedient haben, ,vird meine Auffassung erschüttern." Freilich ist rin solcher urkundlicher Beweis bei der Mangelhaftigkeit der Nachrichten und Traditionen im Talniud aus der vorherodianschen Zeit, d. h. bis auf Hillel und *) Derartige Eitale können ebens» gut erst später aus rhetorischen Gründen, oder um der Erzählung durch das Einstreucn von Bibelversen mehr Gerricht zu verleihen, hineingekommen sein; auch in der Agada gilt da» אסמכוה?*קרא• x■

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