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Das jüdische Literaturblatt · 1872-01-01 · N° 18. (25.9.1872) · p. Seite 71

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Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
1 (1872)
Issue
N° 18. (25.9.1872)
Date
1872-01-01
Page
Seite 71 (sequence 3)
Language
German
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71 Journal-Revue. j Zur Lage -er Zudeu iu Lumäuien. Die ״R. fr. Pr." veröffentlicht ״Briefe aus dem Orient," in denen der Corresp. von dem Satze ausgehend, ״daß der Orient schon in Rumänien anfängt," auch einige Streiflichter über die Stellung der Juden in diesem halbbarbarischen Lande fallen läßt, die wir zur Klarlegung der rumänischen Judrnsragr hier ansammeln: ״In dem langen Schiagschatlcn der jungen rumänischen Freiheit lebt in allen großen Städten, unter Juden und den ftemden achtbaren Kaufleutcn und Handwerkern zerstreut, eine eigene Art vatcrlandsloser Emigration, die einst irgendwo im Westen mit der Polizei auf gespanntem Fuße gcwcsen und stch deshalb nach hier zucückgezogcii hat, iveii ihr die hiesige Polizei nicht so leicht gefährlich wird. Auch der Bahnbau hat viele unlautere Elemente hereingezogen, welche zusaminen einen zwar nirgends zahlrcicbcn, aber desto ausgesuchteren Pöbel revräsentiren. Auf Rechnung desselben kommen zunächst auch die gern gesehenen häufigen Judenverfolgungen und die dabei vorgefallencn abschculichen Mißhandlungen. Bei dieser höchst gefährlichen Sorte Menschen bedarf es gar nicht erst eines starken äußeren Anstoßes, um solche Berfolgungcn hcraufzubcschwören, da hiebei nichts riskirt, wohl aber durch Raub und Mord viel verdient wird. Schon dadsttch, daß man die jüdische Bevölkerung überall und bei jeder Gelegenheit bedrückt und verspottet, erinuntert man jeden Schelm zu Gcwaltthätigkciten gegen dieselbe. Ich kann deshalb gar nicht dringend genug auf diese hier importirtcn höchst gefährlichen Abenteurer und Strolche aufmerksam machen, umsomehr, da man diesen Krebsschaden Rumäniens bei Beur: theilung desselben bis jetzt merkwürdigerweise ganz ignorirte. Auf Rechnung dieser Mcnschenklaffe kommt auch die in ein: zelncn Thcilen des Landes herrschende zeitweise Unfichrrcheit, unter der aber auch wieder die Juden am meisten leiden, da die Aus- Plünderung eines Israeliten aus die Hüter des Gesetzes wie ein » gelungener guter Witz wirkt, der dazu beitragen muß, den verhaßten Juden den Auferithalt im Lande zu verleiden. Das Einzige, wofür hier ein wirklich ausgeprägter Sinn herrscht, ist das Spiel. Jedermann spielt, und dabei so hoch, wie nur immer möglich. Man spielt um Alles, um Gold und Landgüter, um Stellen, um Ehre, und sogar um die Familie wird in ganz , Rumänien ein tolles Spiel getrieben, halb Scherz, halb Ernst, und das ist glücklicherweise auch bei einigen barbarischen Maßregeln gegen die Juden der Fall. Glauben Sie nicht, daß man überall so grausam handelt, wie es wohl den Anschein hat. Gott b-- wahre! Noch gicbt cs billig denkende Menschen, bei denen sich der reiche Jude gelegentlich von mancher entehrenden Behandlung loskaufen kann. Und der Arme, nun, der befindet sich eigentlich , nirgends wohl, also auch hier nicht. Man vertreibt hier in . Jassy, so wie verkündet wurde, die christlichen Dienstboten aus! sämmtlichcn jüdischen Häusern. Das thut man Einmal, läßt sich ן dann aber die Augen gehörig zudrückcn. Auf diese Weife erwächst > ein kleiner Nebenverdienst, und ohne letzteren wäre es nicht zuin 1 Aushalten; die Juden tragen auch in dieser Richtung zur Besse: rnng der socialen Verhältnisse bei. Ich begreife deshalb auch gar nicht, daß es hier selbst gebildete Leute gicbt, welche gegen , ihre israelitischen Minnenfchcn einen so blinden Haß hegen können, \ umsomehr, wenn man weiß, daß Rumänien ohne Juden gar nicht >?u denken ist, weil ohne sie der Staat Rumänien sich nicht acht;Tage lang halten kann. Eine Auswanderung der Juden, wie man sic von allen Seiten mit allen Mitteln hcrbeiführen möchte, dvürde den Zusammenfall der ganzen rumänischen Herrlichkeit unf-h! bar nach sich ziehen, und zwar nicht etwa dlos deshalb, weil d>c Juden den größten Theil der Steuern zahlen müssen, sondern weil sic fast allen Verkehr verinittclu, weil sic als Gutspächter, 21n5tf, Lehrer, Krämer, Handwerker, Händler, StcuerpLchter und Ardcitcr überall thätig sind, Jedermann ihrer mehr oder weniger »edars und gar Nie»,and da ist, der ihre Stelle cinnehmcn lönntc. r^cnn der Rumäne ist iinincr noch viel zu vornehm, um sich wie Hu Jude zu plagen." Proftsssr Frasck ji-rr Mmck. Zu welchen Bedauerlichkeitcn es führt, wenn die Wiffenschaft, die an alle Forschungen nur den Maßstab der innrrn Wahrheit zu legen hat, sich von politischer Zu- und Abneigung leiten läßt, das hat wieder einmal die ^cadämie des Sciences in Paris in einer ihrer jüngsten Sitzungen gezeigt. Da hat der, durch sein sehr geschätztes Werk über die Kabbala auch in Deutschland brkannte Herr Professor Franck, bei Gelegenheit eines Berichtes über eine Arbeit des H. v. Eichthal, den Ursprung des NamenS Jehova belresicnd, die Gelegenheit vom Zaun gebrochen, um das Andenken seines verstorbenen academischcn Collcgen und Glaubensgenossen, des berühmten Orientalisten Salomon Munk, zu verunglimpfen, bloß weil dieser, ein geborener Deutscher, die deutsche Wissenschaft als den Ouell, aus deni er sein Wiffen geschöpft, niemals verleugnet ha». Eichtha! hält Jehova für die richtige Lesung de» Tetragrammaton; hierzu bemerkt H. Franck (wir citiren nach dein M. s. d. L. d. A. Skr. 35 d. I.), daß E. diesen Namen ״skalpirt" habe, nach dem ihm das ״Skalpirmcsser" zu diesem Zwecke von dem vcrst. Munk geliefert worden, der seinerseits diese Weisheit den Lehren der Göttinger und Heidelberger Professoren entlehnt habe. ״Die Wohlthaten des Skalpircns" fährt nun H. F. fort kommen uns ausschließlich von Deutschland zu, diesem Lande der einfältigsten und gröbsten Pedanterie. Die Deutschen haben zwar Jehova nicht stalpirt, aber sie haben ihn umgetaust und den Skalpirern unter einem entlehnten Namen ausgeliefert. Gleichwie H. Renan ein Sohn des Deutschen Strauß, so ist H. v. Eichthal ein Sohn des Deutschen Munk. Gleichwie H. Renan nach dem Beispiel und unter den Aufstachetungcn von Strauß zur Secirung Jesu veranlaßt worden, so Hai H. v. Eichthal unter der Aufstachelung Munks die Secirung Jehova's versucht. ״Bellum in excelsis Deo, et in terra pai hominibus bonae voluntatis“ — so lautet die preußische Version dieses Satzes." Ist das ein wissenschaftlicher Ton? und nicht vielmehr eine Entweihung der Wissenschaft? Auch hier der Vorwurf ״prussien“? Wäre H. F. nicht selbst ״Jude," wer weiß, ob bei der gegenwärtigen Strömung in der französichen Journalistik nicht auch dieses Wort dem sel. Munk als Schimpf nachgcrufen worden wäre. Missionsunwesen. Die englische Gesellschaft, welche sich die Bekehrung der Juden szur Aufgabe gemacht hat, sendet unablässig Missionäre nach verschiedenen Ländern aus. Zumeist sind dieselben Israeliten, ivelche den Glauben ihrer semitischen Vorfahren mit,dem englischen Ehristenthum vertauscht haben und sich nun, da sie ״gerettete Seelen" sind, recht gutbHzahlen lasten. Der Bericht der Gesellschaft für 1871 ist jüngst veröffentlicht worden und wir unsererseits finden ihn höchst merkwürdig. Den vielen Scndlingen ist es im Laufe der Jahre allerdings gelungen, in sämmtlichen Ländern, welche von ihnen heimgesucht worden, 13, sage dreizehn Judenseelen zu bekehren, und dabei verwendeten je 'zwei der Missionäre ihre ganze Thätigkeit immer aus einen Juden. Der Bericht sagt, daß jede einzelne Bekehrung etwa 4,000 Pf. St., sage 26000 Deutsche Thalcr, Kosten verursacht habe, so daß cs eine Ausgabe von reichlich 325,000 Thalern, verursacht hat, um 13 Hebräer in zweifelhafte Nazarener umzuwandcln. Die Gesellschaff findei selbst, daß der Preis sehr hoch sei, ״aber," so schreibt der Bericht, ״kein Preis ist zu hoch, um eine Menschensecle vom Verderben zu erlösen, selbst wenn sie um den Preis der ganzen Welt gekauft werden müßte." — Die Zahl der Juden auf den, Erdball kann auf etwa 6,000,000 Köpfe angenommen werden »nd sie ist stark im Anwachsen, da die Kinder Israel das Talent haben, sich unter jedem Himmelsstriche stark zu vermehren und zu gedeihen. Wie viel würde die ״Seligmachung der Verstockten in Summa kosten, wenn mann den Preis durchschnittlich auf26,000 iür den Kopf annimnit? Da thu» cS die Koffern in Südafrika doch billiger; selbst in Indien kostet eine bekehrte Seele nicht ganz so viel. So schreibt der sonst nicht judenfrcundlichc ״Globus."

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