Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 2 (1911)
- Issue
- 12 (1.12.1911)
- Date
- 1911-12-01
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Mischehen zurückgehen und die der jüdischen G eb urt en steigen, was wir zu unserm Fortbestände sehnlichst herbeiwünschen müssen. Auch im alten Israel, so erzählt uns eine talmudische Notiz, pflegten zweimal des Jahres die Jünglinge und die Jungfrauen Feste mit Spiel und Reigentanz zu feiern, die zur Schließung von Ehen führten. Diese Art, wie sich damals Gatte und Gattin fanden, ist immerhin edler und ästhetischer als die auf dem nicht ganz ungewöhnlichen Wege des Inserats oder durch den Heiratsvermittler. Die Familie ist und bleibt die Grundlage eines Staates und die einer Gesamtheit. Insbesondere hat uns Juden die Familie init ihren anerkannten und sprichwörtlich gewordenui Tugenden die unschätzbarsten Dienste geleistet. Aus dem Grunde müssen wir auf recht viele Familiengründungen bedacht sein. Freilich wird es nötig sein, den jungen Leuten ab und zu einen Vortrag über B e s ch e i o e u h e i t halten zu lassen, daß z. V. zur Gründung einer Familie nicht bald eine große Wohnung in einem vornehmen Viertel einer Großstadt gehöre, daß vielmehr „Raum ist in der kleinsten Hütte für ein glücklich liebend Paar". Ob in solchen Vereinen auch Kurse für Sprachen, Stenographie, Buchführung u. dgl. m. einzurichten wären, darüber könnte die Leitung je nach den örtlichen Verhältnissen entscheiden. Ich für mein Teil bin nicht für die völlige Absonderung. Wo wir mit unseren Mitbürgern friedlich zusammengchen und zusammeriarbeiten können, sollen wir es auch tun. Ich will nun das bisher Ausgesührte zusammenfassen. Für unsere jungen Leute ist in erster Linie ein passender Familienverkehr notwendig. Durch denselben werden sie sich veranlaßt sehen, auf ihr sittliches Verhalten, auf die Mehrung ihres Wissens zu achten; dazu werden sie ihre freie Zeit verwenden. In den Jünglmgsvereiuen oder Jugendheimen sollen sie die Möglichkeit haben, sich Kenntnisse über das Judentum sowie über die verschiedensten Wissenszweige anzueignen und sittlich stark erzogen zu werden. Selbstverständlich sollen die Logen diesen Vereinen Halt und Förderung gewähren, ohne aber sie zu bevormunden, ohne ste in ihrer Selbständigkeit irgendwie zu beeinträchtigen. Jeder Verbandsverein hat die Pflicht, die Namen derjenigen Mitglieder, die ans dem Orte seines Vereinssitzes Weggehen, der Geschäftsstelle des Verbandes unter gleichzeitiger Angabe des neuen Wohnortes und der neuen Wohnung des Wegziehenden milzuteilen. Der Verbandsveiein des neuen Wohnsitzes hat die Pflicht, den neu Hinzugezogenen zum Eintritt zu bewegen und etivaige finanzielle Vorausleistungen in den Vereinen des frühere» Wohnsitzes in angemessener Weise in Anrechnung zu bringen. Von der Mitteilung an die Geschäftsstelle ist jedoch dann abzusehen, wenn der Verein des b sherigen Wohnsitzes die Überzeugung gewonnen hat, daß das aurscheidende Mitglied wegen persönlicher Unehrenhaftigkeit denr Verbände nicht zur Zierde gereicht. zVorsiandsbeschlnß von 4. Dezember 10.10.) i2j ^Feuilleton ngi ßsi Das fremde Haus? Es war in der Nacht zum Feste Hoschana Nabba. Ueber den alten jüdischen Friedhof zu Lindstädt ging ein leises Lispeln und Raunen. Flüsterte der Herbstwind zwischen den Bäumen so; zwitscherte ein einsamer Vogel in dem fahlen, verfäibteu Laube; raschelte eine Eidechse an den Wurzeln eines Lebensbaumes; oder war cs die Gestalt eines Menschen, die sich hinter einem Leichenstein emporhob ■— wer konnte das wissen? Der Mond war noch nicht aufgegangen, und der Gottesacker war in tiefe Finsternis gehüllt. Da flog der silberne Strahl der aufleuchtenden Mondessichel über das öde Feld. Wie funkelten da die wAßen Grabsteine, wie schimmerten die eingemeißelten, vergoldeten Ueberschwänglichkeiten fln bläulichen Lichtschein; — nicht nur daö Papier, auch der Stein ist geduldig. Die Inschrift aber dort auf dem Marmor log nicht: „Es war ein frommer, gottesfürchtiger Mann..." Warum aber zitterten und flimmerten diese Buchstaben, als wollten ste in den Stein hineinschlüpfeu, um vor den, Angesicht der planetarischen Lichter sich zu verbergen? ... Höher stieg der Mond am Himmel. Der Wind hatte sich gelegt. Auf den Wiesen begann der Nebel zu brauen uno zu wallen; grauweißer Dunst breitete sich über den Friedhof und umzog wie Rauchsäulen die Gräber und die Steine. Da tönte es von der Stadtseite her in langsamen, dumpf verhallenden Schlägen: zwölf. Durch den Nebel ging ein eigenartiges Wirbeln und Wogen; es war, als ob phantastische Formen und Gestalten sich brldeten und verschwebten; zwischen den Grüften schlürfte es und glitt es . .. und draußen vor dem Tore des Friedhofs stand ein alter Mann, der seinen Weg zur Stadt nahm. Wie der Schatten einer Wolke strich er über die nächtlich öden Straßen; mit wehmütigem, forschendem Blick sah er zu den schweigenden Häusern empor, als wollte er nach langer Abwesenheit in der Stadt sich zurechtfinden, als suchte er etwas . . . Ja, er suchte sein eigenes Haus, aus dem sie ihn vor Jahresfrist zum Friedhof hinausgetragen hatten. In dieser wundertäiigen Nacht des Hoschana Rabba wollte er als Traumgesicht in sein einstiges trautes Heim cinziehen und segnend um den Schlummer seiner Kinder weben. Da stand er denn vor seinem Hause — hier war die Herberge seiner Erdeupilgerfahrt. Aber — o Qual! — er konnte sich seiner Heimatstätte nicht nahen, er vermochte nicht den Fuß über die Schwelle seines eigenen Hauses zu setzen. Eine eiserne Mauer war als Scheidewand zwischen ihm und seinem Hause aufgerichtet und wehrte ihm den Eingang. Alle * Mit gütiger Erlaubnis des Verlegers I. Kauffmann, Frankfurt a. M., bringen wir vorstehende Skizze aus dem Buch „Einsames Land" von Rabbiner Dr. Münz, Gleiwitz, welches vor kurzem in zweiter, vermehrter Auslage erschienen ist. Diese Skizze wurde aus unsere Veranlassung in einer Gesellschaft vorgetragen und übte auf die Anwesenden einen tiefen Eindruck aus. Bei dieser Gelegenheit bringen wir das Buch, welches wir bereits in unserem Katalog für jüdische Jugendvereine besonders hervorgehoben haben, nochmals in empfehlende Erinnerung. D. R. 10