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Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands · 1911-12-01 · 12 (1.12.1911) · p. Seite 9

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Journal
Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
Volume
2 (1911)
Issue
12 (1.12.1911)
Date
1911-12-01
Page
Seite 9 (sequence 9)
Language
German
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die Reden meines Mundes. Euer Herz weiche nicht auf ihre Wege und verirre sich nicht auf ihre Pfade. Denn viele sind derer, die sie zu Tode gefällt hat, und ihre Opfer sind zahlreich. Ihr Haus liegt am Wege nach der llnterwelt, das führt zu den Kammern des Todes."-Nicht minder deutlich spricht sich der Verfasser des Kohelet-Buches über die Folgen der Sinnenlust aus. Er, der die Jugend anregt, die Jugend zu genießen, ihr gleichsam das „carpe diem“ empfiehlt (Kvhelet 11,9), belehrt sie bald darauf (Kap. 12) in einem drastischen Bilde, daß man mit dem Verbrauch der Kräfte haushälterisch umgehen müsse, da man sonst vorzeitig alt wird, und die körperlichen Organe den Dienst versagen, wenn man sich dem unmäßigen Genüsse und der Ausschweifung hingibt. Nach dem Beispiel unserer alten, aber ewig jungen Bibel möchie ich daher wünschen, daß in den Jugendvereinen neben Vorträgen über die höchsten Wahrheiten des Judentums, die neuesten Erscheinungen der Literaturen und die neuesten Errungenschaften der Kultur, auch solche über die Gefahren des geschlechtlichen Sinnesgenusses gehalten würden. Allerdings bin ich nicht so naiv zu glauben, daß die Unzucht durch Vorträge allein gebannt werden könnte. Die sozialen Verhältnissedas ist ein offenes Geheimnis —. die unseren jungen Leuten in vielen Fällen es nicht gestatten, frühzeitig eine Frau heimzuführen, sind zum großen Teil daran schuld, daß die Prostitution im Schwange ist. Wenn aber auch die überhandnehmende Unsittlichkeit durch Vorträge nicht ganz auszurolten ist. so könnte sie doch wenigstens einigermaßen eingedämmt werden. Ein guter Vortrag eines Arztes, der auf Grund persönlicher Erfahrungen und wissenschaftlicher Daten den jugendlichen Zuhörern die Gefahren der Ausschweifung schildern und erzählen würde, wie viel Lebenskraft zerstört, wie viel Lebensmut gebrochen wird, und der vielleicht in Lichtbildern ihnen die Verheerungen vvrführen würde, die die Unzucht nicht nur bei dem ausschweifenden Jüngling allein, sondern auch bei ganzen Familien anrichlet, daß da das Wort der Schrift zur Wahrheit wird, die Sünde der Väter rächt sich an Kindern und Kindeskindern bis zum dritten und vierten Geschlecht, ein solcher Vortrag dürfte sicherlich nicht ohne Wirkung bleiben und so manchen jungen Menschen vom Laster abh alten. Theobald Ziegler, der Straßburger Philosoph, * der unsere Literatur mit manchen Schützen seines vielseitigen und tiefen Wissens bereichert hat, hielt vor einigen Jahren an der Straßburger Universität Vorlesungen über den „Deutschen Studenten". Eine dieser Vorlesungen betitelte sich: „Die Akademische Ehre und die Prostitution." Welch gewaltigen Eindruck gerade diese Vorlesung auf die jungen Musensöhne gemacht hat, haben mir nach Jahren Augen- und Ohrenzeugen geschildert. Mit seinen lichtvollen Ausführungen hat Ziegler das Gewissen der Studenten geschärft und die guten Elemente unter ihnen. zur Organisation gegen die Unsittlichkeit aufgerufen. Vielleicht gab die Behandlung dieses Themas an einer deutschen llniversität die Anregung zur Gründung der Sittlichkeitsvereine, die keineswegs zu unterschätzen sind. Ob die strenge Enthaltsamkeit den jungen Leuten vom hygienischen Standpunkt zu empfehlen sei, kann ich als Laie nicht beurteilen. Darüber könnten erfahrene Aerzte, die wir in unserem Kreise in stattlicher Anzahl besitzen, uns des näheren belehren. Ziegler allerdings verweist in der genannten Vorlesung seine jungen Zuhörer auf das Kantische Wort: „Du kannst, denn du sollst." Jedenfalls, das wird jeder zugeben, müßten die jungen Leute vor Ausschweifungen gewarnt iverden, und die Unsitte, mit Dämchen zweifelhaften Rufes sich in öffentlichen Lokalen zu zeigen oder gar mit der Zahl der „Verhältnisse" vor Freunden zu protzen, müßte aus besseren Kreisen schwinden. Dafür soll der Jüugliugsverein seinen Mitgliedern Ersatz bieten in edler Geselligkeit, durch musikalische und deklamatorische Darbietungen, durch Spiel- und Untcrhaltungsabende. Mehrmals im Jahre müßten Tanzvergnügen und gemeinsame Ausflüge veranstaltet werden, zu denen junge Damen aus den Bekanntenkreisen der Mitglieder sowie aus denen der Gönnerschaft des Vereins Einladungen erhalten. Die jungen Leute sollen Bekanntschaften mit Damen machen, aber mit guten und wohlerzogenen. Vielleicht wird bei solchen Veranstaltungen der wunderwirkende Amor seine Kraft ausüben und das eine oder das andere Paar in die Arme seines Kollegen Hymen führen. Es dürfte so mancher über mich lächeln und sagen, der Schreiber dieses wolle die Jünglingsvereine zu einer Art von Heiratsvermittelungsbureaus machen. Aber das schadet nichts, wenn nur der gute Zweck erreicht wird. Wir dürfen nicht vergessen, daß viele jüdische junge Leute Hagestolze bleiben aus Mangel an passender Damenbekanntschaft, und daß andere wiederum die Ehe meiden, weil sie die allzugroßen Ansprüche der jüdischen Töchter befürchten. Und nicht mit Unrecht. Unsere jüdischen Mädchen sind leider in den meisten Fällen so erzogen, daß sie glauben, ihre Mission als verheiratete Frau bestände nur darin, von den: schwerarbeitenden Manne in die Theater, Cafes oder sonstigen Vergnügungen geführt zit werden. Werden aber unsere jungen Leute auch Gelegenheit haben, schlichte Bürgermädchen kennen zu lernen, die eine höhere Auffassung von der Würde der Frau besitzen, die den Ernst des Lebens kennen und wissen, daß die Frau nicht bloß dazu da ist, das Leben zu genießen, sondern auch die Lasten des Lebens zu tragen; daß sie nicht dazu verheiratet wird, um das vom Manne mühsam Erworbene zu verprassen, sondern es zu mehren durch Sparsamkeit. Ordnungsliebe und Einfachheit, dann werden unsere jungen Leute auf ihren Junggescllenstand mit Freuden verzichten. Dadurch dürfte vielleicht die Zahl der 9 —'

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