Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 2 (1911)
- Issue
- 12 (1.12.1911)
- Date
- 1911-12-01
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Jugend alle die Mängel undlSchäden, die sich in unserer Mitte zeigten, mit einem Schlage zu beseitigen. -Der Verfasser untersucht die einzelnen Vorschläge und nachdem er noch neue, hinzugefügt hat, fährt er fort: Passender Familienanschluß, so führte ich in meinem vorigen Artikel aus. wäre unter anderem das beste Mittel, unsere Jugend sittlich rein zu erhalten und ihrem Leben in den Entwicklungsjahren einen höheren Inhalt zu geben. Meine Ansicht ging dahin, daß in erster Linie die Herren Chefs es als eine heilige Pflicht betrachten müßten, die bei ihnen beschäftigten jungen Leute zu den Familien- und Gesellschaftsabenden hinzuzuziehen. Dadurch werden diese nicht nur den veredelnden Hauch der Familie verspüren, sondern auch auf ihren Lebensweg achten und ihn so gestalten, daß sie eines besseren Familienverkehrs nach jeder Richtung würdig bleiben. Die freie Zeit iverden die jungen Leute zur Mehrung ihrer Kenntnisse, zur Vervollständigung ihres Wissens verwenden, um in den besseren Gesellschaften, zu denen sie zugezogen werden, mitsprechen zu können. Am besten werden sie dieses Ziel in den von unseren Logen seit Jahren angestrebten Jugend vereinen verfolgen. *) Ich bin keineswegs ein Gegner von Jünglingsvereinen: wie ich bereits in meinem früheren Aufsätze betont habe, weiß ich ihren Wert wohl zu schätzen und verspreche mir von g u t geleiteten Vereinen viel Ersprießliches für unsere Jugend. Nur müßten sie ein wenig umgestaltet werden. Solche Vereine sollen wohl jüdisch sein, dürften aber nach meinem Dafürhalten keinen religwsen Charakter tragen, wenn sie das Gros der jungen Leute gewinnen wollen. Der junge Mann ist in den Entwicklungsjahren nichts weniger als religiös gestimmt. In der strotzenden Kraftfülle stehend, glaubt er der Religion entraten zu können; er wähnt sich stark genug, ohne die Hilfe einer höheren Gewalt das Jahrhundert in die Schranken fordern zu können. In seinem jugendlichen Freiheitsdrange erscheint ihni die Religion als eine beengende Fessel, und darum ist er in dieser Entwicklungszeit religiösen Gesprächen und religiösen Themen nicht besonders zugänglich. Mit dem Fortschreiten des Alters und der Reife denkt ja der Mensch bekanntlich anders; in den Jugendjahren aber empfindet er religiöse Vorträge furchtbar fad und langweilig. Aus dem Grunde sollte ein gut geleiteter Jugendverein das religiöse Moment nach Möglichkeit in den Hintergrund rücken; dadurch wird er recht viele junge Leute als Mitglieder heranziehen können. Auch die Vorträge in solchen Vereinen müßten sowohl in Bezug aus die Art als auch in Bezug auf die Auswahl anders gestaltet sein. Man pflegt gewöhnlich den einen oder den anderen Redner *) Die Notwendigkeit der Bildung von Jnnglingsvereinen wurde in Logenkreism bereits im Jahre 1S91 betont. Vgl. Maretzki, Geschichte des Ordens Bnei Briß in Deutsch, land S. 237 fi. von Namen für einen Jugendvortrag zu gewinnen und glaubt damit etwas Großes getan zu haben. Aber der Wert solcher Vorträge ist gar oft recht fraglich. Denn einmal sind nicht alle Jugendvorträge auch für die Jugend berechnet; nicht jeder Redner denkt an die Jugend, er hält eben einen Vortrag, den er auf Lager hat. und mit dem er eine Kunstreistz machen kann. Zuin zweiten sind Vorträge, bei denen die jungen Leute nur passiv zuhören, nichts anderes als Ohrenschmaus. Die jugendlichen Zuhörer haben eine angenehme halbe Stunde verbracht und sonst nichts. Ganz anders und nachhaltiger dürfte die Wirkung fein, ivenn von den Mitgliedern der Vereine selbst Vorträge mit anschließender Diskussion gehalten würden. Und das wäre sehr leicht zu bewerkstelligen. In jedem Jugendvereine müßte ein geistigesKomitee eingesetzt werden, bestehend aus aktiven Mitgliedern des Vereins, d. h. aus jungen Leuten und aus Gönnern des Vereins, aus älteren gebildeten Herren, die gleichsam die Beiräte wären. Dieses geistige Komitee hätte die Aufgabe, am Anfänge der Saison den befähigten Mitgliedern Themata zu Referaten vorzuschlagen und ihnen die nötige Literatur anzugeben. Solche Referate würden sicherlich die nötige Zugkraft haben, denn die jungen Leute werden schon aus Neugierde in den Verein kommen, um zu hören, wie der eine oder der andere ihrer Altersgenossen die ihm gestellte Aufgabe gelöst hat. Dadurch, daß die Themata und die Literatur allen Vereinsmitgliedern bekannt gemacht werden, dürfte dieser oder jener sich angeregt fühlen, über diese Themata nachznlesen oder nachzudenken, um dann an der Diskussion sich beteiligen zu können. Die Diskussion müßte einen sehr großen Spielraum haben; sie soll jedem, der in sich den Drang fühlt, Gelegenheit bieten, zu Worte zu kommen. Freilich soll jedem Vereine nach wie vor unbenommen bleiben, sich zwei oder drei Glanzredner in der Saison kommen zu lassen, um durch gediegene Vorträge die jungen Leute hinzureißen und zu begeistern. Dies soll aber nicht die Hauptaufgabe des Vereins sein; mehr Wert und Gewicht niuß er auf die von den Mitgliedern gehaltenen Referate legen und auf die an diese sich anschließenden Diskussionen. Dadurch würden unsere jungen Leute sich einen großen Schatz von Wissen aus jüdischem Gebiete aneignen und sich zu Rednern heranbilden, die gegebenenfalls in der Lage wären, das Judentum zu verteidigen. Was die Auswahl der Themata anlangt, so wird ein jüdischer Verein in erster Linie jüdische Stoffe zu Referaten wählen. Ilm aber die Einseitigkeit und Eintönigkeit zu vermeiden, würde es sich empfehlen, über Themata aus dem Gebiete des allgemeinen Wissens sprechen zu lassen. Eine geschickte Leitung wird es sicherlich verstehen, auch bei solchen Vorträgen in der Debatte irgend welche Beziehungen zum Judentum herauszufinden. Spricht z. B. ein Redner über Wagnersche Musik, so könnte in der Anssprache hervorgehoben werden, bei welchen Musikern jüdischer Abstammung Wagner zur Schule 7 —