Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 2 (1911)
- Issue
- 12 (1.12.1911)
- Date
- 1911-12-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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Deshalb hinweg mit allen A n - schauungen.die darauf hinauslaufen, die Jugend parteiisch zu erziehen; hinweg mit allen Versuchen, in sie einen Keil hineinzutreiben! Deutlich muß es ausgesprochen werden: Lernen will die Jugend und sich entwickeln, freien Sinnes und freier Meinung, nicht gebunden in irgend einer Form, freien Auges hineinschauen in das Getriebe der Welt und des Lebens! Dann erst, wenn sie sich hindurchgerungen, wenn sie dasjenige erworben, was sie einzig und alleinberechtigt, Partei zu ergreifen, nämlich Erfahrung und Beobachtung. Kenntniß und Einsicht, dann erst soll sie vor die Schranken treten und ihre Kräfte derjenigen Bewegung leihen, die ihr als die schönste und würdigste. die wahrhaft große und alles umfassende gilt! Gustav L a z a r u s - Cöln. Gedanke« «der die Tätigkeit der Iugendvereine. *) lAuszüfle aus einer Reihe von Artikeln, die Herr Ravb. Dr. E. Fintel im Jahre 1908 in dem Organ der Großloge für Deutschland veröffentlicht hat unter dem Titel: „Was können wir für unsere Jugend tu»'?") Das Judentum ist krank, so hört und liest man vielfach in letzter Zeit. Die Pessiniisten unter uns suchen mit Hilfe der Statistik nachzuweisen, daß es in unserer Mitte sehr schlecht bestellt sei Mit markerschütternden Kassandrarufen prophezeien sie den baldigen Untergang unserer Glaubensgemeinschaft in Deutschland, wenn nicht Mittel und Wege gefunden würden, um dem überhandnehmenden Abfall, der Fahnenflucht und den Mischehen Einhalt zu tun. Auch die Optimisten werden von der Blässe dieses Gedankens angekränkelt, und obgleich sie sich der Tatsache nicht verschließen, daß gerade in letzter Zeit auf vielen Gebieten des jüdischen Lebens ein kräftiges Blühen und Sprossen bemerkbar ist, stimmen sie mit in den Ruf ein: das Judentum ist krank! Daß der Organismus des Judentums nicht ganz gesund ist, wer wollte das bestreiten, wer könnte das in Abrede stellen? Schon der Umstand, daß viele Aerzte sich melden und Sanierungsvorschläge für Israel machen, beweist zur Genüge, daß der Gesundheitszustand unserer Gemeinschaft nicht ganz befriedigend ist. Allerdings gehen die Ansichten unserer Aerzte inbezug auf Diagnose und Prognose auseinander. Der eine glaubt, den Sitz der Krankheit im Judentum selbst gefunden zu haben; in der jetzigen jüdischen Familie und in den jüdischen Gemeinden seien die Wurzeln des Uebels, die beseitigt werden müßten. Hier sei der Hebel anzusetzen, hier müßte die Operation vorgenommen werden. Ein anderer Arzt verwirft diese Theorie und meint, die „secles morbi" sei nicht i m Körper des deutschen Judentums *) Vgl. „Mitteilungen" Nr. 7/8 und 10. zu suchen, sondern außerhalb desselben. Die politischen und sozialen Verhältnisse seiner Umgebung müßten umgestaltet werden und gesunden, dann werde auch das Judentum keine Krankyeitssymptome mehr zeigen. Würde die Taufe nicht mehr das bekannte Entreebillet zu den akademischen Lehrstühlen, höheren Berufen usw. sein, so würde kaum ein Jude mehr dem Glauben seiner Väter treulos den Rücken kehren. Welche von diesen beiden Ansichten die richtige ist, wird jedermann ohne Schwierigkeit angeben können. Von dem letztgenannten Heilverfahren dürfte sich kaum jemand irgend welche Erfolge versprechen. Denn wie können wir Juden, eine verschwindend kleine Minorität, eine Umgestaltung und Gesundung der politischen und sozialen Verhältnisse herbeiführen? Liegt dies denn im Bereiche unserer Fähigkeit? Haben wir denn nicht alles getan und versucht, um uns der Gleichberechtigung lvürdig zu zeigen? Haben wir etwa an Treue zu Kaiser und Reich, oder an Erfüllung unserer bürgerlichen Pflichten es jemals fehlen lassen? Und kämpfen wir denn nicht seit einer Reihe von Jahren mutig und unverdrossen für unsere v erbrieften Rechte? Sind wir aber mit unseren Bemühungen und Anstrengungen, die Gleichberechtigung cte kacto zu erringen, sehr weit vorwärts gekommen? Da wir nun die Verhältnisse außer uns nicht so leicht und nicht so schnell werden umgestalten kö rnen da wir nicht die Macht besitzen, die Regierungen zu zwingen, uns die Pforten zu öffnen, die sie jetzt nur für Abtrünnige und Ueberläufer offen hält, müssen wir unsere Häuser gegen die Proselytenmacherei maßgebender Stellen und Behörden widerstandsfähig machen. Dem Staate können ivir nicht verbieten, die Bakterien der Taufe zu züchten und sie gegen uns loszulassen. Es bleibt uns somit nichts anderes übrig, als unsere Häuser und Kinder zu immunisieren Wir müssen ein Serum erfinden, mit dem wir unsere Kinder f r ü h z e i t i g i m p f e n. damit sie gegen die Bazillen des Abfalles geschützt seien. Ein solches Heilserum wäre — nennen wir es mit einem den medizinischen Mitteln ähnlich klingenden Namen — I u d a > n Mit anderen Worten: wir müssen eine sittlich starke, jüdisch denkende und jüdisch fühlende Jugend erziehen, eine wetterfeste Jugend, vie nichts in der Welt bewegen könnte, das heilige Erbe der Väter preiszugeben, die Fahne des Judentums treulos zu verlaßen. Welche Wege aber sind nun einznschlagen, um auf die schulentlassene Jugend religiös-sittlich einzuwirken und sie uns so heranzubilden, daß wir auf sie mit Stolz blicken und durch sie eine Gewähr für den sicheren Fortbestand des Judentums haben könnten? Auch über die Mittel und Wege herrschen verschiedene Ansichten. Die einen preisen als allein seligmachendes Heilmittel die Jünglingsvereine und Jugendvorträge an, andere wieder glauben durch eine Zeitschrift für die — 6