Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 2 (1911)
- Issue
- 12 (1.12.1911)
- Date
- 1911-12-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Religionen" und zeigte in knappen, monumentalen Formen die innere geistige Freiheit des Judentums im Vergleich mit anderen Religionen. Neu, aber angesichts gewisser Zeltströmungen durchaus angebracht war die kulturelle Apologetik, die Professor Dr. G o l d st e i n - Darmstadt mit seinem Vortrage „Das deutsche Geistesleben und die Juden" in vollendetem Maße darbot. Seine Rede — nach Form und Inhalt ein ästhetischer Genuß — war ein Triumphgesang auf das Verdienst, das sich das Judentum um das deutsche Geistesleben mittelbar und unmittelbar erworben hat. Meisterhaft deckte er die hier obwaltenden, inneren Zusammenhänge auf und wies die Wesensverwandtschaft zwischen jüdischem und deutschem Geistesleben nach. Der Vortrag war eine glänzende Widerlegung der Behauptung, daß das Judentum als solches auf die deutsche Kuktur zersetzend wirke, und hatte deshalb besonderen aktuellen Reiz. lim den sichtlichen Eindruck all des Gehörten nicht abzuschwächen, fand eine Diskussion nicht statt. Es wurde lediglich noch zu den Ausführungen von Dr. Cohn eine Entschließung angenommen, welche gegen das uns zugefügte, staatsbürgerliche Unrecht protestiert. Aber dieser papierene Protest war schließlich nur der formelle Ausklaug der Versammlung. Weit wertvoller ist das entschlossene Kampfgefühl und das gestärkte jüdische Bewußtsein, mit dem wohl alle Teilnehmer auseinandergingen. Diese Stimmung herrschte auch noch auf dem am Abend von der Berliner jüdischen Gemeinde gegebenen, von ca. 600 Personen besuchten Festmahl vor und kam in mannigfachen, bedeutsamen Tischreden zum Ausdruck. Auch am Abend vor der Versammlung, der einer internen Vorbesprechung der Delegierten gewidmet war, hatte die Gemeinde die Besucher mit freundlicher Bewirtung überrascht und so dazu beigetragen, daß die einzelnen einander auch persönlich näher kennen lernten. Hierin liegt für die innere Einheit des Verbandes ein sicherlich nicht zu unterschätzendes Moment. Zu erwähnen bleibt noch, daß arn Sonnabend Morgen in der großen Synagoge ein nach allseitigein Urteil erhebend verlaufener Fest gottesdienst stattfand, in dem Rabb. Dr. Warschauer die Predigt hielt. Stand also die ganze Tagung des Verbandes der Deutschen Inden unter dem glücklichen Sterne machtvoller Einigkeit, so kann man dies von der am 6. November abgehaltenen Versammlimg des Deutsch - Israelitischen Gemeindebundes nicht behaupten. Wenigstens war die Frage, die zu erörtern war, Gegenstand lebhaften Streites seit den letzten Gemeindetagen. Es ist bekannt, daß es auf diesen oft recht stürmische, unerquickliche Szenen gab, die gerade nicht - geeignet waren, das Ansehen des D. I. G. B. zu heben. Um der Wiederholung solcher Ereignisse vorzubeugen, hat der Ausschuß eine Satzungsänderung vorgeschlagen. Die wesentlichen Punkte bestehen darin, daß in dem Stimmverhältnis auf den Gemeindetagen die größeren Gemeinden mehr als bisher berücksichtigt werden sollen, und daß sich künftig jede Gemeinde nur durch einen an ihrem Platze bezw. in ihrem Bezirke wohnenden Abgeordneten, nicht mehr durch jeden beliebigen, mit ihren besonderen Interessen gar nicht Vertrauten vertreten lassen darf. Diese Vorschläge sind schon eingehend in einer Kommission beraten worden, und hier platzten bereits die Gegensätze heftig aufeinander. Die Versammlung vom 6. November, zu der man — was unseres Erachtens verfehlt war — nur die Anhänger der Mehrheit, d. h. der Ausschußvorschläge, eingeladen hatte, war aus allen Gegenden sehr stark besucht. Sie verlief aber, wie es in der Natur der Sache lag, ziemlich ergebnislos. Es ist dringend zu hoffen, daß der leidige Streit baldigst in befriedigender Weise beendigt wird. Denn er droht die alten Gegensätze zwischen Orthodoxen und Liberalen, die zum Heile des deutschen Judentums angesichts der gemeinsamen Aufgaben immer mehr zurückgetreten waren, aufs neue wieder aufzuwühlen. Am gleichen Tage wie der D. I. G. B. hatte die deutsche Organisation der Alliance Jsraelite Universelle einen Alliancetag einberufen. Er fand allgemein das größte Interesse, weil die Angelegenbeit, mit der er sich zu befassen hatte, für die Zukunft der gesamten Alliance und damit für die Judenheit der ganzen Welt von weittragendster Bedeutung ist. Auch hier war es eine geplante Statutenänderung, nämlich die Ersetzung der allgemeinen Wahl zum Eentralkomite (der obersten Behörde der Gesamtorganisation) durch das Cooptationsverfahren. Die schon länger dauernde Uneinigkeit zwischen der Pariser Leitung und dem deutschen Büro kam dadurch zum beinahe leidenschaftlichen Ausbruch. Ter Versammlung, die ebenfalls aus allen Gauen unseres Vaterlandes zahlreich beschickt war, wurde vom deutschen Büro eine überaus scharfe Protestresolution vorgelegt und nach lebhafter Debatte in etwas gemilderter Form auch gegen eine 4