Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 2 (1911)
- Issue
- 12 (1.12.1911)
- Date
- 1911-12-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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verweht, manch dürren Zweig geknickt, aber der Stamm selber blieb stark und fest, und heute blüht er aufs neue. Der Sturm hat sich gelegt, die finsteren Wolken haben sich geteilt, und die Sonne des Friedens und der Duldung strahlt ihre belebende Wärme aus. Wir sind heute, wenigstens in den Kulturländern, freie Bürger des Staates, dem wir angehören, wir haben nach dem Gesetz dieselben Rechte und dieselben Pflichten wie die Andersgläubigen, kein Fürst und kein Tyrann steht mehr gegen uns auf, um unseren Glauben anzutasten. Das ist es, was wir den Makkabäern zu danken haben : das Pflichtbewußtsein haben sie uns erhalten, und stark haben fie uns gemacht für alle Zeiten. Dennoch dürfen wir auch in unseren Tagen die Hände nicht in den Schoß legen. Ab und zu erhebt sich noch immer ein scharfer Windhauch und rüttelt an dem tausendjährigen Stamm, von Zeit zu Zeit ballt sich ein kleines Wettcrgewölk zusammen und entzieht uns für Augenblicke das b>lebende Sonnenlicht. Die Gefahren, die unserer Religion drohen, sind gewiß nicht ganz beseitigt, auch augenblicklich bedrängen uns Gegner von zwei Seiten, ähnlich wie zur Zeit der Makkabäer. Von außen kommt die Bewegung, die uns die erstrittene Freiheit zu rauben sucht, die unser- Leben von neuem einengen will, aber die sülchten wir nicht mehr; wir lassen Neid und Haß ruhig über uns dahingehen, denn sie vermögen uns nichts anzuhaben. Aber im Innern, da sind cs wieder Luxus uns Wohlleben, die verfeinerte Bildung und die Genußsucht, die uns den Ernst zerstören, mit dem wir unserer Religion dienen sollen. Gerade in der Großstadt lauern diese'Verführer an allen Ecken und Enden, und viele unsererGlaubenöbrüder haben sie uns gleichgültig und widerwillig gemacht. Dieser Gefahr gegenüber wollen wir stets an die hohe Lehre denken, für die die Makkabäer gestritten haben: nicht der Genuß ist das höchste Glück des Menschen, sondern das treue Erfüllen der Pflicht, die Betätigung des Guten, das Neben der Tugend. Drei wichtige jüdische Kongresse. Von Referendar Dr. Regensburger - Braunschweig. Die Tage vom 4.—<>. November waren für das jüdische Gemeinschaftsleben Deutschlands von hoher Bedentnng und zeigten so recht, welche Summe von Gegemvartskräften und Znkunftswerten im deutschen Judentum vorhanden ist. Drei große Körperschaften hielten in Berlin Veranstaltungen ab: der Verba n d d e r D e u t s ch e n I u d e n, der D e u t s ch- Israelitische Gemeindebund und die Deutsche Conferenz-Gemeinschaft der Alliance Israel ite Universelle. Allen voran stand als imponierende Kundgebung die (vierte) Hauptversammlung des Verbandes der Deutschen Juden. Man muß eine solche Tagung miterleben, um ihren eigenartigen Wert nach innen und nach außen voll empfinden zu können. Es liegt infolge des ganzen Rahmens und ihres bedeutsamen Zweckes eine gehobene, gewissermaßen feierliche Stimmung über diesen Versammlungen. Sie werden dem deutschen Judentum allmählich zu historischen Momenten, die in uns die verschiedensten Empfindungen auslösen, nämlich den ganzen edlen Manneszorn verletzten Rechtsgefühls, zugleich aber das freudige Bekenntnis unserer inneren Einheit und Lebenskraft. Unter solchem Zeichen stand auch die diesjährige Hauptversammlung. Der große Saal des Neuen Königlichen Operntheaters, von der Hofintendantur nnentgeltlich zur Verfügung gestellt, lvar bis auf den letzten Platz gefüllt, lieber 600 hochangesehene Glaubensgenossen aus allen Teilen des Reiches und viele Zuhörer waren herbeigeeilt, um erneut das Band der Zusammengehörigkeit aller deutschen Juden zu befestigen und vor der deutschen Oeffentlichkeit zu bekunden, daß wir da sind und daß mir unser gutes R e ch t fordern. Die Staatsbehörden waren diesmal der Einladung nicht gefolgt, während auf der vorigen Tagung in Breslau der Oberpräsident von Schlesien, Staatsmiuister a. D. Graf Zedlitz, erschienen war und Begrüßungsworte gesprochen hatte. Dagegen waren die Städte Berlin, Wilmersdorf und andere Vororte offiziell vertreten, und die Willkommensrede des Berliner Bürgermeisters Dr. Reike war ein überaus feinsinniges und taktvolles Kompliment vor den Leistungen der jüdischen Mitbürger. Enthielt sie doch unter anderem den Satz, den sich unsere Antisemiten merken mögen, daß die jüdische Hilfsbereitschaft schon sprichwörtlich geworden sei und daß in den jüdischen Mitbürgern die feinsten Blüten gewinnendster und vornehmster Menschlichkeit zu erblicken seien. Der voin Vorsitzenden, dem unermüdlichen Justizrat Dr. H 0 r w i tz , erstattete Geschäftsbericht ließ deutlich erkennen, welche Fülle von Arbeit — leider! —- der Verband in den letzten zwei Jahren in unserem Kampfe ums Recht leisten mußte. Erfreulicherweise blieben aber auch die Erfolge nicht aus, und das muß zu unermüdlichem, weiteren Schaffen anspornen. Wie immer, bildeten drei Vorträge den Hauptteil der Tagesordnung. Während aber bisher stets zwei politische und eine apologetische Rede gehalten wurden, befaßte sich diesmal nur ein Redner mit der eigentlich politischen Frage, nämlich Landtagsabgeordneter Dr. C o h n-Dessau in seinem Thema „DerStaat und dieJnde n". das in wirkungsvoller Weise unsere Zurücksetzung auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens beleuch.ete. Die religiöse Apologetik behandelte der durch sein vortreffliches Buch über „das Wesen des Judentums" ja rühmlichst bekannte Rabbiner Dr. B ä ck-Düsseldors. Er sprach über „D a s I u d e n t u m unter den 3 —