Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 2 (1911)
- Issue
- 12 (1.12.1911)
- Date
- 1911-12-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Syrien und Babylonien, Medien und Persien, alles mußte sich dem Sieger beugen, nicht ein einziges Land vermochte ernstlichen Widerstand zu leisten. Größer noch und herrlicher aber war der Siegeszug des griechischen Geistes und der griechischen Kultur, der sich an die Fußtapfen des kriegerischen Königs heftete. Alles, was Griechenland besaß an Wissen und Bildung, es strömte nunmehr nach deni Orient, und bereitwillig unterwarfen sich die asiatischen Barbaren dem überlegenen griechischen Wesen. Als Alexander der Große gestorben war, als nach langem Kampfe sein Reich unter seine Feldherren geteilt ward, da wurden die Höfe von Antiochia und Alexandria zu Mittelpunkten der neuen griechisck-orientalischen Bildung: dort fanden Künstler und Gelehrte willkommene Aufnahme, dort wurde die Wissenschaft gefördert, die Werke der Philosophen wurden studiert, Dichtung und Gesang, Architektur und Plastik wurden eifrig gepflegt. Das Leben an den Höfen und in den Städten nahm einen Glanz an, wie man ihn vorher nie gekannt hatte, und wirkte berauschend auf alle, die mit ihm in Berührung kamen. Aber dieses glänzende Leben hatte auch eine dunkle Kehrseite, und diese Kehrseite wirkte womöglich noch verführerischer als all die Pracht der Bildung und der feine höfische Ton. Das war die lockere griechische Lebensanschauung, die in der verderblichen Lehre gipfelte: das höchste Glück des Menschen ist der Genuß, Ja, der Genuß überall, das war das Streben jener gebildeten Griechen und Griechlinge der damaligen Zeit, der Genuß ohne Maß, ohne Ziel und Schianken. Hinter der Maske der Bildung barg sich die lächelnde Miene des Spottes für alles, was dem Menschen heilig und unantastbar sein soll. Unheilvoll wirkte diese Genußlehre auf alle, die sie in ihren Bann zog, unheilvoll schon deshalb, weil sie die Freude an der Arbeit, am segenbringenten Schaffen und Wirken nicht aufkommen ließ. Und nun müssen wir uns den Augenblick denken, da zum ersten Mal dieses seine, gebildete, kenntnisreiche und dabei schamlos genußsüchtige Griechentum gegenübertrat dem ernste», schlichten, sittenstrengen und sittenreinen Judentum. Wir müssen diesem lockeren grieckischen Wesen das Judentum gegenüberstellen mit seiner Lehre: das höchste Glück deö Menschen besieht in der Erfüllung seiner Pflichten, in der Betätigung des Guten, im Uebcn der Tugend. Welch ein Gegensatz! O, wie vielen Israeliten wurde die glänzende Außenseite der fremden Kultur zum Fallstrick, wie viele gaben sich willenlos dem Reize hin, den die neue Bildung auf sie ausübte! Gewiß wollen wir cs nicht bedauern, daß damals unsere Väter sich auch mit griechischer Wissenschaft vertraut machten, aber leider drang daneben die griechische Sittenlosigkeit verheerend in die Reihen der Btkenner des Judentums. Da gab es bald Priester, die sich nicht scheuten, durch Bestechung ihr heiliges Amt sich zu erkaufen, da gab es vor allem unter den Vornehmen und Großen Lügner und Schmeichler, Heuchler und Wüteriche, die um jeden Preis sich die Macht und die Herischafl zu sichern trachteten. Wir brauchen nur die Namen Jason und Menelaos zu nennen, die Namen jener beiden Männer, die, um die Gunst des heidnischen Tyrannen buhlend, sich die höchste Ehrenstellung e>schlichen, und wir können ermessen, wie tief die SiltenverderbniS unter den Juden bereits eingerifsen war. Gerade in dieser Zeit, wo der innere Kampf zwischen jüdischer und griechischer Lebensanschauung, zwischen Pflichtgefühl und Genußsucht bereits heftig tobte, brach der äußere Kampf loö, begann der Syrerkvnig, die jüdische Religion zu verfolgen und versuchte, die Anerkennung des heidnischen Glaubens zu erzwingen. Und in eben dieser Zeit, da die Gefahr von innen und außen drohte, da viele Juden mit dem Griechentum liebäugelten und zugleich die Heiden das Judentum zu unterdrücken trachteten, traten die Makkabäer auf und befreiten die Religion aus der doppelten Gefahr, in der sie geschwebt hatte. Das Land wurde wieder frei von dem Druck dessyrischen Gewaltherrn, aber die Israeliten schlossen sich nunmehr auch enger zusammen und ließen die Lockungen des Griechentums nicht mehr an sich herantreten. Und so blieb die jüdische Lehre erhalten, die Lehre, daß der Mensch sein Glück zu suchen habe in der Erfüllung seiner Pflichten, sie blieb erhalten bis auf unsere Tage; und diese Lehre ist heute ein Gemeingut aller gesitteten und besonnenen Menschen, sie hält uns zusammen zu ernster Arbeit und zu nachhaltigem Schaffen: nicht auf den Genuß, sondern auf das Gute und Edle ist unser Leben gerichtet. Die zweite, nicht minder wichtige und hoffentlich unvergängliche Frucht der Makkabäerkümpfe ist aber die: jene Känipfe haben Israel stark gemacht für alle Zeiten gegen Verfolgung und Unterdrückung wie gegen Lockung und Verführung. Juda, der Makkabäer, hatte gezeigt, wie auch eine kleine Schar, wenn sie nur einig und geschlossen zusammenhält, ihren Glauben zu verteidigen imstande ist; die späteren Geschlechter sind seinem erhabenen Beispiel treu geblieben und haben tapfer ausgehalten, was immer an Leid und Elend über sie hereinbrach. Genau ein Jahrhundert später betraten zum ersten Mal römische Legionen das heilige Land, und wieder hundert Jahre weiter, da wurde der Tempel zerstört und das Land verwüstet, da wüteten Feuer und Schwert erbarmungslos unter den Nachkommen des Makkabäergeschlechtes. Und was Titus und seine Horden verschont hatten, das sank dahin, als Kaiser Hadrian von neuem seine Truppen nach Palästina schickte, um den Aufstand des Bar Kochba zu dämpfen; wieder wurde bei Todesstrafe die Unterweisung in der jüdischen Lehre verboten, wieder fielen Märtyrer auf Märtyrer, aber die Ueberlebenden wankten und wichen nicht, standhaft hielten sie an ihrem Glauben fest, trotz Not und Tod, trotz Drohung und Gefahr. Und doch waren diese Gefahren nur ein kleines Vorspiel gegen die Kette non blutigen und grausamen Verfolgungen, die begannen, als die aus dem Schoße des Judentums hervorgegangene jüngere Religion zu Macht und Einfluß gelangte und in den glanbenstreuen Juden ein lästiges Hindernis für ihre Ausbreitung sah. Was immer menschliche Grausamkeit ersinnen kann an Schmerzen und Qualen, das haben unsere Väter.ertragen müssen um ihrer heiligen Lehre willen. Um ihrer Lehre willen sind sie aus ganzen Ländern verjagt worden, in denen sie viele Jahrhunderte in Glück und Wohlstand gelebt hatten; um ihrer Lehre willen haben sie den Scheiterhaufen bestiegen und ihre Seele auSgehaucht mit den Worten r „Höre, Israel, der Ewige, unser Gott, der Ewige ist einzig." Um ihres Glaubens willen verdammte mall sie zu völliger Rechtlosigkeit, schloß sie ab von der Gemeinschaft der Menschen und ließ sie in der Abgeschlossenheit verkommen. Aber was auch Unduldsamkeit und Fanatismus an Israel sündigten, Israel harrte aus im Glauben und im Hoffen, MakkabäergeistwarinseinenBekennern allzeit lebendig, und machilos zerschellten an diesem Makkabäermut die Wogen des Hasses seiner Gegner und Verfolger. So hat sich Israel erhalten bis auf den heutigen Tag^ die Stürme früherer Iah,Hunderte sind über den alten Stamm dahingebraust, sie haben wohl manches Blättlein — 2