Mannheim
Compact Memory

Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands · 1911-11-01 · 11 (1.11.1911) · p. Seite 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
Volume
2 (1911)
Issue
11 (1.11.1911)
Date
1911-11-01
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/4926451-6352328-6352455--0246-4929516
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Ganz anders verhält es sich aber mit der Organisierung und Leitung der Wahlen. Wie ja auch schon früher durch Beschlüsse des Verbandsvorstandes (vgl. Mitteilungen vom 1. Okt. 1910, S. 12) bestimmt wurde, müssen wir diese Tätigkeit den hierzu berufenen Organisationen überlassen, den Ortsgruppen des Zentralvereins und — wo diese nicht existieren — besonderen ad hoc gewählten Komitees. Unsere Jugendvereine sind aber nicht als Kampforganisationen geschaffen worden, ihre Aufgaben sind nicht politische, sondern erzieherische; es kommt noch hinzu, daß unsere Vereine Angehörige der verschiedensten Berufe und — unter den Kaufleuten — der verschiedensten kaufmännischen Organisationen umfassen. Eine ossszielle Beteiligung der Jugend- Vereine würde daher manche Konflikte heraufbeschwören; die Aufstellung besonderer Kandidaten — wie es der Antrag des Wedell—Vereins, Düsseldorf verlangte (Mitteilungen vom 1. Okt. 1910, S. 12) — in den meisten Fällen einen schweren taltischen Fehler bedeuten. Ist daher die Teilnahme der Jugendvereine als solche an den Kaufmannsgerichtswahlen nicht erwünscht, so mutz das Eintreten der einzelnen Verbandsbrüder gegen alle antisemitischen Bestrebungen, insbesondere auch bei diesen Wahlen, als eine selbstverständliche Pflicht gelten. Preffeschau. Ein Appell an die jüdische Jugend Italiens. Die in Florenz erscheinende Wochenschrift „La Settimana Jsraelitica" veröffentlicht einen Appcll an die männliche jüdische Jugend Italiens, der diese im Interesse der Zukunft des Judentums zu einer gemeinsamen Aussprache zusammenruft. Der Aufruf lautet in deutscher Uebersetzung wie folgt: „Es gibt in Italien glücklicherweise noch viele junge Leute, die dem Judentum den Glauben bewahren. Nicht, als wenn sie alle kraftvoll am jüdischen Leben teilnehmen; viele stehen sogar der religiösen Betätigung fern und hatten niemals die Idee, irgend ein Kultus- oder Verwaltungsamt in den jüdischen Gemeinden zu bekleiden. Aber sie alle fühlen noch etwas Inniges, Tiefes — vielleicht Unaussprechliches, weil zu innig und zu tief —, das sie an das Judentum bindet, das sie für die Probleme des Judentums interessiert, das sie stets den Erinnerungen ihrer Väter anhangen läßt und sie zu einer aufrichtigen Achtung des traditionellen Glaubens ihres Stammes leitet. Einige dieser jungen Leute fühlen für das Judentum eine Anhänglichkeit, die sie nicht zu schildern vermögen und überdies zögern, kundzutun resp. sich selbst zu erklären. Andere haben sich schon in die Rethen derer gestellt, die im Journalismus und anderwärts für den guten Namen Israels, für die Erhaltung der jüdischen Tugend und die gedeihliche Entwicklung der jüdischen Institutionen kämpfen. Wer sich mit dem jüdischen Leben Italiens befaßt, kennt manchen dieser jungen Herren; weiß, daß viele derselben, die in Italien leben, zu genieinichaftlichem Wirken zusammengesührt, in Zukunst eine Macht und ein Schatz Israels werden könnten, wenn ste sich einmütig begeistern und zur Klärung ihrer Ideen und ihrer jüdischen Gefühle voranschreiten würden. Wir haben nun gedacht: Weshalb sollte diese Begeisterung nicht kommen können? Weshalb sollte man nicht die Art und Weise suchen, die einen mit den anderen der zerstreut wohnenden jungen Leute, die alle einen gemeinsamen Willen des Guten und eine gemeinsame Hoffnung im Herzen tragen, bekannt zu machen? Weshalb sollte man nicht sorgen, daß die jüdischen jungen Leute Italiens, die sich noch als Juden fühlen, in ihrem eigenen Herzen ihren Glauben durch die Gewißheit, vereint zu sein und nicht vor Entmutigung und Vereinsamung sterben zu müssen, befestigen? Wir haben daher an ein Projekt gedacht, das uns wahrhaft gut, originell und notwendig scheint. Wir haben gedacht, die Idee einer Zusammenkunft von jüdischen jungen Herren in irgend einer Stadt Italiens zu lancieren, um endlich die jugendlichen Gemüter zu mustern, auf welche die religiöse und moralische jüdische Idee rechnen kann. Und diese Idee möchten wir heute weitergeben. Vor allem ein Vorwort und eine Aufklärung! Das Programm dieser Zusammenkunft haben wir noch nicht zusammengestellt. Wir wünschen, daß das Programm von der Verlammlung selbst zusammengestellt werde, die eben eine schlichte, freundschaftliche und herzliche Zusammenkunft bilden soll und keinen akademischen, bureaukratischen, offiziellen feierlichen Kongreß. Die jungen Leute sollen sich dort vor allem kennen lernen und begeistern. Aus verschiedenartigen Schulen hervorgegangen, von verschiedenartigen Gebieten des Studiums und Schaffens herbeigeeilt, sollen sie dort die Muße finden, auf herzliche Weise ihre Gedanken über ihre Religion, über ihre jüdische Aufsassuug und ihr jüdisches Empfinden auszutauschen, abseits von irgendwelchem offiziellen Zwang, irgendwelcher antagonistischen oder persönlichen Voreingenommenheit. Die Diskussionen müßten sich um zwei oder drei bedeutsame Referate bewegen, vorqetragen von zwei cder drei Teilnehmern, die eine größere Betätigung im jüdischen Leben aufzuweisen haben und für die Materie des Judentums eine größere intellektuelle Reife besitzen. Als Ort der Zusammenkunft könnte eine der Ausstellungsstädt^ gelten, Rom, Turin oder Florenz. Die Einzelheiten der Versammlungen könnten von einem provisorischen Komitee nach Eingang her ersten Zustimmungen zu dem Vorschage beschlossen' werden. Für jetzt ist es das Wichtigste, die größtmögliche Anzahl Zustimmungen zu erhalten. Demnächst werden wir sagen, welche Themen uns für dle Behandlung bei der Zusammenkunft wesentlich scheinen; wir erwarten aber vorerst Ratschläge und nicht nur Zustimmungen. Wer immer die Schönheit der Idee begreift — zum' ersten Male die intelligentesten und denkendsten jüdischen jungen Leute Italiens vereinigen! den Aufbau der neuen jüdischen Generation als homogenes Ganze beginnen! - schreibe uns und sende uns nicht allein Zustimmungen, sondern auch Ratschläge. Alle jungen Leiltc, die an der Zusammenkunft teilzunehmen wünschen, mögen uns ihren Namen milteilen und ihre Gedanken und Wünsche aussprechen. Das Projekt könnte so einer schnellen Verwirklichung entgegengehen. Wir wenden uns an die jüdische italienische Jugend, in der Hoffnung, daß sie unseren Appell anhören und aufnehmen werde, und vertrauen auf den aufrichtigen, schnellen und standhaften Beistand derer, die sich für die Zukunft des Judentums interessieren, und es fühlen, daß diese Zukunft von der neuen Generation abhängt. Wir wiederholen es: Keine Spaltungen nach Partei, Schule oder Gemeinde. Wir wollen Zustimmungen von allen. Mögen uns auch unsere Milbrüder der Presse unterstützen. Wir müssen alle vereint sein in diesem guten Werke, und wir fühlen schon die Gefolgschaft derer, welche unter den tüchtigsten die ersten Stellungen einnehmen. Unser Freund, Herr Dr. David Disegni aus Verona, hat zum Beispiel schon mit Wärme unsere Ideen ausgenommen und ist ein begeisterter Wortführer derselben geworden. Wir hoffen auf viele Organisatoren der Versammlung, die sein Beispiel nachahmen und es ihm gleichtun an Eilfertigkeit und Mut." Ein bekannter Gelehrter und hervorragendes Mitglied der jüdischen Gesellschaft in Florenz hat mit unserem Geschäftsführer eingehend über die Jugendbewegung in Deutschland gesprochen und von ihm unsere „Mitteilungen" sowie manches andere Material erbeten.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.