Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 2 (1911)
- Issue
- 11 (1.11.1911)
- Date
- 1911-11-01
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
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Autorität zu dienen mit Vertrauen und Hingabe: ein Jude, dem endlich die Erkenntnis aufgedämmert ist, daß uns Juden nicht zu Helsen ist ohne den Gedanken der Organisation, und daß Organisation undenkbar ist ohne Disziplin, d. h. ohne die Zurückhaltung, die Selbstbeherrschung und die Zucht eines jeden. Das, denke ich, ist ein klares Programm. Vielleicht zu klar für manchen. Ich habe heute freilich nur auf der 0-Saite die tiefe, herbe Melodie des Lebens und der Wahrheit gespielt. Zum ersten Male diese Melodie. Sie mag traurig sein. Aber nachklingen soll sie. Und wer Gehör hat, der spiele sie mir nach. Wenn sie doch recht populär würde, diese Melodie! Wer Gehör hat, wird freilich noch etwas anderes herausgehört haben aus meinem Spiel, als den Ton der Bitterkeit über etwas, was uns fehlt: Den Ton der Liebe. Und wenn er mir die Melodie nicht Nachspielen kann mit diesem Ton der Liebe, wenn er sie nur als einen dan8e maccabre oder gar nur als einen spöttischen Gassenhauer herunterhauen kann: Zun: Teufel erst das Instrument, Zum Teufel hinterdrein den Sänger! Wer aber ganz deutlich hingehorcht hat, der inuß noch ein drittes vernonunen haben: Den Ton der Hoffnung. Ich glaube, daß es bester werden wird. Hätte heute nicht gesprochen, wenn ich es nicht glaubte. Warun: glaube ich es? Weil wir Juden wohl Fehler haben, Erziehungsfehler: der Grund aber in uns, der Rohstoff, das Metall unseres Lebens, das ist herrlich. Wir haben Idealismus und Opfermut, wir haben Begeisterung und Hingabe, Leidenschaft und Geduld. Kommt die Selbsterkenntnis hinzu, so haben wir zum Metall noch den Hammer und können uns unsere Zrckunft schnrieden. Und wie wird diese Zukunft aussehen? — Dieses Jahr Knechte, künftiges Jahr Männer, freie Männer! Zur Frage der Beteiligung an den Kanfrrmmrsgerichtswahle«. Geehrte Redaktion! Gestatten Sie mir zu den Aussührungen des Herrn Referendar Löwen st ein aus Aachen, anläßlich Des Delegiertentages, einige Bemerkungen zu machen, zumal ich als langjähriger Kaufmannsgcrichlsbeisitzer nicht ganz ohne Erfahrung sein dürfte. — Der Herr Referent meinte, cs wäre nicht angängig, daß die Jugendvereine als solche an den Kaufmannsgerichtswahlen teilnehmen sollen. — Diese Bemerkung kann ich nicht gutheißen, schon aus dem Grunde nicht, weil es den Wahlberechtigten zur Untätigkeit verurteilen würde. Es ist ja der Fluch unserer Zeit, daß jeder über alles Mögliche schimvft — aber alles unterläßt, vie Zustände zu bessern. — Wenn ich mich bei den öffentlichen Wahlen — ganz gleich, ob zum Ctadtvarlament, Abgeordnetenhaus oder Reichstag — nicht betätige und meine verbrieften Rechte als Staatsbürger nicht ausübc, jq muß ich mir gefallen lassen, wenn meine politischen Gegner ans Ruder kommen; so ähnlich liegt cs bei den Kausmanvsgerichtswahlen. — Politik gehört zwar nicht vor die Schranken des Gerichts. — Aber aus welchem Grunde gestattet das Gesetz über die Kaufmannsgerichte vom 6. Juli 1904, 8 11, die Wahl der Beisitzer? — Nirgends kann sich jemand seine Richter wählen (beim Schwurgericht hat der Angeklagte höchstens ein Ablehnungsrecht). Ter Gesetzgeber wollte haben, daß die Vertrauensleute der Rechtsuchenden hineingewählt werden. Ich erwähne nur den antisemitischen Deutschnationalen Handlungsgehülfen-Verband in Hamburg: sollen wir durch „N i ch t b e 1 ä t i g u n g" dafür sorgen, daß d i e s e Herren ans Ruder kommen, daniit sie dann in die Welt posaunen, sie hätten so und soviel Sitze da und dort erworben, und diese zum Maßstab ihrer grenzenlosen Macht stempeln? Eine Extrawurst braucht uns nicht gebraten zu werden, wir können uns Organisationen anschließen, bei denen die Gleichberechtigung der Konfessionen statutarisch und in praxi verbürgt ist, dort haben unsere jüdischen Kollegen noch immer Schutz und Unterstützung gefunden, aber dort — wo antisemitische Kandidaten auf der Liste stehen, müssen alle Mann an Bord, selbstverständlich auch die jüdischen Kollegen — auch die nicht organisierten, hiervon gibt es leider noch Tausende. Aber der jüdische Jugcndbund muß auch solche Wahlen unterstützen: „Nur der verdient sich Freiheit, wie das Leben, Der täglich sie erobern muß" und schließlich von demselben Dichter: „Nur die Lumpe sind bescheiden, Brave Männer freuen sich der Tat." Hochachtungsvoll Max Krieg, Liegnitz. * * * Herr Referendar Karl Löwen st ein äußert sich dazu folgendermaßen: Ich benutze gern Ihre gütige Aufforderung, wich zu den Ausführungen des Herrn Krieg zu äußern, da mir dadurch Gelegenheit geboten wird, einige Mißverständnisse auszukläre». Auf der Delegiertenversammlung (vgl. Mitteilungen Nr. 0, S. 6) habe ich mich nur dagegen gewandt, daß sich die Jugend« vereine als solche an den Kaufmannsgerichtswahlen beteiligen, habe mich aber mit keinem Worte gegen die Teilnahme der e i n z e l n e n M i t g l i e d e r am Wahlkampfe ausgesprochen. Im Gegenteil, ich betonte noch ausdrücklich, daß wir bei unseren Mitgliedern soviel Selbstbewußtsein voraussetzen müssen, daß sie, wenn es sich um die Bekämpfung des Antisemitismus handelt, selbstverständlich ihre ganze Kraft einsetzen. Denn in dem Rahmen der Erziehungsaufgaben unserer Jugendvereine erscheint es nicht nur zulässig, sondern auch unbedingt notwendig, daß unsere Mitglieder über die Bedeutung der Bekämpfung des Antisemitismus aufgeklärt worden, und daß bei ihnen Interesse und Begeisterung für diesen Kampf geweckt wird. Daran hindert uns auch nicht, wie ich gleichfalls bereits auf der Delegiertenversammlung hervorhob, der neutrale Charakter unserer Bewegung, denn hierauf bezieht er sich nicht; den Antisemiten werden wir niemals neutral, sondern stets feindlich gegenüberstehen müssen. Ich unterschreibe daher alles, was Herr Krieg über die Beteiligung unserer einzelnen Mitglieder an dem Wahlkampf gesagt hat. — S