Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 2 (1911)
- Issue
- 11 (1.11.1911)
- Date
- 1911-11-01
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
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Tort lernt das Kind, seinen Körper in der Gewalt zu haben, lernt die Oekonomie des Leibes. Wer sich aber auf die Oekonomie des Leibes versteht, der wird sich auch bald auf die Oekonomie der Seele verstehen. Die Disziplin des Turnsaals ist eine gute Vorschule für die Disziplin in der Gesellschaft. Wenn ich einen Sohn habe, der im Turnen Vorzügliches leistet, will ich ihm gern gestatten, einmal sitzen zu bleiben. Zucht aber auch dem Jünglinge noch, der ins Leben tritt, denk jungen Kaufmann, dem Studenten! Den sollen seine Eltern in die für ihn bestimmten Vereine schicken. Vor allem wieder in diejenigen Vereine, in denen es eine Disziplin gibt: in die Vereine mit straffer Organisation, die man füglich als Erziehungsvereine bezeichnen kann. Das sind die Turn- und Studentenvereine vor allen Dingen. Was nützen uns die literarischen Kränzchen und dramatischen Klubs, in denen es so wunderbar „zwanglos" zugeht, und deren ständiges Charakteristikunl es ist, daß sie eingehen, wenn keine Damen ausgenommen werden. Der junge Mann soll lernen, mit Kraft und Anstand ein Joch zu tragen, einem Zwange sich zu unterwerfen, der alle beherrscht. Da aber ein solcher Zwang nur dann segensreich wirken kann, wenn eine Idee hinter ihm steht, und da es ja die Autorität des Judentums ist, die wir ersehnen und erarbeiten wollen, so kommen für unsere jungen Leute nur die jüdischen Turn- und Studentenvereine in Betracht. Diese leider noch viel zu dünn gesäten Vereine, zu denen in letzter Zeit noch die große Anzahl „jüdischer Jugendvereine" gekommen sind, vollbringen heute in unserm Vaterlande ein größeres Kulturwerk unter uns als irgend eine andere Organisation, als Loge, Literaturverein, Zentralverein zusammen. Ein größeres Kulturwerk, als der Herr Vater und die Frau Mutter ahnen, die immer meinen, daß für ihren Sohn, ihren Stolz, der Studentenverein der erste Schritt ’ zum Verbummeln ist. Denn diese Vereine begnügen sich nicht, ihren Mitgliedern die Kenntnis des Judentums zu übermitteln, begnügen sich nicht, Diskussionsklubs für künftige Anwälte zu sein, begnügen sich nicht, Fabriken für geistreiche Biermimiken, bunte Ballarrangements und glänzende Wichsparaden zu bedeuten, sondern sie wollen etwas schaffen, was mehr ist, was nach ivenig aussieht und alles ist: Den Mann! Seit mehr als zehn Jahren stehe ich nun mitten in der jüdischen Studentenbewegnng und habe sie kvmnien sehen, all die Stolze der Familie, all die Juwelen der Provinz, die gestern noch sn Vaters Tische das große Wort führten und von Mamachen bewundert wurden, und nun plötzlich am ersten Tage, wo sie im Verein ihre neue Weisheit auskramen wollten, hören mußten: Du hast den Mund zu halten, wenn Erfahrenere sprechen, Fux! Und habe ihre Empörung erlebt, wie sie zuerst von der Knebelung ihrer Individualität zu schreien begannen, wie sie sich auf die Freiheit der Persönlichkeit beriefen und erst allmählich einsehen lernten, daß nian einer Idee nur dienen kann, indem man sich ihr unterwirft, daß man zum Herrschen nur kommen kann durch Selbstbeherrschung, daß nur Respekt Respekt erzeugt, daß den Mann nicht der Mund macht, auch nicht der Geist, auch nicht die Moral, sondern die Zucht. Wenn diese Erkenntnisse allgemein würden, und wenn künftig so unsere Kinder, unsere Jünglinge so erzogen würden, dann würden wir Juden Männer bekommen und mit den Männern Macht. Heute? Wie steht's denn heute bei uns aus? Alles zerrissen und zerfahren. In allen Fragen so viel Schulchan-aruchs als Köpfe. Jeder ist seine eigene Partei. Jeder ist sich selbst zu interessant und zu wichtig, als daß er zu einem Führer Vertrauen hätte. Wir sind die Outsiders im eigenen Lager. Wir sind das Volk der Sezessionisten und Kliquen. Wir sind die Sippe der „Etzesgeber", der Besserwisser, der Ntchtausredenlasser. Wir legen in der politischen ebenso wie in der gesellschaftlichen Eisenbahn unsere Stiesel auf die gegenüberliegende Bank, ziehen sie erschrocken zurück, da ein neuer Gast hereinsteigt, um sie mit dem klassischen „Ae soi!" der Nichtachtung wieder in jene unanständige Lage zu bringen, da sich herausstellt, daß der andere ja auch „nur ein Jude" sei. Unser von den Feinden geschmähtes, von uns selbst gepriesenes Zusammenhalten ist in Wahrheit nur ein Zusamrnenstecken Wir kennen keine Autorität als die Autorität des Erfolges. Und selbst diese Autorität lassen wir für nichts gelten als ein Aushängeschild, eine Dekoration. Wir verteilen Orden, keine Macht. Das ist bitter, und ich weiß, manch einer wird es mir nicht danken, daß ich hier die Wunde so bloßgelegt habe. Aber es ist so, bei Gott, es ist so: Vom Tiefsten bis zum Höchsten, vom Kleinlichsten bis zum Idealsten, vom „Khillemachlokes" bis zum politischen Kampf, wir sind das Volk ohne Autoritäten. Und weil es so ist, darum sind wir heute für eine jüdische Politik unbrauchbar, sind wir ohnmächtig, unsere Rechte zu erlangen, und ohnmächtig, im Innern ein gesundes jüdisches Leben zu entfalten. Wir haben wohl große Organisationen, aber es fehlt ihnen die Stoßkraft. Die Alliance israeltte universelle, die nach dem großen Worte ihres Begründers Crsmieux dazu bestimmt sein sollte, das Gouvernement, die Regierung des jüdischen Volkes zu sein, das repräsentierende Sprachorgan des Judentums den europäischen und den anderen Regierungen gegenüber, sie ist eine Sammelbüchse für kulturelle Zwecke geworden, leistet als solche manches Gute, aber das wahrhaft Große ist klein geworden. Wo ist der deutsche Judentag, den einer der Besten unter uns plante? Die große Idee ist in denr kleinen Kasten des Verbandes der deutschen Juden eingesargt worden. So geht es den großen Ideen unter uns. Aber es könnte anders sein. Wenn wir ein Mannesideal Hütten, ein Erziehungsideal, das nicht bloß darauf zielte, daß der Junge niöglichst weit tni Leben komme, eine möglichst gute Heirat mache und niöglichst angesehen und reich werde, sondern vor allem darauf, daß er zu einer Vollnatur wachse, daß er ein Mann werde, der Respekt hat vor der Mannhaftigkeit des andern; ein Jude, der in dem andern nicht den steht, der auch nur ein Jade ist, sondern den Mann, um den der Bannkreis der Persönlichkeit gezogen ist, vor dem es „Halt!" heißt unb „Hut ab!" für den Kaiser selbst; ein Jude, der weiß, ivas es heißt, Distanzen zu haben und Distanzen 31t respektieren; was es heißt, einer