Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 2 (1911)
- Issue
- 11 (1.11.1911)
- Date
- 1911-11-01
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
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«lichte noch weitergehen: Wir sind wie die Insassen eines Gefängnisses. Weiß man, wie es da zugeht? Dort sitzen Millionäre wegen Unterschlagung neben räuberischen Kloakenreinigern, Kommerzienräte wegen Sittlichkeitsvergehen neben Totschlägern aus der Hefe des Volkes. Und was tun sie, die das Elend dort zusammengebracht hat? Sie duzen sich, der Kloakenmann den Kommerzienrat. der Totschläger den Geldunterschlager. So geht es mit uns Juden. Wir sind wie die Gefangenen: wir duzen uns alle, auch wenn wir „Sie" sagen. Hinter jedem „Sie", das wir zu einander sprechen, hinter jeder „vorzüglichen Hochachtung", hinter jedem „Hochwohlgeboren" steckt ein grinsendes Du, steckt der wahrhaft empörende Rippenstoß einer Jnttmirät, die jeden Respekt ausschließt. Wir müßten Masken tragen, wie die badischen Sträflinge, wenn sie zusammengebracht werden, damit wir Respekt vor einander bekommen. Schnitzler hat Recht, wenn er sagt, es könne Neid, Haß, ja, manchmal Bewunderung, an» Ende sogar Liebe zwischen Juden existieren, Respekt niemals. Der Jude kennt keine Autorität in der Judenheit, und sobald sich eine Autorität geltend «lacht, sträubt er sich und verteidigt sich mit falschen demokratischen Begriffen. Ist es nicht interessant, daß wir Juden, das konservativste Volk, gleichzeitig das demokratischste sind? Wie läßt es sich verstehen, daß wir, die Anhänger der fortschrittlichen und demokratischen Parteien, unser Judentum selbst nach den Prinzipien des „Jichus", der Plutokratie regieren? Daß in unseren Gemetndevorständen und -repräsentanzeu nicht immer diejenigen sitzen, die die besten Juden sind, und das größte Interesse haben, sondern nur zu oft die, welche den besten Titel und den größten Geldbeutel haben? Wie lassen sich solche Tatsachen anders erklären, als daß ivtr Juden nur der Not gehorchend, nicht dem eigenen Triebe, demokratisch sind? Hätten wir alle Rechte im Staate, wir ivären konservativ bis zur Intoleranz. Wir sind demokratisch, weil ivir die Wildlinge der Gesellschaft sind. Unsere, die jüdische Gesellschaft, unsere, die jüdische Organisation, ist lind kailn uns kein Znchtmeistcr sein. So bleiht uns nur ein Zuchtnieister übrig: Die I a in i l i e. III. Da ergibt sich denn von selbst die Frage: Was leistet heute die jüdische Faniilie in der Erziehung des Juden ziir Selbstzucht? — Und nur eine Antwort: Nichts! Wer "möchte die Bedeutung der Familie in unserein Volke leiignen? In einer Zeit, da eine Welt von Feinden »ns zu verschlingen drohte, war sie der Anker, der unser Schtfflein hielt. Sie ist heute keiii Aiiker mehr, Wohl können ivtr uns iioch heute der Zartheit der Fainiltenbaiide rühmen, aber unser erzener Fels ist sie nicht mehr. Auch bei »ns kann das Lied von den Vätern und den Söhnen gesungen werden. Aber nicht das ist es, worauf es hier ankommt. Sondern das Schicksalsschwere liegt darin, daß das, was früher die Vorzüge der jüdischen Familie waren, heute Nachteile geworden sind. Unsere Familie bedeutet ein Stück Mittelalter htneingeflickt in den Teppich der modernen Zeit. Damals ging und mußte alle Erziehung ilach inneil gehen, das jüdische Kind ivurdc für die Familie und in die Faniilie hinein erzogen. Eine solche Erztehiing kouiite »licht zärtlich genug fein. Seitdem aber die Ghettomauerii fielen und wir in das allgeiileiile Wirtschafts- und Gesellschaftsleben eintraten, hätte dementsprechend die Erziehung des Kindes mehr nach außen gerichtet werden müssen, in die Gesellschaft, in den Staat hinein. Da mußte es verhängnisvoll werden, wenn man bei der alten Erziehung blieb. Das, was uns früher stark gemacht hat, die Zärtlichkeit im Hause mußte uns jetzt schwächen und fürs gesellschaftliche und politische Leben untauglich machen. Und das ist es, was ich heute au nuferer Jugenderziehung auszusetzen habe. Auszusetzen habe, obgleich es geschichtlich zu begreifen und auch z»i entschuldigen ist. Unsere Erziehung leidet an einer Vergütternng des Kindes. Bei den kleinen und mittleren Juden, die ununterbrochen aufwärts streben und sich beu Bissen vom Munde sparen, uni den einen Sohik studieren zu lassen, dem andern das Sprungbrett zuni Reichtum zu geben, finden wir dies am stärksten allsgeprägt. Nur zu ilatürlich. Ihre Kinder sollen niehr iverden als sic, sind also schon niehr als sie. Solche Eltern setzen gar oft ii» blinder Liebe ihren etgeneir Willen hinter den Willen ihrer Kinder. Ich habe die Ergebliisse solcher Erziehuilg unter den jungen Studenten zu Dlltzenden kennen gelernt, diese Blumensträuße von Arroganz und Selbstgefälligkeit, von Urteilsanmaßung und Btldungshochniut, von Egotsmlls und Unbescheidenheit. Aber selbst unter beu Hochgebildeten ist es.oftnicht anders. Nur daß mau sich dort mit dem Flitterkram moderner Schlagworte behängt. Dort lebt man im „Jahrhundert des Kindes". Dort huldigt man der sogenannten individuellen Erziehuilg. Deuii jedes Baby ini Steckkissen, jedes Bübchen und Töchterchen ist ja eine Individualität, die gepflegt und gehütet sein will, jeder verseschretbende Sekundaner ist ein Geilte, der Stolz der Familie. Eine Erkenntnis aber fehlt hier wie dort: Daß die einzige Erziehung, die nicht bloß dem einzelnen, sondern auch dem Judentum als Ganzem heute gedeihen kanii, in iitchts anderkin bestehen darf als in den», ivas die altdeutschen Sänger „Zucht" nannten. Ob einer ein guter Kaufmann oder ein tüchtiger Auwalt wird, hängt wenig oder gar nicht von der häuslichen Erziehung ab. Mail kann es weit bringen, auch weiin man kein Charakter ist. Ini Gegenteil: Charakter ist eine Kugelkettc am Fuß des Karrieremachers. Wer aber will, daß sein Sohn es nicht bloß weit bringen, sondern nebenbei auch ein Mensch, ein ganzer Mannj iverden soll, der überall, auch in der Gesellschaft und in der Politik seinen Platz ausfüllt, und nur einen solchen kann man einen Mann nennen, der muh ihm inehr geben als Liebe lind Wohlwollen, mehr als Nachsicht lilld Zärtlichkeit: Zucht! Zucht dem Killde im Hause, Zucht dem Jüngling, der ins Leben tritt. Zucht dem Kinde im Hause! Ein Vater muß seinem Kinde Autoritäten geben, muß ihm Grenzen und Henlmnisse setzen, muß es lehren, sich unterzuordne», seine Empfindungen zu beherrschen, seinen Witten zu zähmen. Die für unsere jüdischen Kinder wichtigste Stunde in der Schule ist die Turnstunde. Dort etwas zu leisten, mllß eine der ersten Forderlingen jüdischer Eltern an ihre Kinder sein. 7 —