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Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands · 1911-11-01 · 11 (1.11.1911) · p. Seite 6

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Journal
Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
Volume
2 (1911)
Issue
11 (1.11.1911)
Date
1911-11-01
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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diese Unarten jüdische Unarten sind. Denn mögen sie immerhin auch anderwärts Vorkommen und deshalb manchen: nur als die Ergebnisse einer schlechten Kinderstube erscheinen, so ist doch ihr Auftreten in den jüdischen Kreisen so allgemein, so weitverbreitet, daß wir ihnen das Prädikat „jüdisch" wenigstens in einem äußeren, rein lokalen Sinne beilegen müssen. Man kann sie überall erkennen, wo Juden Zusammenkommen. Man findet sie in jeder großen und kleinen Gemeinde, man sieht sie aus Bällen und Vortragsabenden, matt trifft sie bei jeder Feierlichkeit und bei jeder Versammlung, selbst das Gotteshaus verschonen sie nicht. Sie erscheinen in tausend Formen, bald als Unbescheidenheit, bald als Rücksichtslosigkeit, bald als Ungeniertheit, bald als Taktlosigkeit und bald auch als Arroganz. Und sollte sie einer leugnen, so rufe ich den Leugner selbst zum Zeugen auf, daß er. hundertmal über diese Unarten gelacht oder gelächelt hat, und zwar verständnisinnig. Und leugnet er sie weiter, so zwinge ich ihn, mit mir in das Reich der jüdtfchen Witze hinabzusteigen, die uns die Tragikomödie des Judentums nur zu oft mit einem so unbarmherzigen Realismus Vorspielen, daß wir eher weinen als lachen möchten. Dies ist die Voraussetzung, aus der ich alle meine Schlüffe ziehe. Nur wer unbefangen genug ist, die Fehler seines Stammes zu erkennen und anzuerkennen, und ernst genug, sich mit ihnen nicht in der beliebten spöttischen Manier, sondern mit Gewissenhaftigkeit abzufinden, wird mir heute folgen können. Und wird zu seinem Tröste bald einsehen, daß all diese Fehler, nicht wie unsere Feinde behaupten, Erb- und Raffefehler, sondern Erziehrmgsfehler sind, etwas, was Erziehung hervorgerufen und deshalb auch Erziehung beseitigen kann. Wenn es sich nun darum handelt, alles das, was wir jüdische Unarten nennen, auf eine Formel zu bringet:, so kommen wir einigerniaßen in Verlegenheit. Die Forn:en, in denen sie sich äußern, sind so verschiedenartig, daß man eigentlich nur einen gen:einsan:ei: Namen für sie hat: Golus. Und damit ist praktisch wenig gesagt. Immerhin kann man behauptet:, daß der große Teil all unserer Unarten mtf einen: Mangel an Selbstzucht beruht. Ich bitte, hier Selbstzucht im weitesten Sinne zu verstehen imd in einer gewissen Verschmelzung mit dem Begriffe des Selbstbewußtseins. Selbstzucht ist in diesem Sinne sowohl eine individuelle als airch eine soziale Tugend. Wer Selbstzucht hat, keinit erstens die Grenzen seines Charakters ultd weiß seinen Charakter in diesen Grenzen zu halten, und zweitens kennt er die Grenzen zwischen sich und den anderen, hat er das untrügliche Gefühl für die Stellung der eigenen Person inmitten der Gesellschaft, hat er jenes undefinierbare Etwas, das uns fähig macht, an jedem Orte, zu jeder Stunde das Rechte zu tun und zu sagen: den Instinkt des Angemessenen, das soziale Augenmaß: den Takt. Das ist es, tvas uns fehlt. Das fehlt uns :m privaten und das fehlt uns im öffentlichen Leben. Warun:? Es muß einen Grund haben. Wo liegt die historische Erklärung dieser Erscheinung? Mm: könnte versucht sein, in die fernsten Zeiten zurückzugehen und nichts anderes in ihr zu sehen. als das alte Korachübel Israels. Aber man soll sich davor wohl hüten. Die Geschichte von Korach, der auf die Auserwählung des gesamten Israel pochend sich gegen Mose, den durch seine persönliche Autorität Auserwählten, empörte, kann nur den Wert einer Analogie für uns besitzen. Denn wenn wir behaupten wollten, daß der Gedanke der Auserwählung, der Aristokratisierung des ganzen Volkes schuld daran ist, daß es für den Juden im Judentum selbst keine Autorität gibt, daß der Schnorrer dem Rothschild gleich, also der Rothschild dem Schnorrer verpflichtet sei, und wenn man schließlich diese Erwägung noch mit der vielfachen Zerrissenheit und den: endlichen Untergang unseres Staatswesens stützen wollte, so käme man mit eiserner Notwendigkeit dazu, in all diesen Fehlern unauslöschliche Erbfehler zu sehen. Aber es sind keine Erbfehler, sondern nur Erziehungsfehler, und ihre historischen Gründe liegen viel näher herauf, sie sind teils aus dem letzten Jahrtausend, teils erst aus dem letzten Jahrhundert erklärbar. Dieser Erklärung wollen ivir jetzt näher treten. II. Die stärksten Erzieher des Menschen neben den: Hause sind der moderne Staat und die moderne Gesellschaft. Der eine Zuchtmeister, der Staat, hat uns zweitausend Jahre lang gefehlt und fehlt uns noch heute zur Hälfte; der andere, die Gesellschaft, hat uns vernachlässigt. Während bet den anderen Völkern die sorgfältigste Schichtung der Gesellschaftskreise erfolgte und immer weiter erfolgt und das Beamtentum in der historischen Entwicklung das ganze Volk dazu erzog und erzieht, den kulturellen und individuellen Segen der Eingliederung des einzelnen in einen festen Organismus zu erkennen, sind wir Juden allezeit eine fluktuierende Maffe gewesen und geblieben. Wohl hatten wir unser talmudisches Gesetz als Erzieher, und das konnte uns auch in bösen Ghettvtagen zu widerstandsfähigen Individuen erziehen. Aber nur fürs Ghetto, nicht für die Gesellschaft. Nicht zu einem nohuxlr twor im Sinne unserer Zeit. Wir flnktuieren. Unsere Gesellschaftskreise entbehren jeglicher Gliederung. Wir sind ein Körper ohne Gerippe. Die Knochenlosigkeit ist unser Fluch. Der soziale Brei, den wir darstellen, wird noch durch das gesellschaftliche Empordrängen der niedrigsten in die höchsten Kreise vollkommen gemacht. Aber wo es keine Gliederung gibt, gibt es auch keine Eingliederung, und wo keine Ordnung ist, da lernt man auch nicht, sich unterzuordnen. Die Unbcstinnnbarkeit und Unbegrenzbarkeit unserer jiidischen Kreise ist somit der historische Grund dafür, daß den: Juden so. sehr die gesellschaftliche Zucht abgeht: Er weiß nicht, wo die Grenzen sind, weiß nicht, wie tveit er gehen darf. Da die Gesellschaft, in der er ausgewachsen ist, ihn: nicht den Takt angibt, fehlt ihm natiirlich der Takt. Er stößt an, sobald er mit Kreisen in Berührung konnnt, denen die gesellschaftliche Zucht eine Selbstverständlichkeit ist. Er wird politisch unbrauchbar. Aber es kommt noch etwas anderes hinzu, was ihn nicht bloß für eine äußere, sondern auch für eine innere jüdische Politik untauglich macht: Der Druck und die Entrechtung, die auf ihn: lasten. Wir sind, wie Arthur Schnitzler in feinen: Judenroman schrieb, wie Gefangene in Feindesland. Ich

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