Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 2 (1911)
- Issue
- 11 (1.11.1911)
- Date
- 1911-11-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Jüdische Grziehungsprolileme?) Ein Vortrag. Von Dr. Emil Cohn- Kiel. Ich bitte Sie, heute mit den bescheidensten Ansprüchen an meine Ausführungen heranzutreten. Sie wollen aufbauend auf einer psychologischen Analyse des modernen Juden nichts als eine Richtung angeben. Nur als ein Wegweiser wollen sie dastehen und verzichten darauf, als eine Generalstabskarte der jüdischen Erziehungsfrage angesehen zu werden. Von vornherein bin ich mir ja auch bewußt, daß im Grunde kein Reden vager ist als das Reden über Erziehung, keine Wissenschaft weniger exakt als die pädagogische. Sie kann ja nie allgemeingültig werden, da für den Pädagogen imnrer nur seine pädagogische Begabung entscheidend ist. Seine Wissenschaft kann ihm nur Winke geben. Trotzdem soll heute von jüdischer Erziehung geredet werden. Nicht von dem, was man gemeinhin jüdische Erziehung nennt, nicht vom jüdischen Heim und nicht von der jüdischen Schule, nicht vom hebräischen Sprachunterricht und nicht von systematischer Reltgionslehre. Nicht, daß diese. Fragen unwichtig wären. Im Gegenteil. Es ist immer eine dankbare Aufgabe, vom Judentum als Erzieher zu sprechen, unsere alte religiöse Kultur sozusagen auf das spezifische Gewicht ihres pädagogischen Gehaltes zu prüfen. Aber dieser Versuch ist schon öfter gemacht worden. Was aber noch nie beachtet, jedenfalls noch nie ausgesprochen wurde, ist die unbestreitbare Tatsache, daß ein großer Teil unserer Judenmisere seine letzten Gründe nicht darin hat, daß so viele Juden keine Juden mehr sind, sondern darin, daß so viele Juden, und nicht von den schlechtesten keine Menschen sind, jedenfalls derjenigen menschlichen Eigenschaften entbehren, die eine Gemeinschaft wie die unsere haben muß, um sich in der Gegenwart zu behaupten, in der Zukunft sich durchsetzen zu können. Und davon will ich reden: Von unserem menschlichen Manko. Und will mich nur von vornherein gegen eins verwahren: Daß man mich nicht für einen Antisemiten halte. Denn niein Vortrag bedeutet Kritik, und die Kritik wird scharf sein, ebenso scharf, aber auch ebenso liebevoll tvie das Messer eines Arztes. Und es ist ein Optimist, der das Messer führt. I. Bitte, folgen Sie mir: Ich möchte Sie in eine Gesellschaft führen, eine Gesellschaft gebildeter Juden, wir ivvllen »ns in eine Ecke postieren mid die lieben Leutchen beobachten. Die verehrte Hausfrau hat soeben die Mahlzeit gesegnet, die Türen zum Salon wurden geöffnet. Einige ältere Herren setzten sich rauchend in eine Nische, um ein Gespräch über die letzte Theaterpremiere zu Ende zu führen, das man bei Tische begonnen hat. Die jüngeren Herren und Damen stehen in Gruppen von zweien und dreien herum, der Hausherr selbst bemüht sich um einen etwas abseits stehenden Herrn, der anscheinend das erste Mal in dieser Gesellschaft ist, und von dem nian uns im Vorübergehen zuflüstert, daß es eine jüdische Berühmtheit wäre, *) Aus der Mmiatsschnst „Der jüdische Student". jener vielgenannte Schriftsteller, dessen letzter Roman so großen Erfolg gehabt hat. Während wir unsere Blicke noch über den plaudernden Saal schweifen lassen, werden wir von der liebenswürdigen Wirtin unterbrochen, die eine junge Dmne auffordert, anr Klavier zu singen. Das Fräulein beginnt, ohne sich lange zu zieren. Sie singt nicht gut, aber auch nicht schlecht, kurz so, wie auf solchen Gesellschaften immer gesungen wird. Während sie nun da am Klaviere steht, bemerken wir etwas Sonderbares. Es koinnit eine Beweglmg unter die Herrschaften im Saal. Einige junge Leute, tvohl Studenten, ziehen sich plötzlich in den offenen Nebenraum zurück, und zwar mit sehr verdächtigen Mienen. Man merkt es, sie machen sich über die dilettantische Sängerin lustig. Es folgen ihnen andere Damen und Herren, man hört unterdrücktes Gelächter. Die Herren in der Nische haben dem Anfang des Liedes einige Sekunden zugehört, jetzt nehnien sie in gedämpftem Tone ihre Unterhaltung wieder aus und merken es kaum, als die Dame ihren Gesang geschloffen hat. Das Gespräch wird lauter. Da sehen wir, wie ein junger Mann von zwanzig Jahren an den eifrig in ihrer Nische disputierenden Herren vorübergeht, ein wenig zuhört und plötzlich mit beiden Beinen in das Gespräch hineinspringt: „Entschuldigen Sie, meine Meinung ist nämlich die. . .", worauf er seine Meinung entwickelt und den alten Herren haarscharf beiveist, daß sie sich irren, mindestens, und es ihnen kaum verschweigen kann, daß er sie, gelinde gesagt, für Esel halte. Wir haben uns noch kaum davon erholt, als wir sehen, wie ein anderer junger Mann an die Berühmtheit herantritt, der er wohl gar nicht vorgestellt worden ist, und sie mit dem freundschaftlichen Kompliment attagutert: „Ich habe Ihren neuen Roman auch gelesen. Ich kann Ihnen sagen: Großartig!!" — — So spinnt das Bild sich weiter, wir aber lassen den Vorhang fallen. Was ivar das nun? Was haben wir da gesehen? Sicher etwas Alltägliches, etwas, was jeder beobachten kann, der sich gern in eine Ecke stellt und beobachtet. Kleinigkeiten, wird man sagen, Unarten, Schwächen. Gewiß. Vielleicht aber hat jemand so eigentümliche Augen, daß er in solchen Kleinigkeiten Shniptvme erblickt. Der eine sieht ein rotes Fleckchen auf der Haus: vielleicht aber sieht ein anderer Scharlach. Vielleicht konunt sogar jemand auf den Gedanken, daß nian auf den inneren Menschen viel besser aus solchen Kleinigkeiten schließen kann, als beispielsweise ans seiner politischen Stellungnahme. Ju der Tat, ich glaube, nian erkennt den Menschen manchmal klarer aus seinen Gewohnheiten und Allgewohnheiten als aus den Konfessionen seines Tagebuchs. Nicht feixten Geist, vielleicht auch nicht so sehr seinen Charakter; eines aber unzweifelhaft: seine Erziehung. Der treueste Spiegel einer Erziehung sind immer die Manieren. Und das ist es, lvas ich in dem kleinen Erlebnisse zeigen wollte: Man soll die Manieren belauschen mld den Menscheil sehen. Man sollte Unarten erleben und — die Gründe unserer politischerc ulid kulturellen Ohnmacht. Bevor ich dein Leser aber diese scheinbare Extravaganz klarlege, niliß ich eines von ihm als Vorbedingung verlangen. Er muß einsehen, daß