Mannheim
Compact Memory

Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands · 1911-11-01 · 11 (1.11.1911) · p. Seite 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
Volume
2 (1911)
Issue
11 (1.11.1911)
Date
1911-11-01
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/4926451-6352328-6352455--0240-4929510
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

umwobene, so einzigartige Dasein einer Korporation ausmachen? Warum eine neue, uurjüdische Verbindung gründen? Konnte er nicht einem der zahlreichen Korps, Burschenschaften rc. beitreten? Wenige Jahre zuvor war dies noch möglich. Nichts Prinzipielles lag gegen den jüdischen Kommilitonen vor. War er nicht persönlich ungeeignet zur Aufnahme in eine Verbindung, so war er gern gesehen wie jeder andere. Juden waren Mitbegründer und Mitglieder der angesehensten Korporationen. Und nun mochte er persönlich noch so geeignet sein, mochte noch so sehr alle Voraussetzungen eines echten Verbindungsstudenten erfüllen, jetzt lag gegen ihn ein prinzipielles Bedenken vor. Aber nicht nur derjenige Student merkte den Wechsel der Zeit, den das Burschenideal dem Korporationsleben zuwandte, der Antisemitismus beschränkte sich nicht aus die großen Kouleurverbände; er ergriff auch die loseren, auf wissenschaftlich-geselliger Grundlage gebildeten Studentenvereine, die Sportvereine, die losesten Zirkel, und endlich trat er hinaus auf die Straße. Nun war der jüdische Student keines ruhigen Angenblicks mehr gewärtig. Im Wirtshaus und im Kaffeehaus, wörtlich und tätlich wurde er angegriffen, aus der Gasse wurde er verhöhnt und verspottet. Wir wissen, wie im studentischen, so war es ähnlich im bürgerlichen, im gesellschaftlichen, im öffentlichen Leben. Aber nirgends waren die Formen des Antisemitismus so roh wie im Reiche der Jugend, auf den Universitäten. Tiefer Grimm ergriff die so Behandelten. Und aus dieser Stimmung heraus erwuchs eine interessante, unerwartete Bewegung. Die verächtlich Zurückgestoßenen taten, was eine kräftige, zukunftsfrohe Generation nur tun kann: Sie selbst gründeten Verbindungen herkömmlicher Art, mit Kouleur und Satisfaktion, aber nur aus Juden bestehend. Am 23. Oktober 1886 wurde die Verbindung V i a d r i n a in Breslau gegründet, seit Beginn von den übrigen Korporationen mit wilder Leidenschaft bekämpft. Die Kämpfe wurden derart, daß die Viadrina schließlich der Auflösung verfiel; ebenso erging es mehreren ihrer Nachfolgerinnen. Denn nach jeder Auflösung wurde unter anderem Namen neue gegründet. Die heute in Breslau bestehende Verbindung „Thuringia" wurde schließlich als nicht farbentragende Verbindung errichtet. Unabhängig von der „Viadrina", aber mit gleichem Prinzip, wurde die „Badenia" in Heidelberg gegründet. Auch sie wurde später aufgelöst; ihre Nachfolgerin ist die „Bavaria". Wertere Gründungen folgten in Berlin (Sprevia), München (Licaria), Freiburg (Ghibellinia), Bonn (Rheno-SiUsia), Darmstadt (Viadrina). Die sieben Verbindungen sind vereinigt im K.-C. (Kartell-Convent); sie stehen auf dem Boden der unbedingt-» Satisfaklion und tragen (mit Ausnahme der Breslauer Verbindung) Mütze und Band. Ihre im bürgerlichen Leben stehenden Alten Herren sind in Altherrenverbänden, Landesverbänden und Ortsgruppen vereinigt. Die K C.-Korporatronen haben zuerst der deutschen Judenheit gezeigt, wie man ehrenvoll den Kampf gegen den Antisemitismus gerade in seinen rohesten Formen aufnehmen kann. Sie haben der Entstehung des Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens würdig vorgearbeitet. Unter schweren Kämpfen haben sie sich behauptet. Heute ist ihre Lage durchweg eine vorzügliche; meist gehören sie den großen Studentenschafts-Ausschüssen ihrer Universitäten an. Denn fast überall ist anerkannt, daß sie, obwohl nur aus Juden bestellend, keine eigentlich konfessionellen Verbindungen sind; die Exklusivität entspricht nicht, wie etwa bei den katholischen Verbindungen, religiösen, also prinzipiellen Bedenken, sondern taktischen Erwägungen. Hat doch das Beispiel einiger gemischt-konsesstoneller Verbindungen zur Abwehr des Antisemitismus gezeigt, daß zu entschlossenem, stolzem, energischem Auftreten gegenüber den großen, die Juden ausschließenden Verbänden nur rein jüdische Verbindungen geeignet sind. Der K.C. steht auf dem Boden deutsch-vaterländischer Gesinnung (§ 3 des K.C.-Statuts). Er erstrebt die Beseitigung des Antisemitismus auf den deutschen Universitäten und will seine Mitglieder zu Männern erziehen, die auch im späteren bürgerlichen Leben gewillt sind, dem Antisemitismus in der rechten Weise entgegenzutreten. Der K.-C. nimmt keine Stellung zu den Versuchen, die gesamte internationale Judensrage zu lösen. Die K.C.-Verbindungen leben in der herkömmlichen fröhlich-geselligen Weise der deutschen Korporationen, ohne deren weniger gute Seiten nachzuahmen. Sie wollen ihren Mitgliedern so viel an studentischer Erziehung geben, wie es unter den obwaltenden Umständen notwendig ist; und indem sie den Typus des jüdischen Verbindungsstudenten schufen, haben sie auf den Gesamttyp des jungen jüdischen Akademikers durchaus günstig eingewirkt. Manche Untugend, welche unter den jüdischen Studenten früherer Zeit viel zu finden war. ist im Verschwinden begriffen. Und der Geist dieser Erziehung hat in der Judenheit auch weiterhin befruchtend gewirkt: Der Geist ritterlicher, mannhafter, offener Stellungnahme zu den drängendsten Tatsachen der antisemitischen Bewegung. Es sind nicht alle K.Cer. persönlich Anhänger der unbedingten Satisfaklion. Aber alle sind überzeugt, daß unter den herrschenden Verhältnissen die jüdische Studentenschaft nur mit Ehren bestehen kann, wenn aus ihrer Mitte Organisationen entstehen, die entschlossen die Waffen des Gegners ergreifen und unertiäglichem Angriff in üblicher Weise begegnen. Es ist in hervorragendem Maße mit ein Verdienst des K.C., wenn persönliche Insulte auf den Universitäten heute zu den Seltenheiten gehören. So bietet uns der K.C. das Bild einer fesselnden Bewegung. Er wird bestehen, solange die deutsche Studentenschaft vom Antisemitismus beherrscht ist. Getrosten Mutes tritt der K C. in das zweite Vierteljahrhundert des Bestehens der Bewegung. Er hat seinen zahlreichen Mitgliedern unendlich viel schöne und große Eindrücke ins Leben mitgegeben. Er hat sie gelehit, ihr Haupt wieder frei zu erheben, unter tausend Widrigkeiten ein junges, fröhliches Leben zu führen. Er ist ein Teil der gesamten großen jüdischen Jugendbewegung. Seine kulturelle Bedeutung sollte nicht unterschätzt werden. Mit unserer Sympathie und unseren aufrichtigen Wünschen nehmen wir an diesem Jubiläum teil, da doch die K.C.-Vereine als Vorläufer der jüdischen Jugendbewegung angesehen werden dürfen. Wir freuen uns feststellen zu können, daß der K. (5. unserem Verbände eine Anzahl überaus treuer und arbcitsfreudiger Mitglieder gestellt hat. . D. R.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.